Kinderbetreuung: Personalnot und Geldsorgen: NRW-Kitas weiter unter Druck

Datum16.08.2026 05:30

Quellewww.zeit.de

TLDRNRW-Kitas leiden unter Personalmangel und unsicherer Finanzierung. Obwohl die Zahl der Anmeldungen leicht sank, fehlt es an Plätzen für unter Dreijährige. Die geplante Kita-Reform ab 2027/28 soll helfen, wird aber wegen der Konzentration von Fachpersonal kritisiert. Träger fordern eine Sockelfinanzierung, da die aktuelle Pauschalenregelung die Kosten nicht deckt.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Kinderbetreuung“. Lesen Sie jetzt „Personalnot und Geldsorgen: NRW-Kitas weiter unter Druck“. Weniger Plätze und große Nöte: Die Zahl der beantragten Plätze in den nordrhein-westfälischen Kitas ist in diesem Jahr gesunken. Fast 741.900 Kinder besuchen mit dem Start des neuen Kita-Jahres 2026/27 in NRW eine Kindertageseinrichtung oder Tageseltern.  Die Zahl der von den Jugendämtern angemeldeten Betreuungsplätze reduzierte sich nach Angaben des Familienministeriums im Vergleich zum Vorjahr damit um rund 17.000, wobei die Entwicklung beim Bedarf an Plätzen regional unterschiedlich verlaufe. Als Grund für die gesunkene Zahl nannte das Ministerium rückläufige Geburtenzahlen, nachdem es in den vergangenen Jahren einen erheblichen Ausbau an Kita-Plätzen gegeben habe. Ein Jahr vor dem Start der Kita-Reform stehen die Einrichtungen in NRW nach Ansicht der SPD-Opposition vor alten Herausforderungen. "Gruppen schließen, Betreuungszeiten werden gekürzt und Eltern wissen morgens nicht, ob sie ihr Kind überhaupt in die Kita bringen können", so der familienpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Dennis Maelzer.  Auch das Kita-Bündnis NRW spricht von einer angespannten Lage. "Personalengpässe, eingeschränkte Betreuungsangebote und eine hohe Belastung der Beschäftigten werden die Einrichtungen weiterhin begleiten", so das Bündnis. Das grundlegende Problem bestehe fort: Die Finanzierung orientiere sich nach wie vor nicht ausreichend an den tatsächlichen Kosten der Einrichtungen. Auch die ab kommenden Jahr greifende Novelle des Kita-Gesetzes löse die strukturellen Probleme nicht. Zwar sind laut Ministerium in NRW knapp 150.560 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren (U3) und fast 530.920 für Kinder über drei Jahren vorgesehen. Und auch in der Kindertagespflege werden fast 60.420 Kinder betreut. Dennoch kann der Betreuungsbedarf der Familien laut dem kürzlich vorgestellten Familienbericht NRW nicht gedeckt werden.  Für rund 85.000 Kinder unter drei Jahren fehlten demnach im bevölkerungsreichsten Bundesland laut einer Ende 2025 vorgestellten Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Kita-Plätze. "Wenn es wirklich der Wunsch von Ministerin Schäffer ist, dass alle Kinder einen Kita-Platz bekommen, dann entfernt sie sich gerade von diesem Ziel, statt ihm näherzukommen", kommentiert SPD-Politiker Maelzer die Politik der Grünen-Familienministerin. In NRW gibt es mehr als 10.800 landesfinanzierte Kindertageseinrichtungen, in denen im Jahr 2025 knapp 175.000 Personen tätig waren. Zum Vergleich: 2015 waren es noch rund 9.550 Einrichtungen mit knapp 120.000 Personen.  Rund 148.000 Beschäftigte in den Kitas sind pädagogisch tätig, davon 95.000 Erzieherinnen und Erzieher. Hinzu kommen knapp 15.000 Kinderpflegerinnen und 13.000 Beschäftigte in Ausbildung oder im Anerkennungsjahr. Die SPD-Opposition verweist aber auch darauf, dass die Zahl der gemeldeten personellen Unterbesetzungen in Kitas über dem Vorjahresniveau liege.  Besserung soll die zum Kita-Jahr 2027/28 startende Reform des Kinderbildungsgesetzes (Kibiz) bringen. Damit möchte die schwarz-grüne Landesregierung die Betreuung auf eine verlässlichere Basis stellen. Das Gesetz hatte der Landtag kurz vor der Sommerpause beschlossen, es tritt aber erst im Sommer 2027 nach der NRW-Landtagswahl in Kraft. Gegen die Reform gab es massive Proteste. Umstritten war bis zum Schluss, dass der Einsatz von qualifiziertem Fachpersonal künftig auf Kernzeiten konzentriert werden soll. Randzeiten können mit anderen Betreuern abgedeckt werden, etwa staatlich geprüften Kinderpflegerinnen. Kurzfristige Schließungen einzelner Gruppen sollen durch begrenzte Überbelegungen anderer Gruppen aufgefangen werden. Das Land steckt Milliarden in die frühkindliche Bildung - allein 6,5 Milliarden Euro hat die Regierung in ihrem Haushaltsentwurf 2027 eingeplant - so viel wie nie zuvor. Mit dem neuen Kita-Gesetz stellt das Land den Kitas landesweit unbefristet pro Jahr 200 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung. 50 Millionen Euro fließen zusätzlich in die Sprachförderung. Das von CDU und Grünen in ihrem Koalitionsvertrag 2022 versprochene dritte beitragsfreie Kita-Jahr in NRW ist allerdings gut acht Monate vor der Landtagswahl weiter nicht in Sicht. Dieses würde nach Schätzungen mit rund 250 Millionen Euro in einem Kindergartenjahr zu Buche schlagen.  "Überbelastungen, Gruppenschließungen und Fachkräftemangel hängen unmittelbar mit den Finanzierungsmöglichkeiten der Träger zusammen", erklärt Stephan Jentgens von der Freien Wohlfahrtspflege NRW. Die Landesregierung pumpt schon jetzt mehr Geld ins System. So stellt das Ministerium bereits für das jetzt gestartete Kita-Jahr 2026/27 zusätzlich 200 Millionen Euro zur Verfügung. Dies bedeutet nach Angaben der Wohlfahrtspflege für eine dreigruppige Kita eine zusätzliche Förderung von rund 18.500 Euro pro Jahr.  Entscheidend werde aber sein, das Finanzierungssystem so umzustellen, dass konstant anfallende Sach- und Personalkosten einer Kita jederzeit auch bei schwankenden Belegungszahlen gesichert seien. Derzeit sei das durch die bestehenden Kind-Pauschalen, die nur für die tatsächlich angemeldeten Kinder gezahlt werden, nicht ausreichend gegeben. "Wir fordern deshalb eine Sockelfinanzierung für jede Kita", so Jentgens. "Politik und Träger sind gemeinsam auf dem Weg der Stabilisierung, aber noch nicht angekommen." Auch das Kita-Bündnis konstatiert: "Entscheidend wird sein, ob es gelingt, mit der angekündigten Kitaformel eine Finanzierung zu entwickeln, die sich endlich am tatsächlichen Bedarf der Kitas orientiert." Die KiBiz-Novelle löse die grundlegenden Finanzierungs- und Personalprobleme noch nicht. © dpa-infocom, dpa:260816-930-536137/1