Datum12.08.2026 07:30
Quellewww.spiegel.de
TLDRNach einem schweren Erdbeben in Kolumbien kämpfen Rettungskräfte gegen die Zeit, um Vermisste zu bergen. Zahlreiche Menschen wurden getötet und verletzt, die genauen Opferzahlen sind unklar. Hoffnung gab es durch die Rettung einer 31-Jährigen in Cali. Mehrere Flughäfen haben ihren Betrieb wieder aufgenommen, internationale Hilfsangebote liegen vor. Die EU hat erste Gelder für die betroffene Region Chocó bereitgestellt.
InhaltMehr als 30 Stunden nach dem verheerenden Erdbeben in Kolumbien haben Retter eine 31-Jährige befreit: Noch können Menschen lebend gefunden werden, doch auch die Zahl der Toten steigt. Nach dem schweren Erdbeben in Kolumbien kämpfen die Rettungskräfte gegen die Zeit. Mehrere Menschen konnten lebend aus den Trümmern geborgen werden. Viele weitere werden noch vermisst, teils unter beschädigten oder eingestürzten Häusern. Zu den genauen Opfer- und Vermisstenzahlen gibt es angesichts der sich entwickelnden Lage unterschiedliche Angaben. Die Nachrichtenagentur dpa berichtet von mindestens 181 Toten und mehr als 2500 Verletzten. Reuters schreibt von 254 Toten, AFP von 240 Toten und mehr als 1300 Verletzten. Die Nachrichtenagentur bezieht sich auf Uno-Angaben und gibt mindestens 224 Tote an. Mindestens 2595 Menschen seien verletzt worden. "Die Vermissten haben für uns derzeit oberste Priorität", sagte Präsident Abelardo de la Espriella am Dienstag bei einem Besuch in der Stadt Pereira. Offiziell würden 195 Menschen als vermisst gelten, so die dpa. In einer inoffiziellen Datenbank seien jedoch mehr als 4000 Suchmeldungen eingegangen. Retter und Freiwillige räumen Schutt aus eingestürzten Gebäuden und tragen ihn in Eimern ab. Lastwagen transportieren die Trümmer ab. Bei der Suche in den eingestürzten Wohnhäusern und Gebäuden sind spezialisierte Teams mit Suchhunden im Einsatz, wie die Polizei mitteilte. Nach 72 Stunden ist die Möglichkeit, noch Überlebende zu finden, laut Experten extrem gering. Immer wieder gibt es Momente der Hoffnung für die Retter: So konnten sie in Cali fast 30 Stunden nach dem Beben die 31-jährige Diana Troncoso aus den Trümmern eines Gebäudes befreien. "Wir haben hart gearbeitet in einem ziemlich komplexen Szenario", sagte Santiago Sánchez, einer der Retter, gegenüber dem TV-Sender Caracol nach dem insgesamt rund 16-stündigen Rettungseinsatz. Dabei habe sich das Team "sieben oder acht Meter" von oben nach unten vorarbeiten müssen, um Troncoso zu befreien. Am Montagabend (Ortszeit) hatte die Feuerwehr erstmals Kontakt zu der Frau herstellen können, der dann nicht mehr abriss. Dianas Zustand sei "den Umständen entsprechend gut", sagte Sánchez. Sie wurde nach der Rettung medizinisch behandelt. "Es ist etwas Wunderschönes. Ich werde immer dankbar sein", sagte Dianas Vater Álvaro Troncoso. Dianas Eltern konnten während der Rettung Kontakt zu ihrer Tochter herstellen und ihr Mut zusprechen. Städte wie Pereira, Cali, Manizales, Quibdó und Armenia im Westen des Landes wurden vom Erdbeben der Stärke 7,4 am Montagmorgen (Ortszeit) schwer getroffen. Seither gab es viele Nachbeben. "Pereira – da möchte man einfach nur weinen", sagt eine Bewohnerin der von dem Beben besonders heimgesuchten Provinzhauptstadt. Gegenüber Caracol Radio beschreibt sie, wie sie gerade auf dem Heimweg von einer Yoga-Stunde war, als die Gebäude zu wackeln begannen. Als sie in ihre eigene Wohnung kam, bot sich ihr demnach ein Bild der Verwüstung: "Ich hatte einige Rotweinflaschen, die kaputtgegangen waren. Es sah aus wie Blut. Und die ganzen Scherben. Risse in den Wänden und Unordnung auf dem Boden – als hätte es einen Krieg gegeben". In Roldanillo, 150 Kilometer nördlich von Cali, beschreibt der Bäcker Hugo Gómez, wie das Beben seinen Betrieb vernichtete: "Innerhalb von Sekunden wurde alles zu Schrott. (…) Ich hatte ein Geschäft und jetzt bleibt nichts". Es sei alles wie in einem Albtraum, von dem man immer noch nicht aufgewacht sei. Roldanillo gleiche einer Geisterstadt, so Gómez: "Trümmer an jeder Ecke". Nach einer technischen Überprüfung haben fünf Flughäfen in den betroffenen Regionen ihren Betrieb wieder vollständig oder zumindest teilweise aufgenommen, darunter der Flughafen in Cali, wie die Luftfahrtbehörde mitteilte. Der Betrieb des teilweise beschädigten Airports von Pereira sowie des Flughafens in Cartago blieb dagegen eingeschränkt. Nur offizielle Flüge sowie Hilfsflüge seien dort vorerst zugelassen, hieß es. Mehrere Länder boten ihre Unterstützung an, auch aus Deutschland und der EU kamen Hilfsangebote. Das US-Außenministerium kündigte die Entsendung eines Krisenhilfeteams an. Es werde die Regierung in Bogotá bei Einsatz, Planung und Koordinierung der Hilfsmaßnahmen unterstützen. Laut dem Präsidenten von El Salvador, Nayib Bukele, forderte die kolumbianische Regierung zunächst ausschließlich humanitäre Hilfe in Form von Hilfsgütern an. "Uns wurde mitgeteilt, dass ihre Rettungskräfte, Ärzte und sonstigen Einsatzkräfte bereits im Einsatz sind und sich um die Lage kümmern", schrieb er auf der Plattform X. Das Auswärtige Amt erklärte, das gesamte Ausmaß der Katastrophe sei noch nicht absehbar und es müsse mit vielen weiteren Todesopfern gerechnet werden. Bislang gebe es keine Erkenntnisse zu deutschen Staatsangehörigen unter den Betroffenen. Die Botschaft in Bogotá stehe in engem Kontakt mit den kolumbianischen Behörden. Bundeskanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul äußerten ihr Mitgefühl für die Opfer. Die EU stellte nach Angaben einer Sprecherin zunächst 100.000 Euro für die besonders betroffene Region Chocó bereit. Zudem wurde das EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus aktiviert, um das Ausmaß der Schäden zu erfassen.