«Verhaltenslehren der Kälte»: Kulturwissenschaftler Helmut Lethen ist tot

Datum14.08.2026 18:24

Quellewww.zeit.de

TLDRDer Germanist und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen ist mit 87 Jahren gestorben. Er ist bekannt für seine Studie "Verhaltenslehren der Kälte", in der er Härte-Habitus in der Zwischenkriegszeit untersuchte. Lethen lehrte in Utrecht und Rostock und leitete das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Sein Verlag würdigt ihn als prägenden Denker. Lethens letzte Erinnerungen erschienen 2020. Eine Theatertrilogie, inspiriert von seiner Partnerschaft mit einer intellektuellen der Neuen Rechten, wird als Metapher für Europa gesehen.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „"Verhaltenslehren der Kälte"“. Lesen Sie jetzt „Kulturwissenschaftler Helmut Lethen ist tot“. Der Germanist und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Das teilte sein Verlag Rowohlt Berlin mit. Demnach starb Lethen am Donnerstag (13.8.) in Wien. Bekanntheit erlangte Lethen durch seine Epochenstudie "Verhaltenslehren der Kälte" (1994) und das Gottfried-Benn-Porträt "Der Sound der Väter" (2006).  Für das autobiografisch gefärbte Buch "Der Schatten des Fotografen", in dem der Schriftsteller etwa Robert Capas Kriegsbilder untersuchte, erhielt er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch. Lethen wurde 1939 in Mönchengladbach geboren. Von 1977 bis 1996 lehrte er an der Universität Utrecht, später übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock. Von 2007 bis 2016 leitete er das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. "Helmut Lethen zählt zu den prägenden Denkern der Gegenwart und zu den charismatischsten Vertretern der Kulturwissenschaften in Deutschland", hieß es von seinem Verlag. Man verliere "einen außergewöhnlich großherzigen Menschen, dessen Heiterkeit und intellektuelle Neugier bis zuletzt ansteckend waren". Als sein wichtigstes Werk galt "Verhaltenslehren der Kälte - Lebensversuche zwischen den Kriegen". Am Beispiel von Autoren wie Bertolt Brecht, Ernst Jünger oder Helmuth Plessner zeigte Lethen darin, wie in der Weimarer Republik und eben Zwischenkriegszeit - als nach dem Ersten Weltkrieg Moral und Traditionen zusammengebrochen waren - Verhaltenslehren propagiert wurden, die auf einen Habitus der Härte setzten. 2020 erschienen Lethens Erinnerungen "Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug". Beim diesjährigen Berliner Theatertreffen mit den bemerkenswertesten Inszenierungen des Jahres war das Stück "Three Times Left is Right" eingeladen, eine Produktion von Studio Julian Hetzel in Koproduktion mit den Wiener Festwochen und dem Schauspiel Leipzig. Verhandelt wird in der 2025 uraufgeführten Performance mit Josse De Pauw und Kristien De Proost eine hochpolitisierte Paarbeziehung. Er ist alt und links, sie ist viel jünger und rechts - und trotzdem funktioniert es irgendwie. Regisseur Julian Hetzel erzählte in Interviews, dass die "Three Times Left is Right"-Inspiration Helmut Lethens Partnerschaft gewesen sei, denn auch seine Partnerin sei Schriftstellerin und Intellektuelle, "allerdings vertritt sie eine radikal andere ideologische Haltung". Sie habe sich von einer linken Position hin zur extremen Rechten bewegt. "Caroline Sommerfeld war - und ist vielleicht immer noch - eine der führenden intellektuellen Persönlichkeiten der Neuen Rechten in Deutschland und Österreich. Die beiden haben außerdem drei gemeinsame Kinder. Und wir dachten: Das ist eine interessante Situation."  Es sei ihnen, erklärte Hetzel, wie "eine Metapher für Europa" vorgekommen. "Menschen mit sehr unterschiedlichen, ja sogar gegensätzlichen Ansichten sitzen an einem Tisch, um über die Zukunft zu diskutieren - sei es die ihres Landes oder, in diesem Fall, die ihrer Kinder. Wir wurden richtig neugierig: Wie schaffen sie das?" © dpa-infocom, dpa:260814-930-531909/1