Datum13.08.2026 08:13
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie Ukraine hat die russische Schwarzmeerküste und die Krim mit Drohnen und Raketen angegriffen, wobei Ziele wie der Marinestützpunkt Noworossijsk und Sewastopol getroffen wurden. Präsident Selenskyj forderte für den Winter Patriot-Raketen von den USA. Gleichzeitig kämpft die Ukraine mit Nachschubproblemen an der Front und Schwierigkeiten bei der Rekrutierung. Russland verstärkte ebenfalls seine Angriffe, insbesondere auf die Zivilbevölkerung.
InhaltKyjiw hat die russische Schwarzmeerküste und die annektierte Krim massiv mit Drohnen angegriffen. Unterdessen nannte Präsident Selenskyj eine konkrete Zahl im Zusammenhang mit Patriot-Raketen, die sein Land im Winter braucht. In der Nacht hat die Ukraine nach Behördenangaben Russlands Schwarzmeerküste massiv mit Drohnen angegriffen. Hauptziel war dabei die Hafenstadt Noworossijsk, wie der Gouverneur der Region Krasnodar, Wenjamin Kondratjew, auf dem Messagingdienst Telegram mitteilte. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte ukrainische Angriffe auf Noworossijsk mit Drohnen, Marschflugkörpern und Seedrohnen. "Bestätigt sind Einschläge in Stellungen der Flugabwehr, Anlegestellen und Infrastruktur des Seehafens", schrieb der Staatschef ebenfalls bei Telegram. Der Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte sei dabei mehr als 300 Kilometer von der Frontlinie entfernt. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs in Kyjiw wurden "vorläufigen Informationen zufolge vier Kriegsschiffe des russischen Aggressors in unterschiedlichem Ausmaß beschädigt": zwei Fregatten, die "Admiral Makarow" und "Admiral Jessen"; ein kleines Raketenschiff des Typs "Bujan-M" sowie das Patrouillenschiff "Wassili Bykow". Berichten russischer wie ukrainischer Telegram-Kanäle zufolge wurden in der Stadt der Marinehafen, der Handelshafen und das Ölverladeterminal getroffen. An diesen Stellen zeigte auch das Brandmeldesystem Firms der US-Raumfahrtbehörde Nasa Feuer. Dem staatlichen Agrarexportunternehmen OZK zufolge wurde ein Getreideterminal beschädigt. Mitarbeiter seien nicht verletzt worden. Insgesamt drei Menschen seien getötet worden, darunter ein achtjähriges Kind, sagte Kondratjew. Verletzt wurden demnach mindestens 24 Menschen. Er sprach von Schäden an rund 60 Wohnhäusern allein in Noworossijsk. Zuvor war auch die Rede von Schäden in vier Betrieben gewesen. In Gelendschik wurden ihm zufolge 20 Wohnhäuser beschädigt, weitere im Kreis Temrjuk und in Anapa. Das russische Verteidigungsministerium in Moskau teilte mit, es seien über Nacht 502 ukrainische Kampfdrohnen abgefangen worden – eine im Vergleich hohe Zahl. Heftige Angriffe wurden auch aus der Hafenstadt Sewastopol auf der 2014 von Russland annektierten Halbinsel Krim gemeldet. Die Stadt ist wegen der Angriffe erneut ohne Strom. Sewastopol sei wegen eines massiven ukrainischen Angriffs von der Stromversorgung abgeschnitten, teilte der von Moskau eingesetzte Gouverneur, Michail Raswoschajew, laut staatlicher Nachrichtenagentur Tass mit. Die Armee wehre einen ukrainischen Angriff ab. Derzeit begutachteten Experten die Schäden. Russische Luftangriffe trafen in der Nacht unter anderem die südukrainische Stadt Saporischschja. Dort brach nach Angaben der regionalen Behörden ein Großbrand in einem Baumarkt aus. Es kam zu Stromausfällen. Russland hat nach ukrainischen Angaben in der Nacht auch das Gebiet um den größten ukrainischen Donau-Hafen Ismajil angegriffen. Dabei seien Schäden entstanden und ein Feuer ausgebrochen, teilen die Behörden in der Region Odessa auf Telegram mit. Ismajil liegt nahe der Grenze zum EU- und Nato-Land Rumänien, das zwei Kampfjets aufsteigen ließ. Wie Noworossijsk ist der Hafen ein wichtiger Umschlagplatz für Getreide und andere Rohstoffe. Um Russlands Angriffe auch im bevorstehenden Winter abzuwehren, benötigt die Ukraine nach Angaben von Präsident Selenskyj fünf Prozent der Patriot-Abfangraketen der USA. Um alle von Moskaus Truppen abgefeuerten ballistischen Raketen zu zerstören, seien zehn Prozent der US-Lagerbestände nötig, sagte der Staatschef in einem Interview mit dem US-Sender CNN. Seinem Land stünden in diesem Jahr "zweieinhalb Mal weniger Abfangraketen zur Verfügung als im Jahr 2025", sagte Selenskyj. Dagegen habe Russland "monatlich mehr als doppelt so viele ballistische Raketen wie zuvor". "Dieses Jahr bitte ich unsere US-Partner, mir fünf Prozent ihrer Raketenbestände zu verkaufen", sagte Selenskyj. "Wenn sie uns fünf Prozent verkaufen, werden wir den Winter überstehen und Menschenleben retten. Wenn sie uns zehn Prozent verkaufen, werden wir alle ballistischen Raketen Russlands zerstören." Die russische Armee hatte in jüngster Zeit ihre Angriffe auf die Ukraine verstärkt, mindestens einmal pro Woche feuerte sie dabei auch Raketensalven auf die Hauptstadt Kyjiw ab. Bei einem dieser Angriffe gelang es der Ukraine nach eigenen Angaben nicht, auch nur eine der 28 auf sie abgefeuerten ballistischen Raketen abzufangen. Es fehle die nötige Flugabwehr, erklärte die Regierung. Inmitten der zunehmenden Attacken entschied die Ukraine, weniger Angaben zu russischen Raketenangriffen zu veröffentlichen. Es würden "bestimmte Änderungen" bei den täglichen Morgenberichten eingeführt, erklärte ein Luftwaffensprecher im Onlinedienst Facebook. Unter anderem solle nicht mehr die Zahl der von Russland auf die Ukraine abgefeuerten Raketen genannt werden. Die Ukraine drängt bei ihren westlichen Verbündeten hauptsächlich auf die Lieferung von US-Patriot-Abwehrsystemen. Allerdings haben die USA im Irankrieg seit Februar selbst zahlreiche Angriffs- und Abwehrraketen verbraucht, laut Medienberichten droht ein Munitionsmangel. Fast viereinhalb Jahre nach Beginn der russischen Angriffe auf die Ukraine gibt es weiterhin keine konkreten Aussichten auf ein Ende des Krieges. Die maßgeblich von den USA vermittelten Verhandlungen über eine Waffenruhe liegen derzeit auf Eis. Eine Gruppe an der Front gegen Russland kämpfender ukrainischer Soldaten hat in einem Video die Armeeführung um Hilfe gerufen. Der Kommandant des Zuges der 121. Territorialverteidigungsbrigade, Anatolij Saitschuk, beklagte darin, dass die Männer schon seit vier Monaten nicht mehr abgelöst worden seien und viele Tage ohne Essen oder Wasser auskommen müssten. Das Video verbreitete sich schnell in Onlinenetzwerken. "Wir sind jetzt in einem Unterschlupf, den wir selbst gefunden haben, weil alle Stellungen zerstört wurden", sagte der Kommandant in dem Video, das sich direkt an Armeechef Mychajlo Drapatyj richtete. "Über Zeiträume von drei bis sieben Tagen sind wir nicht mit Lebensmitteln oder Trinkwasser versorgt worden." Seinen Angaben zufolge hatten die Soldaten sogar einmal zwölf Tage lang kein Wasser und hätten angefangen, ihren eigenen Urin zu trinken. Ursprünglich hätte der Einsatz der Einheit demnach einen Monat dauern und die Versorgung mit Drohnen gewährleistet werden sollen. Saitschuk warf vorgesetzten Offizieren vor, die Familien der Soldaten angelogen und behauptet zu haben, die Männer seien "in vollem Umfang versorgt". Das Kommando der 121. Brigade bestätigte auf Facebook die Echtheit des Videos und teilte mit, sie unternehme alle notwendigen Schritte, um die Soldaten angemessen zu versorgen. Das für die Einsatzregion zuständige Truppenkommando erklärte, das Video zeige nur "einen isolierten Teil eines komplexen Einsatzumfelds", das nicht den vollen Umfang der unternommenen Anstrengungen widerspiegele. Die ukrainische Armee hat Probleme bei der Rekrutierung neuer Soldaten, weshalb die Truppen an der Front nicht regelmäßig abgelöst werden können. Schon vorher hatten ähnliche Fälle mit teils vor Hunger ausgemergelten Soldaten für Aufsehen gesorgt.