Datum15.08.2026 07:14
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Artikel thematisiert die dringende Notwendigkeit, auf die Folgen des Klimawandels zu reagieren. Angesichts extremer Wetterereignisse wie Dürren und Hitzewellen betont der Autor, dass sowohl kurzfristige als auch langfristige Maßnahmen erforderlich sind. Er kritisiert Energiekonzerne für ihre Gewinne und die Umweltzerstörung. Historische Klimaziele und erfolgreiche erneuerbare Energienprojekte werden als Beispiele für Lösungsansätze genannt. Der Autor appelliert an individuelle und politische Handlungsoptionen zur Bewältigung der Klimakrise und zur Anpassung an deren Folgen.
InhaltNiedrigwasser, Dürre, Brände, Hitzetote: Die Folgen des Klimawandels sind in diesem Sommer eindrücklicher denn je. Wir können aber etwas unternehmen, kurzfristig und auf lange Sicht. Die Energiekonzerne haben uns ausgenommen. Im Frühjahr dieses Jahres hat jeder der acht Ölriesen pro Minute 700.000 Dollar Gewinn gemacht . Zugleich verursachen sie mit der Zerstörung des Klimas Milliardenkosten. Im vergangenen Jahr haben Wissenschaftler im angesehenen "Nature"-Magazin erstmals Ölkonzerne direkt verantwortlich gemacht für frühere Extremereignisse ähnlich Europas Hitzewellen 2026. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat die wirtschaftlichen Folgen fehlenden Klimaschutzes in der aktuellen Dürre diese Woche auf eine halbe Milliarde Euro am Tag beziffert . Und da wusste noch niemand von den Evakuierungen Tausender Einwohner in der Eifel. Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Sind wir nur hilflos? Nein. Wir könnten was tun, wir sollten etwas tun, schon aus purem wirtschaftlichem Eigeninteresse. Ganz zu schweigen von den Interessen unserer Kinder und Enkel. Unser Leben, unsere Arbeitsplätze und unser Wohlstand hängen an vernünftigen Antworten auf den Klimawandel. Meine Generation weiß das ganz genau. Ich bin 63. Als ich in den Achtzigerjahren studierte, richtete der Bundestag mit den Mehrheitsstimmen von Union, SPD, FDP und auch Grünen eine sogenannte Klimaenquete-Kommission ein und diese schrieb 1988 bis 1990 drei dicke Berichte, darunter einen zu den möglichen Folgen des Klimawandels: "Die Bestandsaufnahme zeigt eindringlich, wie stark die gesamte Erdatmosphäre und damit die Erde selbst durch den zusätzlichen Treibhauseffekt und den Ozonabbau in der Stratosphäre gefährdet sind", schrieben die Abgeordneten . "Gewaltige Anstrengungen" seien nötig, um das Schlimmste abzuwenden. Auch die Bundesregierung eines Helmut Kohl (CDU) mit einem Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) war zu der Überzeugung gelangt, dass wir unsere Wirtschaft anpassen müssen, damit die Klimaveränderungen nicht zu gravierend würden. Und dass eine angepasste, der Zukunft zugewandte Wirtschaft mit technischen, ökologischen Lösungen weltweit Erfolge feiern würde. Die Bundesregierung beschloss im Oktober 1990 als erste Regierung weltweit ein Klimaziel für das Land – 25 Prozent weniger CO₂-Emissionen bis 2005. Töpfer freute sich in den Neunzigerjahren über Hunderttausende Jobs in dem Bereich. Aus dem Chemiedreck in Bitterfeld wurde einige Jahre später das Solar-Valley, der Bitterfelder Bogen führte über die Sonnenallee in Europas größten Standort der Photovoltaik-Industrie. Und der Chef einer der deutschen Solarfabriken, Solarworld, träumte schließlich 2008 sehr öffentlich davon, den Amerikanern den strauchelnden Opel-Konzern für eine Milliarde Euro abzukaufen, um dort Öko-Autos zu bauen. Kanzler Kohl schließlich hatte schon in den Neunzigerjahren alles darangesetzt, das Klimasekretariat der Uno nach Bonn zu holen. Den Arbeitsauftrag bekam 1994 die damalige Umweltministerin Angela Merkel. Und sie lieferte. Kohl war Rheinland-Pfälzer. Die Vorstellung, dass der Rhein wegen der Klimaveränderungen vor seiner Nase, in der Kleinstadt Kaub, noch zwölf Zentimeter Pegelstand hat , seine Chemiefabrik der BASF in Ludwigshafen per Schiff nicht mehr richtig beliefert werden kann, wäre ihm – und ebenso Töpfer – unerträglich gewesen. Der trachtete die Glaubwürdigkeit seiner Politik vor 40 Jahren zu unterstreichen, indem er durch den Rhein schwamm. Nicht durch den Rhein spazierte. Niedrigwasser-Kaub schaffte es diese Woche in die "New York Times" und Chinas Nachrichtenagentur Xinhua. Allein der versiegende Rhein und die Dürren der laufenden Wochen werden wirtschaftliche Schäden im zweistelligen Milliardenbereich verursachen und das Wirtschaftswachstum 2026 womöglich auf null reduzieren. Die Schäden beim Niedrigwasser sind wirtschaftlich das Pendant zu den Milliardenschäden durch die Ahrtalflut von vor fünf Jahren. Und die Schäden sind nicht nur wirtschaftlich. Das Robert Koch-Institut (RKI) geht von 10.000 hitzebedingten Toten durch die Hitzewellen der vergangenen zwei Monate aus . Das hätte vor Jahren einen politischen Aufstand ausgelöst. Aktuell bleiben sie ohne größere politische Reaktion. Nicht einmal Klimaschutzräume, wie sie in südeuropäischen Metropolen wie Barcelona üblich sind , werden hierzulande intensiv diskutiert. Dort kann jede Bürgerin, jeder Bürger, in zehn Minuten zu Fuß einen solchen Klimaschutzraum erreichen. Sei es eine Kirche, eine Bibliothek oder das Einkaufszentrum. 10.000 Hitzetote, das sind fast viermal so viele, wie es im ganzen Jahr in Deutschland an Verkehrstoten gibt. Oben habe ich versprochen, ich schreibe hier auf, was Sie tun können. Ihre Handlungsmöglichkeiten sind einerseits privat, betreffen wirtschaftliche und Verhaltensentscheidungen. Und dann sind sie natürlich auch politisch. Persönlich und kurzfristig können Sie den Klimawandel nicht bekämpfen. Sie sollten sich nur so gut es geht an das veränderte Klima anpassen. Kurzfristig: Mittelfristig: Langfristig: Auch hier haben Sie kurzfristige, mittelfristige und langfristige Möglichkeiten. Die brauchen wir alle gemeinsam auch, denn weder mehr Klimaschutz noch bessere Anpassung werden wir individuell gewährleisten können. Gleichzeitig heißt politisch an dieser Stelle natürlich erst mal noch nicht parteipolitisch, sondern zunächst konkret bezogen auf bestimmte Vorhaben und Regeln. Wichtig ist dabei, zwei Grundregeln des Systems zu verstehen. Politische Akteure sind besonders dann gut ansprechbar, wenn sie demnächst wiedergewählt werden wollen. Also kurz vor der Wahl. Und wenn Sie und wir es schaffen, Strukturen einmal zu verändern, lässt sich mit einer vermeintlich kleinen Änderung zu Beginn ein großer Effekt erzielen. In diesem Sommer hat das Parlament das Gesetz zum Energy-Sharing verabschiedet, mit dem Sie Solarstrom viel einfacher mit dem Nachbarn teilen können. Bei vielen Solaranlagenbetreibern läuft demnächst nach 20 Jahren die Einspeisevergütung aus. Sie und all die neuen Betreiber mit größeren Anlagen können von diesen neuen Regeln profitieren . Kurzfristig: Mittelfristig: Langfristig: Und heute? Die Verbrennerindustrie hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten für ihre Eigentümer viele Milliarden verdient. Subventionen sollten diese Konzerne nicht brauchen. Dies ist ein demokratisches Land. Hier haben wir alle das Sagen. Aber auch wir müssen klug sein und unsere Zukunft subventionieren wie die Chinesen. Europa erwärmt sich heute schon schneller als der Rest der Welt. Wir müssen deshalb für unsere eigene Zukunft den Klimawandel bekämpfen und den Umgang mit den bereits unvermeidbaren Folgen erlernen. Für unsere Zukunft. Denn die Zukunft, das ist unser gutes Leben, sind die Jobs unserer Kinder und unsere Renten.