Datum16.08.2026 04:15
Quellewww.zeit.de
TLDRExtremes Niedrigwasser im Rhein führt zu drastischen Einschränkungen. Fährbetriebe stellen den Betrieb ein, um Schäden zu vermeiden. Neue, riesige Kiesbänke legen historische Artefakte und gefährliche Weltkriegsbomben frei. Schifffahrt und Tourismus sind stark beeinträchtigt. Wasserschutzpolizei warnt vor den Gefahren des Flusses, der durch Niedrigwasser tückischer wird.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Niedrigwasser“. Lesen Sie jetzt „Neue Kiesbänke, alte Bomben - Niedrigwasser verändert Rhein“. Heinz-Dieter Kimpel steht in Kaub am Mittelrhein - und in einer langen Tradition: "Mein Großvater und mein Vater waren schon Binnenschiffer, ich selber bin 25 Jahre lang die Fähre hier gefahren und jetzt macht es mein Sohn." Doch so ein extremes Niedrigwasser infolge von Trockenheit habe noch niemand in der Familie erlebt. "Das hätte ich mir nicht vorstellen können", sagt Kimpel, 83 Jahre alt. Wie erleben Fährleute, Anwohner, Niedrigwassertouristen, Camper und Wasserschutzpolizisten die gefallenen Rekord-Pegelstände einer der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt? Kimpels Sohn Andre (57) steht auf der Kauber Autofähre im Welterbe Oberes Mittelrheintal mit Blick auf die Höhenburg Gutenfels und die Inselburg Pfalzgrafenstein. Noch nie seit Beginn der Messungen ist der Wasserspiegel hier so tief gefallen. Der für die Schifffahrt wichtige Pegel Kaub hat das rheinland-pfälzische Städtchen in die internationalen Schlagzeilen gehievt. Der Wasserstand ist hier so tief gesunken, dass auf der digitalen Anzeige am historischen Pegelhäuschen keine Ziffern mehr auftauchen. Andre Kimpels Fähre hängt am Ufer fest, am 10. August war Feierabend: "Da habe ich den Betrieb eingestellt." Zu wenig Wasser, zu viel Risiko. Er wolle nicht mit seinen beiden Schiffsschrauben auf Grund aufsetzen und sie beschädigen. "Der Antrieb kostet 25.000 Euro", sagt Kimpel junior. Über die Reling deutet er nach unten im Rhein: "Da können Sie schon den Fußboden sehen." Gewöhnlich sei Niedrigwasser erst im Herbst am ausgeprägtesten. Es könnte also noch schlimmer werden, trotz des vorhergesagten Regens in der neuen Woche. "Außerdem sanieren wir im Oktober, November unsere Rampe am anderen Rheinufer", erklärt der 57-Jährige. Dann müsse seine Fähre weitere vier Wochen ruhen - noch mehr Umsatzverlust und noch längere Umwege für Berufspendler über den Strom. Kimpel nutzt die Zwangspause seiner Fähre am Kauber Ufer: Mit einem Schwingschleifer klettert er auf ein Metallgerüst neben dem Steuerhaus und bereitet einen neuen Anstrich vor. Sein Vater Heinz-Dieter Kimpel ist auch Anwohner in Kaub. Gerne schaue er von zu Hause auf den Fluss. "Aber es gibt kaum noch etwas zu gucken", klagt er. Nur selten fahren noch Frachtschiffe, mit wenig Ladung. Größere Hotelschiffe fehlen, sie können ihren Tiefgang kaum verringern. Manche Schiffstouristen sind daher streckenweise mit Bussen weiter befördert oder auf Alternativrouten geschickt worden, wie es in der Branche heißt. Rhein-Nebenflüsse wie Main und Mosel haben Staustufen und daher weniger Probleme mit Niedrigwasser. Die fallenden Pegelstände haben im Rhein eine Unzahl von Sand- und Kiesbänken freigelegt. Der sogenannte Jungferngrund bei Oberwesel etwa ist jetzt riesig. "Hier habe ich neulich meinen Geburtstag gefeiert, mit Campingstühlen und Tischen", sagt Thorsten Witte auf der Kiesbank. Meist überflutet sie der Rhein, "aber jetzt brauchen Spaziergänger 50 Minuten, um hier außen rumzulaufen", erzählt der 61-Jährige aus Heidenrod im hessischen Taunus. Bamboo, sein Hund, paddelt derweil im Niedrigwasser. Witte hat ein Aquarium-Thermometer: "Das Wasser ist hier nicht unter 25 Grad warm", sagt der Ausflügler. An einem Hitzerekordtag habe er beim Jungferngrund 28,2 Grad Wassertemperatur gemessen. Am Kauber Ufer überlegt derweil das Ehepaar Maria und Christoph Pellengahr aus Eppstein im hessischen Vordertaunus, sich auch noch den Mäuseturm auf einem Rheininselchen bei Bingen anzuschauen - das Niedrigwasser lässt nun viel weniger diese Insellage erkennen. "Das ist wirklich spannend", meint Christoph Pellengahr. Auf dem Campingplatz bei St. Goar gegenüber vom weltberühmten Loreley-Rheinfelsen steigt Ansgar Langenhorst aus seinem Wohnmobil. Er komme gerade vom Bodensee: "Der hat jeden Tag zwei, drei Zentimeter Wasser verloren", sagt der Tourist aus dem Kreis Steinfurt in NRW. Der große See ist ein wichtiges Wasserreservoir des Rheins. Vor einem anderen Wohnmobil sitzt ein Ehepaar von der Nordsee-Halbinsel Butjadingen. "Wir haben mal Hochwasser beim Harz erlebt. Das war auch schlimm. Aber Niedrigwasser gibt es ja auch", sagte Gisela Welpe. Ehemann Wilfried bedauert, dass daher beim Koblenzer Feuerwerk-Spektakel "Rhein in Flammen" am 8. August der traditionelle Schiffskonvoi abgesagt worden ist. Bei Wiesbaden ist ein Streifenboot der Wasserschutzpolizei auffallend langsam in einem Rhein-Seitenarm unterwegs. Bei rascherer Fahrt würde der Bug nach oben steigen und das Heck sich nach unten senken, erklärt ein Beamter - zu riskant bei so wenig Wasser. Doch die Wasserschutzpolizei bliebe auch bei einem noch niedrigeren Wasserspiegel handlungsfähig - mit ihren kleinen, schnellen Schlauchbooten mit wenig Tiefgang, versichert der Polizist am Steuerruder. Dringend warnt er vor leichtfertigem Schwimmen im Rhein - der Fluss ist mit seinen Strömungen und Schiffen tückisch. 19 Badetote hat es 2025 alleine in hessischen Gewässern gegeben - und auch schon mehrere in diesem Jahr. Auch mit Bomben und Munition aus dem Zweiten Weltkrieg hat die Wasserschutzpolizei immer wieder zu tun - im Niedrigwasser tauchen zahlreiche gefährliche Funde auf. Diese sind dann Fälle für Kampfmittelräumer. © dpa-infocom, dpa:260816-930-536007/1