Gefährliche Kampfsportler: Wie Rechtsextreme zu Stars der »Underground Fight Clubs« werden

Datum14.08.2026 07:15

Quellewww.zeit.de

TLDRRechtsextreme nutzen "Underground Fight Clubs", oft ohne klare Regeln, um durch virale Videos zu Helden zu werden. Diese Kampfsportformate, teils mit rechtsextremer Unterstützung, ziehen Jugendliche an und verherrlichen Gewalt und Nationalismus. Kämpfer wie ein Rechtsextremist aus Schweinfurt werden durch brutale Bareknuckle-Kämpfe, die Millionen Klicks erzielen, europaweit bekannt. Die Szene öffnet rechtsextremen Ideologien Tür und Tor, wobei es auch außerhalb des Rings zu Gewalttaten kommt.

InhaltÜber millionenfach geklickte Videos machen "Underground Fight Clubs" auch deutsche Rechtsextreme zu Helden. Die Wirkung des Hypes auf Jugendliche ist umso gefährlicher. Es ist ein trister Abend im März 2026. Der Seiteneingang einer Soccerhalle in Duisburg ist geöffnet. Drinnen stehen dicht gedrängt überwiegend junge Männer um eine aus Heuballen errichtete Kampffläche. Ein stechender Schweißgeruch umgibt die Menge. Auf den umliegenden, mit Banden umrandeten Kunstrasenflächen, wird weiter unbeeindruckt Fußball gespielt. Die sogenannte "Ruhrpott Fighting Championship" richtet einen Kampfabend aus, fernab des seriösen Kampfsports. In den Disziplinen Boxen, Kickboxen, Mixed Martial Arts (MMA) und Bareknuckle-Boxen – Boxen ohne Handschuhe – wird sich hier in Duisburg zumindest grob an den offiziellen Regularien orientiert. Die Qualität der Kämpfe dürfte sich deutlich unterhalb des Niveaus einer durchschnittlichen Amateur-Kampfgala bewegen. In einem der Hauptkämpfe stehen sich zwei junge Männer in blauen Jeanshosen und oberkörperfrei gegenüber. Sie schlagen mit blanken Fäusten aufeinander ein, bis einer der beiden K.O. geht. Einer der Männer ist ein Schweinfurter Rechtsextremist und Hooligan. Der 21-Jährige trägt etliche tätowierte Symbole der rechtsextremen Szene, einige sind strafbar. In der Soccerhalle in Duisburg scheint das niemanden zu interessieren. Der rechtsextreme Kämpfer sorgt für Spektakel, seinem Gegner lässt er keine Chance. Später landet das Video des Kampfes im Internet, einige Tausend klicken es an. Die politische Gesinnung des Schweinfurters wird nicht thematisiert. Dabei gebe es über ihn einiges zu erzählen. 2025 marschierte er in Parteikleidung bei einer Kundgebung des neonazistischen "Dritten Wegs" in Suhl in Thüringen mit. Auf Instagram zeigte er ein Bild, auf dem er in rechtsextremer Szenekleidung und mit Daumen nach oben in einer Gaskammer in der KZ-Gedenkstätte Dachau posierte. Bei seinen Kämpfen wird der Bareknuckle-Boxer regelmäßig von militanten Rechtsextremen einer Schweinfurter Hooligan-Gruppe begleitet. Zahlreiche neue Kampfsportformate wie dieses generieren mit ihren Hochglanzproduktionen im Internet hunderttausendfache Klicks. Europaweit herrscht ein anhaltender Hype um die sogenannten "Underground Fight Clubs". Regeln gibt es in den neu erschaffenen Formaten kaum. Statt in einem Ring mit gefedertem Boden wird etwa zwischen Bauzäunen auf Asphalt gekämpft. Eine wilde, neue Szene wirkt berauscht von sich selbst und kreiert ihre eigenen Helden. Darunter finden sich Rechtsextreme aus ganz Europa, auch aus Deutschland sind Kämpfer dabei. Der Untergrund öffnet die Türen für rechtsextreme Ideologien – ein gefährliches Zusammentreffen. Mit dem Slogan "Fight or Die", "kämpfe oder sterbe", versucht sich etwa der "FOD Fight Club" aus dem Dreiländereck Schweiz/Frankreich/Deutschland mit martialischen Darstellungen und sogenannten "No Rules"-Kämpfen in der Szene zu etablieren – mit rechtsextremer Unterstützung. Im März wurden dort auch zwei fränkische Rechtsextreme als Kämpfer angekündigt. Am konspirativ gehaltenen Veranstaltungsort in Frankreich kam aber keiner der beiden jungen Männer aus Süddeutschland an. Die Bundespolizei verhinderte die Ausreise der Neonazis. Die Behörde begründete das Vorgehen unter anderem damit, dass an der Veranstaltung "extremistisches Personenpotential" teilnehme und das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland in Frankreich bei einer Beteiligung der Männer Schaden nehmen würde. Anders war das im Mai 2026 in Pionki, Polen, 16.000 Einwohner, nur noch gut 200 Kilometer bis zu den Grenzen zur Ukraine und Belarus. Dort stand der rechtsextreme Schweinfurter Kampfsportler nach seiner Teilnahme am Kampf in Duisburg auch bei "Gromda" im Ring. Das Format hat sich auf Bareknuckle-Boxen spezialisiert und gehört in der europäischen Underground-Szene zur Königsklasse. Einen der bisher brutalsten Kämpfe dort sahen über acht Millionen Menschen auf dem YouTube-Kanal von "Gromda". Zur Inszenierung gehören auch aufwendige Promovideos, bei denen die Kämpfer in archaischem Brimborium in Lost Places inszeniert werden. Die Inhalte reichen von toxisch-maskulin über gewaltverherrlichend bis zu nationalistisch. In einem der Videos stehen neun "Gromda"-Kämpfer oberkörperfrei vor einem Grenzschild und geben sich als "Bürgerpatrouille" aus, sie beleidigen Migranten abfällig und kündigen Selbstjustiz an. Doch bei Worten allein bleibt es nicht. Der "Gromda"-Kämpfer Adam C., der die Rolle des Sprechers in dem Video übernahm, füllte im Juli 2026 einige Tage lang die Schlagzeilen der polnischen Nachrichten mit einem rassistisch motivierten Angriff. Adam C. und zwei Mittäter schlugen auf offener Straße ein junges ukrainisches Pärchen brutal zusammen. "Gromda" distanzierte sich anschließend vorsichtig vom Vorfall und seinem Kämpfer. Dieser verbrachte laut polnischen Medien bereits einmal zehn Jahre hinter Gittern, ihm drohen jetzt erneut sieben Jahre Haft. Rechtsextreme Kampfsportler schlagen also auch außerhalb des Rings zu.