Datum13.08.2026 06:00
Quellewww.zeit.de
TLDRMusikfestivals stehen unter enormem Kostendruck. Gestiegene Produktions-, Gagen- und Energiekosten bei sinkender Nachfrage zwingen Veranstalter zu Einschränkungen oder Pausen, wie beim Highfield Festival. Das Dixieland Festival in Dresden musste wegen Sicherheitsauflagen Programmpunkte streichen. Das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig behauptet sich durch ein starkes Stammpublikum und eine breite Programmvielfalt.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Festivals unter Druck“. Lesen Sie jetzt „Last Dance beim Highfield – Festivals unter Kostendruck“. Die fetten Jahre der Musikfestivals scheinen vorbei zu sein: In Sachsen bittet das größte Rockfestival Highfield vom 13. bis 16. August am Störmtahler See bei Leipzig zum "One Last Dance" und legt zumindest im kommenden Jahr eine Pause ein - andere Veranstaltungen wie das Dixieland-Festival in Dresden streichen aus Kostengründen liebgewonnene Programmpunkte. Es gibt aber auch Festivals wie das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig, die auf soliden Beinen stehen. "Mir ist nicht bange um die Branche, aber es besteht durchaus Grund zur Sorge, weil viele Veranstalter unter einem enormen wirtschaftlichen Druck stehen", sagte der Geschäftsführer vom Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, Johannes Everke. Die Produktionspreise seien nach Corona explodiert. Zudem seien die Gagenforderungen der Bands gewaltig gestiegen, zum Teil sogar um das Dreifache. Dies sei zum Teil verständlich, weil die Künstlerinnen und Künstler zumeist von den Liveauftritten lebten. Durchschnittlich machten die Einnahmen aus Verkäufen der Aufnahmen nur 5,2 Prozent aus, erklärte Everke. Das Highfield sei in dieser Form wirtschaftlich nicht mehr tragbar, hatten die Veranstalter Semmel Concerts und FKP Scorpio mitgeteilt. Im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit seien die Kosten für Personal, Material, Gagen oder Energie um rund 45 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sei die Nachfrage aufgrund der gestiegenen Lebenshaltungskosten gesunken. "Das Highfield, wie es seine Fans kennen und lieben, ist in dieser Form nicht mehr möglich." Zuletzt kamen rund 28.000 Menschen zu dem Festival, in den Hochzeiten waren es 35.000. "Dabei sind Konzerte und Festivals wegen der Erlebnisqualität sehr gefragte Produkte", betonte Everke. Es gehe den Besucherinnen und Besuchern dabei nicht nur um die Musik, sondern auch um das gemeinschaftliche Erleben. "Ein mehrtägiges Festival ist für viele wie eine Pilgerreise mit Gleichgesinnten." Gleichzeitig sei das Komfortbewusstsein der Besucher gestiegen. Viele reisten mit dem Bulli oder dem Wohnmobil an oder nutzten die zahlreichen Angebote eines Upgrades. So kostet der dreitägige VIP-Platin-Zusatz beim Highfield 699 Euro. Dafür gibt es Backstage-Führungen, After-Show-Partys, Essen und Trinken in ausgewiesenen Bereichen, eigene Sanitäranlagen sowie einen Platz direkt vor der Bühne. Das Festival-Ticket in Höhe von 159 Euro kommt hinzu. Wer dann noch einen besonderen Schlafplatz in einem Zelt mit Bett und Matratze haben will, zahlt noch mal mehr. "Diese Angebote werden gerne angenommen, aber sie kosten ihren Preis", erläuterte Everke. So sei es nicht verwunderlich, dass die Gäste sich meist nur noch für ein Festival im Jahr entschieden und nicht wie noch vor einigen Jahren für drei oder vier. Wichtig sei daher, eine eigene Festival-Atmosphäre und Community aufzubauen. So hat sich das jährliche Wave-Gotik-Treffen zu Pfingsten in Leipzig etabliert. Seit Jahren zieht das WGT rund 20.000 Gäste an und steht wirtschaftlich auf soliden Beinen. "Wir profitieren aber auch von unserem großen Stammpublikum, das uns seit Jahren die Treue hält", erläuterte Veranstalter Cornelius Brach. Der Termin stehe bei den meisten Gästen schon rechtzeitig im Kalender und es sei wie ein Familientreffen. Der Charakter des WGT sei aber speziell und nicht nur auf die Musik zu reduzieren. "Wir haben ein umfangreiches Kulturprogramm mit Ausstellungen, Lesungen, Konzerten an ungewöhnlichen Orten und das mittelalterlich geprägte Heidnische Dorf", erklärte Brach. Zwar müsse das WGT auch mit den gestiegenen Kosten leben, aber es werde versucht, an manchen Stellen zu sparen, um die Ticketpreise halbwegs stabil zu halten. So seien zwar Headliner für das Musikprogramm wichtig, aber die Gäste seien auch offen und neugierig auf kleinere, noch unbekannte Bands. Dagegen musste das Dixieland Festival in Dresden, das mit seinen Open-Air-Konzerten jedes Jahr mehrere Hunderttausend Menschen auf den Straßen und Plätzen der Elbestadt anzieht, schon zweimal zumindest Einschränkungen hinnehmen. Wegen hoher Sicherheitsauflagen hätte man im Vorjahr 120.000 Euro zusätzlich aufbringen müssen, um die Vorgaben zu erfüllen. Deshalb wurde die Jazzmeile auf der Prager Straße reduziert. In diesem Jahr fiel die beliebte Abschlussparade - für viele Fans der Höhepunkt - aus. Grund für das finanzielle Ungemach sind Vorkehrungen für Sicherheit, die von den Veranstaltern aus Sorge vor Terroranschlägen verlangt werden. "Terrorschutz ist eine gesamtstaatliche Aufgabe. Weder Vereine noch Kulturveranstalter können dauerhaft die immensen Kosten für Terrorabwehr allein tragen", hatte das Festival wiederholt argumentiert und auf das Gewaltmonopol des Staates verwiesen. Die Veranstalter des Highfield bedauern zwar die Entscheidung, das Kapitel vorerst zu schließen, wie Dieter Semmelmann, Geschäftsführer der Semmel Concerts Entertainment GmbH, betonte. "Gleichzeitig blicken wir nach vorn und hoffen, in den kommenden Monaten ein neues Konzept entwickeln zu können, das wirtschaftlich tragfähig ist und die Zukunft des Festivals sichert." © dpa-infocom, dpa:260813-930-522166/1