Meinung: Die Lage am Morgen - Deutschland ist im hybriden Krieg – und will seinen Diensten den Gegenangriff erlauben

Datum12.08.2026 05:42

Quellewww.spiegel.de

TLDRDeutschland plant eine Reform seiner Geheimdienste, die ihnen deutlich mehr Befugnisse gewährt, einschließlich der Möglichkeit, aktiv gegen Cyberangriffe vorzugehen. Dies geschieht vor dem Hintergrund eines Drohnenvorfalls in Leipzig, der auf hybride Kriegsführung hindeutet. Im Iran haben Hardliner, darunter der mutmaßliche Nachfolger des Revolutionsführers, ihre Macht gefestigt. Gleichzeitig wird Europa eine partielle Sonnenfinsternis erleben, die sich auf die Stromversorgung auswirken könnte.

InhaltNach dem Drohnenvorfall von Leipzig beschließt das Kabinett eine Reform der Geheimdienste. In Iran haben noch mehr Hardliner das Sagen. Und: Deutschland erlebt eine partielle Sonnenfinsternis. Das ist die Lage am Mittwochmorgen. Heute geht es um die Reform der Geheimdienste, die das Kabinett beschließen will, um die Hardliner, die in Iran das Sagen haben – und um die partielle Sonnenfinsternis, die Deutschland erleben wird. Es ist wohl mit Glück zu erklären, dass die mit Sprengstoff ausgerüstete Drohne am 4. August auf dem Flughafen Leipzig/Halle nicht explodierte. Ihr Ziel war offenbar eine ukrainische Antonow An-124; der Zünder war wohl defekt. Seither ermittelt die Bundesanwaltschaft, der Nationale Sicherheitsrat tagte. Während das "Wall Street Journal" am 7. August unter Berufung auf zwei amerikanische Beamte meldete, US-Dienste machten für die Leipziger Drohne die russische Regierung verantwortlich, spricht Innenminister Alexander Dobrindt seit einer Woche von einem "hybriden Anschlagsszenario" und "fremden Mächten" (mehr hier ). Noch ist also nicht bewiesen, dass Russland hinter dem Angriff steckt. Klar ist aber: Deutschland ist längst Ziel hybrider Kriegsführung. Heute um 10 Uhr beschließt das Kabinett eine Reform der deutschen Nachrichtendienste, nicht wegen Leipzig, aber unter dem Eindruck der Ereignisse von Leipzig. Und auch hier kann man durchaus von einer Zeitenwende sprechen. Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz sollen deutlich mehr Befugnisse erhalten (mehr dazu hier ). Der BND soll nicht mehr nur Informationen sammeln, sondern in begrenzten Fällen aktiv eingreifen dürfen. Er könnte ausländische IT-Systeme hacken, die Infrastruktur gegnerischer Cyberangriffe lahmlegen und in einer "nachrichtendienstlichen Sonderlage" sogar die Angriffsfähigkeit eines Gegners schwächen. Denkbar wäre auch eine Sabotageaktion gegen eine russische Drohnenfabrik. Für solche Operationen müsste allerdings der Nationale Sicherheitsrat eine Sonderlage feststellen; eine Zweidrittelmehrheit im Parlamentarischen Kontrollgremium wäre nötig. BND-Präsident Martin Jäger sagt, man müsse dem Gegner zeigen, "dass wir in der Lage sind, sehr ähnliche Dinge zu tun, damit auch die andere Seite den Schmerz spürt". Neu erlaubt werden auch die Online-Durchsuchung und der Abgleich von biometrischen Daten mit Ergebnissen aus dem Internet. Zugleich sieht der Entwurf auch mehr Kontrolle vor. Es ist der größte Zuwachs an Befugnissen für die deutschen Dienste seit Jahren. Zu einer CIA oder einem Mossad wird der BND damit noch lange nicht. Aber aus einem Dienst, der beobachtet, soll einer werden, der notfalls zurückschlägt. Verkünden wird die Reform heute Vizekanzler Lars Klingbeil, Friedrich Merz ist im Urlaub. Zu Wochenbeginn hat Teheran wichtige Teile seiner im Krieg dezimierten Sicherheitsspitze neu geordnet. Sechs militärische Spitzenposten wurden besetzt. Die Militärdekrete tragen die Unterschrift Mojtaba Khameneis, des Nachfolgers des im Februar getöteten Revolutionsführers. Öffentlich aufgetreten ist er seit Kriegsbeginn kein einziges Mal (mehr dazu hier ). Nach Einschätzung amerikanischer Dienste lebt er, ist aber schwer verletzt. An die wichtigste Schnittstelle zwischen Kriegsführung und Diplomatie rückt Mohsen Rezaee als Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats. Ein Hardliner, der die Revolutionswächter 16 Jahre lang führte, fast während des gesamten Irak-Iran-Kriegs, wird oberster Sicherheitsberater. Mein Kollege Alexander Sarovic hat aufgeschrieben, was dieser Aufstieg bedeutet. Nachgiebigkeit dürfen die Amerikaner von Rezaee nicht erwarten. Über die Kontrolle der Straße von Hormus sagte er jüngst, sie sei "wichtiger als Dutzende Atombomben". Damit läuft der Krieg auf eine einzige Frage zu: Wer hält wirtschaftlich und politisch mehr Schmerz aus? Trump setzt darauf, dass Iran zuerst zusammenbricht. Wie ernst die USA das meinen, zeigte sich heute vor Tagesanbruch. Ein US-Hubschrauber feuerte nach Recherchen des "Wall Street Journal" eine Rakete auf das Ruder eines Containerschiffs unter panamaischer Flagge, das die Blockade brechen wollte (mehr dazu hier). Alle 17 Besatzungsmitglieder blieben unverletzt. Im Juni starben bei einer solchen Operation drei indische Seeleute. Teheran hält mit jenem Druckmittel dagegen, das Trump innenpolitisch am unmittelbarsten trifft: steigende Energiepreise. Im November wählen die Amerikanerinnen und Amerikaner den Kongress neu. Eine geschlossene Straße von Hormus ist für Trumps Republikaner gefährlich. Dieser Krieg könnte aber auch enden, ohne wirklich zu enden: Trump könnte die Blockade lockern, Iran einen Schifffahrtskorridor öffnen, und beide Seiten könnten behaupten, den Gegner zum Einlenken gezwungen zu haben. Aber Iran könnte damit drohen, die Meerenge jederzeit wieder zu schließen – und die USA damit, ihr Militär einzusetzen. Die Gewalt wäre damit nicht überwunden, sie bliebe Teil einer neuen Ordnung. Gegen 19.11 Uhr beginnt es in List auf Sylt, um 19.15 Uhr erreicht die Finsternis Berlin, gegen 19.24 Uhr die Allgäuer Hochalpen. Weite Teile Europas erleben heute eine totale Sonnenfinsternis, in Deutschland bleibt sie partiell: Je nach Standort verschwinden zwischen rund 84 und 90 Prozent der Sonne hinter dem Mond, am ausgeprägtesten im Südwesten (mehr hier ). Wer das Ereignis sehen will, braucht freie Sicht nach Nordwesten und eine Schutzbrille. Vielerorts geht die Sonne allerdings unter, bevor die Finsternis endet. Der Kernschatten zieht von der Arktis über Grönland und Island auf die Iberische Halbinsel und endet über den Balearen. Es ist die erste totale Sonnenfinsternis für Spanien seit 1905. Das Schauspiel hat auch Folgen für die Energieversorgung. Der europäische Netzverbund ENTSO-E hat eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet. Bei klarem Himmel könnte die Solarleistung in Europa zwischen 19.15 und 21.30 Uhr um bis zu 9,7 Gigawatt sinken. Deutschland und Spanien gehören zu den am stärksten betroffenen Netzgebieten. Ein Stromsystem mit hohem Solaranteil muss Schwankungen aushalten können. Die heutige Störung ist seit Jahrzehnten bekannt und auf die Sekunde berechnet – Netzbetreiber rechnen deshalb mit einem stabilen Betrieb. Die Sonnenfinsternis, ganz oder teilweise, ist für viele Menschen in Europa ein gemeinsamer Moment. Millionen Menschen von Reykjavík bis Palma werden wohl am Abend für einen Moment in dieselbe Himmelsrichtung schauen. In der mondlosen Nacht darauf ziehen übrigens die Perseiden über den Himmel. Noch mehr Rätsel wie Viererkette, Wordle und Paarsuche finden Sie bei SPIEGEL Games. …ist ein Schweizer Banker namens Roman, der wegen eines unbedachten Interviews zum nationalen Meme wurde. Die Schweiz hat ein kompliziertes Verhältnis zu ihren Banken: Die Finanzindustrie erwirtschaftet etwa neun Prozent der Wirtschaftsleistung, im Ausland prägen aber Banker und Milliardäre das Bild des Landes. Die Schweiz selbst sieht sich lieber als bodenständige Nation der Handwerker, Mittelständler und Bauern. In diesen Widerspruch platzte Roman. Ein Reporter des öffentlich-rechtlichen Senders SRF sprach ihn an der Zürcher Bahnhofstrasse an, beim Paradeplatz, dem symbolischen Herzen des Finanzplatzes. Es sollte ein harmloses Gespräch über "das Leben" werden, doch der Mann mit der Sonnenbrille, nach hinten gekämmtem Haar und einem strahlend weißen Lächeln erzählte in Schweiz-Denglisch von seinem Job: Er höre einen Podcast über "AI, Strait of Hormuz, private credit – everything that makes markets go around", er sei ein "sales guy", der für einen amerikanischen Vermögensverwalter ETFs vertreibe, und "chatty", also redselig. Auf die Frage, wie viel er damit verdiene, antwortete er im Weggehen: "multiple hundert." Gemeint waren offenbar mehrere Hunderttausend Franken im Jahr, weit außerhalb dessen, was die meisten Schweizerinnen und Schweizer verdienen. Der Clip traf einen Nerv: Der Interviewte verkörperte das Klischee einer abgehobenen Bankerklasse, von der die Schweizer wissen, dass es sie gibt, die den meisten aber fremd bleibt. Roman verletzte dabei eine ungeschriebene Schweizer Regel: Man darf sehr reich sein, solange man nicht darüber spricht. Er dagegen sprach unbekümmert, wirkte dabei abgehoben, etwas eitel und unfreiwillig komisch. Daraus machte Social Media, was es am besten kann: Aus ein paar Schnipseln von nicht einmal zwei Minuten Länge wurde eine öffentliche Demontage. Roman wurde zum "Wolf of Paradeplatz", immer neue Videos persiflierten seinen Gang, seine Sonnenbrille, seine Socken und jedes einzelne englische Wort. Die Algorithmen auf TikTok und Instagram pushten die Story immer weiter. Fremde recherchierten seinen Arbeitgeber und seinen Lebenslauf und weitere Videos von ihm. Eine Influencerin veröffentlichte als Gag ein älteres Foto aus einer Bar, auf dem dieser Roman sie auf die Wange küsst. Schließlich war sein LinkedIn-Profil nicht mehr auffindbar. SRF schaltete die Kommentare ab. Der Reporter sagt heute, er hätte den Ausschnitt nicht isoliert veröffentlicht, wenn er die Folgen gekannt hätte. Aus einem vermeintlich lustigen Video wurde eine nationale Hetzjagd – die digitale Strafe stand in keinem Verhältnis zum Vergehen. Das darf einen durchaus nachdenklich machen. Mein Kollege Jens Radü schwört, er habe nichts schöngerechnet. Sondern einfach kühl kalkuliert: Kaufpreis, Reparaturen, Unterhalt, was ist der wahre Preis eines Hauses? Und der Vergleich, ob er nicht besser zur Miete gewohnt hätte . Heute habe ich noch einen Hinweis in eigener Sache: Zwei Menschen, zwei Meinungen, ein Gespräch – der SPIEGEL macht mit bei "Deutschland spricht 2026". Die deutschlandweite Initiative bringt Leute mit unterschiedlichen politischen Sichtweisen für persönliche Gespräche zusammen. SPIEGEL-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit nennt die Teilnahme an der Aktion "eine gute Tat für die Demokratie". Haben Sie Interesse? Dann beantworten Sie die folgenden Fragen und registrieren sich. Für das Gespräch am 30. August laden wir auch in die SPIEGEL-Kantine nach Hamburg ein. Seien Sie dabei, wenn Deutschland spricht. Treffen Sie am 30. August jemanden, der anders denkt als Sie: Der SPIEGEL ist Teil einer bundesweiten Medieninitiative, die Menschen mit unterschiedlichen Ansichten in persönlichen Eins-zu-eins-Gesprächen zusammenbringt. Erfahren Sie hier mehr über das Projekt. Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Ihr Mathieu von Rohr, Leiter des SPIEGEL-Auslandsressorts