Lage in der Ukraine: Lässt sich die Front noch verschieben?

Datum14.08.2026 20:09

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Frontlinie in der Ukraine bewegt sich kaum, was Durchbrüche erschwert. Russland versucht, Panzer wieder stärker einzusetzen und nutzt Infiltrationstaktiken. Beide Seiten experimentieren mit neuen Technologien, doch bisher gibt es keine Aussicht auf einen Ausbruch aus dem Stellungskrieg. Der Mangel an gepanzerten Durchbrüchen und die Dominanz von Drohnen erschweren die Kriegsführung. Die wichtigste Ressource beider Seiten bleibt menschliche Arbeitskraft.

InhaltDie Front in der Ukraine bewegt sich kaum, Durchbrüche gelten als unmöglich. Doch nun versucht Russland, Panzer auf das Schlachtfeld zurückzubringen. Der Wochenrückblick 745 Quadratkilometer: So viel Territorium will die Ukraine nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj im Südosten des Landes befreit haben. Mehr als 26 Siedlungen in einem Gebiet, das Teile der Regionen Dnipropetrowsk, Saporischschja und Donezk umfasst, sei die Kontrolle wiederhergestellt worden, teilte Selenskyj am Mittwoch mit. Tatsächlich dürfte nur ein Teil dieses Gebiets tatsächlich unter ukrainischer Kontrolle sein. Das Institute for the Study of War (ISW) spricht von etwa 627 Quadratkilometern in dem Sektor; die in ihren Angaben in der Regel wesentlich vorsichtigere ukrainische Analystengruppe DeepState weist sogar nur knapp 260 Quadratkilometer als befreit aus.  Die Geländegewinne sind Ergebnis monatelanger ukrainischer Angriffe in dem Sektor, die im Februar begonnen haben und bis heute anhalten. Mit schnellen Vorstößen hatte Russland im Spätherbst 2025 dort einen neuen Schwerpunkt der Kämpfe geschaffen – und sich dabei offenbar überdehnt, wie die ukrainischen Vorstöße nahelegen.  Im Verhältnis zu den russischen Eroberungen in den vergangenen Jahren verblassen jedoch sowohl der russische Vormarsch seit Anfang 2026 – etwas mehr als 700 Quadratkilometer, hauptsächlich im Osten und Nordosten der Ukraine – als auch die von der Ukraine veranschlagten Rückeroberungen im Süden. Kann die Front in dem Krieg, in dem es Russland zumindest nach Angaben der Führung in Moskau weiterhin um die Eroberung von Gebiet gehen soll, überhaupt noch substanziell bewegt werden? Spätestens seit Anfang 2025 lautet die naheliegende Antwort: Nein. Der ukrainische "Drohnenwall" sollte damals eine als Killzone bezeichnete Pufferzone entlang der gesamten Frontlinie schaffen, in dem Angriffe keine Aussicht auf Erfolg haben. Das Konzept schien in der ersten Jahreshälfte aufzugehen – bis Russland im Sommer ein Gegenmittel fand. Auf Basis des Vorgehens der früheren Söldnergruppe Wagner erarbeiteten russische Kommandeure ihre Taktik der Infiltration: Kleine Gruppen von Soldaten sickern unbemerkt durch die Front hindurch, sammeln sich im Rücken der Verteidiger und zwingen diese so zum Rückzug oder kreisen sie ein.  Diese Taktik ermöglichte Ende 2025 die langsamen und verlustreichen, aber stetigen russischen Gebietsgewinne in Donezk. Was dabei nur noch eine untergeordnete Rolle spielte: Kampfpanzer und weitere gepanzerte Fahrzeuge. Die Ukraine, die bei ihrer Offensive im russischen Kursk ein Jahr zuvor Hunderte Einheiten an Panzertechnik verlor, setzte derartige Waffen zu diesem Zeitpunkt ebenfalls immer weniger ein. Auch mithilfe von Zahlen der Verluste von Panzerfahrzeugen lässt sich ihre sinkende Rolle auf dem Schlachtfeld nachverfolgen. Haben die beiden Kriegsparteien 2022 pro Monat im Schnitt noch fast 600 Panzerfahrzeuge verloren, darunter mehr als 200 Kampfpanzer, waren es seit Anfang 2026 nur noch gut 120 verlorene Panzerfahrzeuge pro Monat und etwa ein Kampfpanzer pro Tag.  Zeitweise waren die ukrainischen Verluste sogar höher als die russischen, eine seit Kriegsbeginn nur selten beobachtete Situation. Ein Grund dafür: Russland kann dank seiner Infiltrationstaktik schwere Panzerfahrzeuge schonen und bringt Soldaten regelmäßig in kaum geschützten Transportwagen in Frontnähe. Von dort aus müssen die Infanteristen in der Regel noch kilometerweite Wege bis zu ihren Stellungen zu Fuß überwinden. Ähnlich geht auch die Ukraine vor. Obwohl die Infiltrationstaktik einen der größten Vorteile Russlands ausspielt – die deutlich höheren personellen Reserven im Vergleich zur Ukraine – hat sie auch einen entscheidenden Nachteil: Der damit erkaufte Vormarsch ist langsam, da klassische Frontdurchbrüche mithilfe schwer bewaffneter Panzerverbände schlicht nicht mehr vorgesehen sind.  Der russische Staatschef Wladimir Putin will jedoch so schnell wie möglich seine territorialen Minimalziele – allem voran die komplette Eroberung von Donezk – erreichen. Daher ist es kaum überraschend, dass Russland versucht, Panzer wieder zum Faktor auf dem Schlachtfeld zu machen. Ende Juli veröffentlichte das ukrainische Militär Aufnahmen eines gescheiterten russischen Angriffs westlich der seit Monaten schwer umkämpften Stadt Kostjantyniwka. Darauf zu sehen: die Zerstörung gleich mehrerer Kampfpanzer und weiterer Panzerfahrzeuge, inzwischen eine Seltenheit. Der Einsatz von Panzertechnik wird auf russischer Seite sogar explizit hervorgehoben, beispielsweise in einer Meldung des Verteidigungsministeriums vom Mittwoch, in der die Eroberung der Siedlung Bilyzke in Donezk gemeldet wurde.  Und auch die Zahl der Verluste an Militärtechnik bestätigen den Eindruck, Russland versuche sich zuletzt wieder an Angriffen mit Panzerkolonnen. So ist auf ukrainischer Seite der Anteil verlorener Kampfpanzer an allen zerstörten oder beschädigten Panzerfahrzeugen seit 2022 von etwa einem Drittel auf ein Viertel gesunken. Dasselbe ist auf russischer Seite zu beobachten – allerdings nur bis 2025. In diesem Jahr jedoch war fast jedes zweite verlorene russische Kampffahrzeug ein Kampfpanzer.  Um solche Angriffe trotz der Bedrohung durch ukrainische Drohnen zu ermöglichen, modernisiert Russland offenbar seine Technik. Videos russischer Attacken von Ende Juli und Anfang August zeigten nach Angaben des ISW und weiterer Beobachter, wie auf mindestens einem russischen Panzer das System Antena-M installiert war, das an der Front bis dahin nicht beobachtet wurde. Dieses sogenannte aktive Verteidigungssystem wurde ursprünglich zur Abwehr klassischer Panzerabwehrwaffen entwickelt, ist inzwischen jedoch auch für den Einsatz gegen Drohnen optimiert. So kann es gegnerische Drohnen erkennen und selbstständig auf sie feuern. Wie ein ukrainischer Soldat und Militärblogger berichtete, werden dadurch bis zu 20 Drohnen nötig, um einen Panzer aufzuhalten. "Die russischen Truppen experimentieren weiterhin mit neuen technologischen Innovationen, um mechanisierte Manöver (…) wieder möglich zu machen und aus dem Stellungskrieg auszubrechen", kommentiert das ISW diese Entwicklung. Ob das ausreicht, um solche Angriffe wieder effektiv zu machen, ist jedoch zweifelhaft. So verweist das ISW darauf, dass Drohnen nur ein Element der ukrainischen Verteidigung in der Killzone seien; gegen die in den vergangenen Jahren stark ausgebauten Verteidigungsstellungen entlang der gesamten Frontlinie ist demnach bislang kein Mittel gefunden worden. Jakub Janovsky, der Betreiber der Oryx-Datenbank, verwies auf X zudem auf die Zahl von 20 Drohnen, die nun pro Panzer nötig seien: Es sei ein "absolut machbarer Wert." Russland könne "seine gesamte Flotte an gepanzerten Gefechtsfahrzeugen an die Front werfen", und würde dabei nicht mehr erreichen, als sie zu verschrotten. Auch die Ukraine hatte sich in den vergangenen Monaten an gepanzerten Angriffen versucht – ohne Erfolg, unter hohen Verlusten und ausgerechnet durch einen für den brutalen Umgang mit ihren Soldaten berüchtigten Verband, was für Kritik in ukrainischen Medien sorgte. Denn das Scheitern solcher Manöver ist in der Ukraine bereits bei ihrer Gegenoffensive 2023 ersichtlich geworden. Das dabei übliche Vorgehen – eine vom Gegner unbemerkte Konzentration von gepanzerten Einheiten, Fußsoldaten und Artillerie in einem Gebiet zum Zweck eines schlagartigen Durchbruchs – wurde den ukrainischen Truppen von westlichen Militärs im Vorfeld der Offensive beigebracht. Auf dem Schlachtfeld in der Ukraine erwies es sich als nutzlos, wie etwa das britische Strategie-Institut RUSI in einer Analyse zu Möglichkeiten gepanzerter Angriffe unter heutigen Bedingungen hervorhob. Zwar setzten einige ukrainische Verbände ebenfalls in größerem Maße Panzertechnik ein, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen – zu denen viele Einheiten nicht in der Lage wären. Somit haben weder die Ukraine noch Russland derzeit eine Perspektive, aus dem Stellungskrieg auszubrechen und Durchbrüche wieder zu ermöglichen. Die Rückkehr der Panzer, sofern sie überhaupt stattfindet, bleibt vorerst riskant und punktuell. Die wichtigste Ressource, für beide Kriegsparteien, bleiben weiterhin Menschen. Nicht umsonst herrscht in der Ukraine Sorge vor einer möglichen Mobilmachung in Russland. Denn personell wird das russische Militär dem ukrainischen auf absehbare Zeit klar überlegen bleiben. Ein russisches Gericht hat die liberale Partei Jabloko von der Parlamentswahl im September ausgeschlossen. Zur Wahl der einzigen russischen Partei, die sich offen für ein sofortiges Kriegsende ausspricht, hatte zuvor Julija Nawalnaja aufgerufen, die im Exil lebende Witwe des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. Den Ausschluss der Partei bezeichnete Nawalnaja als Zeichen, dass das Putin-Regime Angst vor einem Erfolg der Antikriegspartei habe. Weil ihre Wahlempfehlung nicht mehr umsetzbar sei, solle auf einen "Plan B" zurückgegriffen werden, sagte sie an die russischen Wahlberechtigten gerichtet: Nawalnajas Wahlempfehlung gilt damit nun auch Parteien, die der russischen Scheinopposition angehören. Regimetreue Parteien wie die kommunistische KPRF, die linksnationale SR die rechtsextreme LDPR fallen damit ebenfalls unter die Nawalnajas Empfehlung – obwohl ihre führenden Vertreter den Krieg gegen die Ukraine befürworten und teils eine noch härtere Kriegführung fordern. Das wiederum sorgte für Missbilligung seitens ukrainischer Kommentatoren. So warf der ukrainische Publizist Witalij Portnykow Nawalnaja vor, aus der relativen Sicherheit des Exils heraus ihre Landsleute zur Wahl von Parteien aufzurufen, die dem Regime dienlich seien – und damit auch der Fortsetzung des Krieges: In der Nacht zum Mittwoch hat die Ukraine den russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk attackiert. Dorthin hatte Russland die Schiffe seiner Schwarzmeerflotte verlegt, nachdem sie in ihrem bisherigen Heimathafen in Sewastopol auf der Krim regelmäßig Ziel ukrainischer Angriffe geworden sind.  Bei dem Angriff auf Noworossijsk hat das ukrainische Militär nach eigenen Angaben vier Kriegsschiffe beschädigt. Einige der auf Satellitenbildern sichtbaren Schäden betreffen nach Angaben ukrainischer Militäranalysten Abschussvorrichtungen für Marschflugkörper sowie Radaranlagen. Wie stark die Einsatzfähigkeit der Schiffe dadurch beschränkt wird, geht aus den Angaben nicht hervor. In Noworossijsk befindet sich nicht nur ein Militärhafen, sondern auch der größte Handelshafen Russlands. Das Brandmeldesystem der Nasa zeigte nach dem Angriff Feuer im Handelshafen der Stadt sowie an einem Ölverladeterminal. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf russische Branchenkreise berichtet, mussten alle drei Terminals zum Verladen von Getreide ihren Betrieb einstellen.  Den Rückblick auf die vergangene Woche finden Sie hier. Verfolgen Sie alle aktuellen Entwicklungen im russischen Krieg gegen die Ukraine in unserem Liveblog.