Datum15.08.2026 07:57
Quellewww.spiegel.de
TLDRIntensivmediziner Uwe Janssens bezweifelt die RKI-Schätzung von 12.500 Hitzetoten in Deutschland. Er vermutet mehrere Tausend mehr, da hitzebedingte Todesursachen oft nicht erfasst werden. Besonders alleinlebende Ältere mit Vorerkrankungen seien gefährdet. Janssens kritisiert die Untätigkeit der Regierungen und fordert einen nationalen Hitzeschutzplan sowie mehr Unterstützung für gefährdete Personen. Er beklagt, dass Menschen in Deutschland "an gesellschaftlicher Vernachlässigung" sterben.
InhaltNach Berechnungen des Robert Koch-Instituts ist die Zahl der Hitzetoten in Deutschland auf 12.500 Todesfälle gestiegen. Ein Intensivmediziner geht davon aus, dass es "sicherlich mehrere Tausend Todesfälle mehr" seien. Hitzeperioden haben deutschlandweit in diesem Jahr nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zu rund 12.500 Sterbefällen geführt. Der medizinische Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, hält die RKI-Schätzung für zu niedrig. "Es sind sicherlich mehrere Tausend Todesfälle mehr", sagte der Intensivmediziner den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Viele Fälle würden nicht als hitzebedingt erfasst, weil auf Totenscheinen etwa Organversagen stehe. Er gehe deshalb davon aus, dass die Zahlen des Robert Koch-Instituts "nicht die gesamte Dramatik abbilden". Besonders gefährdet seien alleinlebende ältere Menschen mit Vorerkrankungen. "Alte Menschen haben kein richtiges Durstempfinden mehr. Sie merken nicht, dass sie Flüssigkeit verlieren und gegensteuern müssen", so Janssens. Mit fehlender Flüssigkeit verändere sich dann die Konzentration der Körpersalze. "Die Menschen trocknen aus", sagt Janssens, der auch Direktor der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital Eschweiler ist. "In der Regel versagt die Niere, weil die Menschen austrocknen." "Ich bin, auch als Bürger, extrem verstört über die Tatenlosigkeit der Bundes- und Landesregierungen", sagte Janssens. Er fordert einen verbindlichen nationalen Hitzeschutzplan und mehr Geld für den Hitzeschutz in Kliniken. Zudem brauche es mehr Nachbarschaftshilfe, psychosoziale Unterstützung und Netzwerke, um gefährdete Menschen bei Hitzewellen frühzeitig zu erreichen. In Frankreich etwa kontaktierten Kommunen registrierte vulnerable Personen aktiv. In Deutschland hingegen "sterben Menschen nicht nur an der Hitze, sondern letztlich auch an gesellschaftlicher Vernachlässigung", so Janssens. Das Robert Koch-Institut schätzt, dass die Hitze in Deutschland vom 6. April bis zum 2. August zu rund 12.500 Todesfällen geführt hat. Besonders viele Tote gab es demnach während der Hitzewelle vom 22. bis 28. Juni: Für diese Woche geht das RKI von rund 9600 hitzebedingten Todesfällen aus. Dem RKI zufolge handelt es sich um eine konservative Schätzung, die nachträglich noch angepasst werden kann.