Datum14.08.2026 17:11
Quellewww.spiegel.de
TLDRKünstliche Intelligenz (KI) kann die Energiewende unterstützen, birgt aber erhebliche Klimarisiken. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass der enorme Energie- und Wasserverbrauch von KI, insbesondere durch Datenzentren, die globalen Emissionen drastisch erhöhen könnte. In Nordrhein-Westfalen verzögert die KI-Nachfrage die geplante Abkehr von der Kohle. Trotz potenzieller Vorteile überwiegen laut Studie die negativen Klimafolgen, es sei denn, Regierungen setzen klare Regeln.
InhaltKünstliche Intelligenz kann bei der Energiewende helfen – oder dem Klima schaden. Neue Forschungsergebnisse kommen zu einem eindeutig negativen Schluss. Das Ausmaß des Problems zeigt sich auch in Nordrhein-Westfalen. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Lesen Sie mehr über die neuesten Entwicklungen, Hintergründe und spannenden Lösungsansätze in unserem Themenspezial. Die optimistische Erzählung um künstliche Intelligenz geht so: Auch dank der revolutionären Technologie rückt ein sauberes Energiesystem, das sich vollständig aus erneuerbaren Quellen speist und keine natürlichen Ressourcen vergeudet, immer näher. Solar- und Windkraftanlagen, Stromnetze und Verbrauchsgeräte werden autonom und smart gesteuert, der Strom in jedem Moment genau dahin gelenkt, wo er benötigt wird. Insgesamt sinken Verbrauch und Produktion, ohne dass jemand auf Wohlstand verzichten müsste. Als Notfallreserve gedachte fossile Kraftwerke werden überflüssig, vielleicht auch ein Teil der heute angedachten massiven Hochspannungsleitungen oder Batteriespeicher. Und hier die pessimistische Erzählung: Der KI-Boom mit seinen gewaltigen Datenzentren und Chipfabriken verschlingt so enorme Energiemengen, dass noch mehr fossile Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas verfeuert werden, als jetzt schon – was das Weltklima weiter anheizt. Zugleich verbraucht die Technik gewaltige Wassermengen, nach denen viele gerade in der aktuellen Dürre lechzen. Bei allen Risiken, die KI sonst noch trägt, würde dieses allein schon zum Unglück der Menschheit genügen. Für beide Versionen gibt es Belege, leider häufen sie sich zunehmend für Nummer zwei. Die sich teils über mehrere Quadratkilometer erstreckenden, schnell aus dem Boden gestampften und mit eigens errichteten Gaskraftwerken versorgten "Hyperscaler" der Techbros von Sam Altman bis Elon Musk mögen vielen noch hauptsächlich als US-Phänomen erscheinen, wo die klimaschädlichen Emissionen bereits spürbar zunehmen. Zuletzt hat schließlich Amazon verkündet, das größte Gaskraftwerk des Landes zu finanzieren – es soll einzig und allein Amazons geplantes Rechenzentrum in Pecos County, Texas, versorgen. Doch ein Bericht meiner Kollegen Benedikt Müller-Arnold und Miriam Olbrisch aus dieser Woche beleuchtet die Lage im Rheinischen Braunkohlerevier westlich von Köln, wo Microsoft drei Hyperscaler-Rechenzentren baut. Bislang galt das KI-Investment als Signal des Wandels, als beste Antwort auf die Frage, was man mit der für den Kohleabbau geschundenen Landschaft und den arbeitsuchenden Menschen künftig anfangen kann. "Nordrhein-Westfalen geht konsequent den Weg von der Kohle zur KI", sagte etwa Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) im März beim Spatenstich . KI statt Kohle, doch inzwischen hat sich da was verschoben: Wegen der KI brauche man die Kohle doch länger und müsse das für 2030 vorgesehene Ende der größten geballten CO₂-Quelle im Land verschieben, heißt es nun von Amtsträgern in der Region. Auch in Brüssel erhöht die KI-Lobby den Druck. Die European Data Centre Association drängt laut "Politico" die Europäische Union, sie müsse zwischen ihren Klimazielen und ihren ambitionierten Zielen für einen Ausbau der KI-Industrie wählen. Beides auf einmal gehe nun einmal leider nicht. Zweimal dürfen Sie raten, welche Wahl der Verband empfiehlt, der Microsoft, Google, Amazon und Co. vertritt. Doch der Klimaschaden des KI-Komplexes hört mit dem Hunger nach fossil erzeugtem Strom nicht auf. Die neue Technik wird auch von den fossilen Industrien direkt genutzt, um mehr Kohle, Öl oder Gas zutage zu fördern. Der saudi-arabische Ölkonzern Aramco beispielsweise rühmt sich , die Produktion seines Ölfelds Khurais um 15 Prozent gesteigert zu haben, indem er KI-Programme jeden Datenpunkt von Zehntausenden Sensoren an den 500 Bohrlöchern analysieren und die Fördertechnik automatisch daran anpassen lässt. Shell hat seine "Datendetektive" ermitteln lassen , warum die Öl- und Gasbohrinsel Perdido im Golf von Mexiko seit zehn Jahren immer wieder ausfiel. An der 2500 Meter unter dem Meeresspiegel angebrachten Pumpe nachschauen, die Öl und Gas trennen soll, kam nicht infrage. Aber KI löste den Fall, zum Nachteil des Klimas. Wie schwer wiegen solche schädlichen Anwendungen von KI im Vergleich zu den für die Energiewende nützlichen, die es auch gibt? Sie überwiegen bei Weitem. Wenn man noch den CO₂-Fußabdruck der Datenzentren einrechnet, dürfte KI bald die globalen Emissionen um 470 Millionen bis 1,8 Milliarden Tonnen pro Jahr steigern. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsteam aus Mitarbeitern der von Microsoft-Aussteigerin Holly Alpine mitgegründeten Organisation "Enabled Emissions" und einem Forscher der Purdue University. Ihre Studie wurde in der wissenschaftlichen Zeitschrift "NPJ Climate Action" veröffentlicht. Dabei handelt es sich um die angeblich erste vollständige Simulation der technisch möglichen Klimawirkung von KI in der Energiebranche, basierend auf einer Wahrscheinlichkeitsrechnung mit verschiedenen Modellen. Positive Szenarien gingen auch ein, erscheinen jedoch durchweg als wenig wahrscheinlich. Umkehren ließe sich das in absehbarer Zeit womöglich nur, wenn Regierungen eingreifen und klare Regeln setzen würden, in welchen Grenzen die Technik eingesetzt werden kann – zum Beispiel ohne fossile Energien. Warum sie das tun sollten, wenn sie gleichzeitig Angst haben, den Wettlauf in die neue Ära zu verlieren? Vielleicht, weil zunehmend mehr Menschen sich gegen die KI-Industrie stellen. Besonders der Bau weiterer Datenzentren wird an vielen Orten schwierig bis unmöglich, selbst in den USA gibt es bereits mehr als 500 lokale Verbote . Niemand sollte indes in Ehrfurcht vor einer vermeintlich unaufhaltsamen, autonom agierenden KI-Übermacht erstarren. Das zeigt auch das Beispiel von Shells Perdido-Station: Die Algorithmen lieferten den Schlüssel, um aus Unmengen von Daten etwas herauszulesen. Zum Ziel brachte sie aber erst ein Mitarbeiter mit 25 Jahren Erfahrung auf der Bohrinsel mit seiner Interpretationshilfe. Menschen entwickeln diese Technik und entscheiden darüber, ob sie sie zum Wohl der Menschen nutzen wollen. Wenn Sie mögen, informieren wir Sie einmal in der Woche über das Wichtigste zur Klimakrise – Storys, Forschungsergebnisse und die neuesten Entwicklungen zum größten Thema unserer Zeit. Zum Newsletter-Abo kommen Sie hier. Bleiben Sie zuversichtlich. Ihr Arvid HaitschRedakteur Mobilität