Jesse Owens: Der schwarze Sprinter, der Hitler viermal besiegte

Datum14.08.2026 16:32

Quellewww.zeit.de

TLDRBei den Berliner Olympischen Spielen 1936, die als NS-Propaganda inszeniert wurden, brillierte der US-Amerikaner Jesse Owens mit vier Goldmedaillen. Trotz der rassistischen Ideologie der Nazis zeigte Owens seine sportliche Überlegenheit. Besonders bemerkenswert war seine Freundschaft mit dem deutschen Weitspringer Luz Long, die im krassen Gegensatz zur NS-Ideologie stand und dem deutschen Athleten sogar eine Ermahnung einbrachte. Owens' Triumphe widersprachen Hitlers Propaganda von der Überlegenheit der weißen Rasse.

InhaltDie Sommerspiele vor 90 Jahren waren eine NS-Propaganda-Show. Doch dann gewann der US-Amerikaner Jesse Owens viermal Gold. Und schloss Freundschaft mit einem Deutschen. Als das Team der USA am 1. August 1936 ins Berliner Olympiastadion einmarschierte, gab es deutlich vernehmbare Buhrufe bei der Eröffnungsfeier. Eine breite Bewegung hatte sich in den USA für einen Boykott der XI. Olympischen Spiele im Land der Nazis ausgesprochen. Letztlich scheiterte dieser Vorstoß in der entscheidenden Sitzung der Amateur Athletic Union Anfang Dezember 1935 knapp. Vor allem für den Sprinter und Weitspringer Jesse Owens war das ein großes Glück. Er gewann in Berlin vier Goldmedaillen und wurde zum erfolgreichsten Teilnehmer der Spiele. Der 22 Jahre alte James Cleveland, genannt Jesse, Owens, zehntes und jüngstes Kind der Farmer Emma und Henry Owens, wurde von hunderttausend Zuschauern bei seinen Auftritten im ausverkauften Olympiastadion umjubelt, gefeiert für seine Eleganz und bewundert für seine Wettkampfhärte. Für die Nazis aber war die Siegesserie des Afroamerikaners Owens ein Graus. Denn die Berliner Spiele waren für Reichskanzler Adolf Hitler eine Art öffentliche Versuchsanordnung: Die laut der NS-Ideologie überlegene weiße Rasse sollte alles dominieren. Dann kam Owens. In seiner 1978 erschienenen Autobiografie Jesse: The man who outran Hitler (Der Mann, der Hitler davonlief) schreibt Owens über seine Reise nach Deutschland: "Ich bestieg ein Schiff, um Adolf Hitler zu besiegen." Es gelang ihm gleich viermal. Owens war schon vor seinen Auftritten im Olympiastadion ein Star. Am 25. Mai 1935 stellte er in Ann Arbor innerhalb von 45 Minuten gleich sechs Weltrekorde auf. Anlass war der größte Uni-Leichtathletik-Wettkampf des Mittleren Westens, die Big Ten Conference. Owens stellte zunächst die globale Bestmarke über 100 Yards (91,44 Meter) ein: 9,4 Sekunden. Im Weitsprung erreichte er 8,13 Meter, überboten wurde diese Leistung erst 1960. Die 220 Yards (201 Meter) sprintete er in 20,3 Sekunden. Diese Zeit wurde zudem als Weltrekord über 200 Meter anerkannt. Über 220 Yards Hürden jagte Owens in 22,6 Sekunden. Diese Marke wurde auch noch als Topwert über 200 Meter Hürden anerkannt. Sechs Weltrekorde in weniger als einer Stunde: Jesse Owens erhielt daraufhin viele Spitznamen, einer lautete: "Pistolenkugel von Ohio". Owens, geboren am 12. September 1913 in Oakville, Alabama, siedelte mit seinen Eltern neun Jahre später nach Cleveland in Ohio um. Der Vater erhoffte sich eine Verbesserung seines Einkommens, doch die Familie lebte weiter in ärmlichen Verhältnissen. Owens schrieb sich im Alter von 20 Jahren an der Ohio State University für Jura ein. Diese Hochschule genoss einen hervorragenden Ruf als Leichtathletikschmiede. Jura jedoch wurde bald zur Nebensache, für Owens stand Laufen und Springen im Mittelpunkt. In Berlin brillierte Owens vor 90 Jahren zunächst an drei Augusttagen hintereinander, am 3., 4. und 5. August gewann er jeweils Gold. "Owens war daraufhin der berühmteste Athlet der Welt", sagte der Historiker William J. Baker in einer TV-Dokumentation über den Rekordmann aus Ohio. Am 3. August 1936 siegte er auf der linken Innenbahn mit seinen typischen Stakkato-Schritten und geradem Oberkörper in 10,3 Sekunden über 100 Meter. Am 4. August holte Owens Gold im Weitsprung: 8,06 Meter. Owens bezwang dabei den Deutschen Luz Long nach einem spannenden Wettkampf. Long gewann mit 7,87 Metern Silber. In der Qualifikation hatte Owens zunächst einen Fehlversuch, der zweite Sprung war zu kurz. Long gab Owens daraufhin den Tipp, seinen Absprung vorzuverlegen. Zur Orientierung legte Long seinem Konkurrenten sein Handtuch neben den Absprungbalken. Es ging auf. Owens schaffte es ins Finale. Mit Bildern belegt ist diese Aktion jedoch nicht, womöglich ist sie eine Mär. Owens sagte dazu einmal: "Das sind Geschichten, die die Leute hören wollen." Unter den Zuschauern war bei Owens Siegen jeweils auch Adolf Hitler. Eine Szene dürfte für Aufruhr in der Nazi-Ehrenloge gesorgt haben. Auf Filmaufnahmen ist zu sehen, wie der deutsche Long und der US-Amerikaner Owens nach der Siegerehrung Arm in Arm und intensiv miteinander plaudernd auf dem Rasen des Stadions umhergingen. Owens sagte dazu später: "Es kostete ihn viel Mut, sich vor den Augen Hitlers mit mir anzufreunden. Man könnte alle Medaillen und Pokale, die ich habe, einschmelzen, und sie würden nicht für eine Schicht über die 24-Karat-Freundschaft, die ich in diesem Moment für Luz Long empfand, reichen. Hitler muss wahnsinnig geworden sein, als er sah, wie wir uns umarmten." Longs Mutter Johanna bemerkte dazu in ihrem Tagebuch, dass ihr Sohn von Rudolf Heß, Hitlers Stellvertreter innerhalb der NSDAP, eine Ermahnung erhielt: Er solle nie wieder einen Schwarzen umarmen.