Thüringen – Notfall-Übung in Eisenbahntunnel: Innenminister Georg Maier fordert Leitstellenreform

Datum11.08.2026 19:45

Quellewww.spiegel.de

TLDREine Rettungsübung in einem Thüringer ICE-Tunnel offenbarte gravierende Verzögerungen und Schwachstellen. Innenminister Georg Maier führt dies auf die kleinteilige Struktur der zwölf Rettungsleitstellen zurück. Er fordert eine Reform hin zu größeren Leitstellenverbünden, um Personal und Technik flexibler einsetzen zu können. Die Übung zeigte Probleme bei der Alarmierung und technische Mängel, was zu erheblichen Verzögerungen führte. Die Kritik richtet sich auch gegen veraltete Kommunikationswege wie Fax.

InhaltWie konnte eine Rettungsübung im ICE-Tunnel so schiefgehen? Thüringens Innenminister Georg Maier macht die kleinteilige Struktur der Rettungsleitstellen dafür verantwortlich. Eine Reform dürfte kompliziert werden. Nach dem Debakel bei der Rettungsübung im Sandbergtunnel an der ICE-Trasse durch den Thüringer Wald wird in Thüringen über Konsequenzen diskutiert. Der Großeinsatz am Wochenende im Ilm-Kreis hatte erhebliche Schwachstellen in der Melde- und Alarmierungskette offengelegt. Dadurch kam es zu erheblichen Verzögerungen. Innenminister Georg Maier (SPD) sieht einen Grund für die Probleme unter anderem in der kleinteiligen Struktur der Rettungsleitstellen im Freistaat. Das Land setzt sich seit Längerem für eine Zentralisierung der derzeit zwölf Thüringer Rettungsleitstellen nach dem Vorbild der Polizei ein und will vier oder fünf größere Leitstellenverbünde schaffen. Katastrophenschutz fällt in die Zuständigkeit der Kommunen. Der Freistaat kann daher Zusammenschlüsse nicht anordnen und setzt deshalb auf Kooperationen und freiwillige gemeinsame Lösungen, die finanziell unterstützt werden. Größere Leitstellen könnten Personal flexibler einsetzen, mit einheitlicher Technik arbeiten und Meldewege vereinfachen. Gerade in außergewöhnlichen Einsatzlagen brauche es Strukturen, die auch unter hoher Belastung zuverlässig funktionierten, sagte Maier. "Die Kleinteiligkeit in diesem Gefahrenbereich ist keine gute Idee." Der Minister appellierte deshalb erneut an die Landkreise und kreisfreien Städte, bestehende Kooperationen auszubauen und sich zu größeren Leitstellenverbünden zusammenzufinden. Das am vergangenen Samstag geübte Szenario: Ein ICE brennt im Eisenbahntunnel Sandberg bei Traßdorf in Thüringen, Dutzende Fahrgäste warten auf Rettung. Doch die Komparsen warteten deutlich länger auf ihre Rettung als geplant. Einem Bericht des Lokalportals "InSüdthüringen"  zufolge setzte der Lokführer den Notruf planmäßig um 10.15 Uhr an die Bahnleitstelle ab. Von dort sei die Rettungsleitstelle Mittelthüringen aber erst 30 Minuten später über den fiktiven Notfall informiert worden. Weitere 30 Minuten später seien dann die Feuerwehren alarmiert worden. Erst nach mehr als zwei Stunden seien die ersten Rettungskräfte eingetroffen. "Wäre das hier echt, wären längst alle tot", zitiert das Portal einen namentlich nicht genannten Feuerwehrexperten. Der Landkreis räumt Verzögerungen ein, teilte aber dem SPIEGEL mit, die ersten Rettungskräfte seien bereits um 10.50 Uhr, also nach etwas mehr als einer halben Stunde, eingetroffen. Nach bisherigen Erkenntnissen kamen bei der missglückten Übung mehrere Faktoren zusammen: Neben Verzögerungen bei der Übermittlung des Übungsnotrufs sowie bei der Alarmierung der Feuerwehr gab es laut Innenministerium zudem einen technischen Defekt sowie reale Einsätze, darunter zwei schwere Verkehrsunfälle auf der Autobahn. Einzelne Einheiten hatten aufgrund einer zuvor veränderten Einsatzplanung längere Anfahrtswege. Die Landrätin des Ilm-Kreises, Petra Enders, hatte außerdem den Alarmierungsweg innerhalb der Thüringer Leitstellen via Fax kritisiert. Ein Fax halte sie im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr für zeitgemäß. Nach Angaben des Innenministeriums ist das Fax in bestimmten Konstellationen weiterhin Standard, unter anderem weil es als manipulationssicher gilt. Im Notfallverfahren der Deutschen Bahn werde die Erstinformation über ein Schadensereignis per Fax an die zuständige Leitstelle übermittelt. Diese alarmiere Rettungsdienst und Feuerwehr in Thüringen anschließend per Funk. Werden weitere Kräfte aus anderen Zuständigkeitsbereichen benötigt, fordert die Leitstelle sie per Informations- und Anforderungsfax – kurz Alarmfax – bei anderen Leitstellen an. Das Fax diene also – wie bei dem Übungsszenario – der Anforderung bei anderen Leitstellen, nicht der eigentlichen Alarmierung der Einsatzkräfte. Dennoch solle dieser Standard perspektivisch auch in Thüringen nach und nach durch digitale Fachlösungen abgelöst werden, hieß es weiter. Dafür stünden inzwischen sichere und modernere technische Alternativen zur Verfügung. Stark verzögerte Meldeketten und Türen, die sich nicht öffnen ließen: Was bei der Rettungsübung alles schiefgelaufen ist, lesen Sie hier .