Datum11.08.2026 16:22
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer größte deutsche Autoversicherer, die HUK, verzeichnet einen Ansturm auf Elektro-Pkw, der sich seit steigenden Spritpreisen verdoppelt hat. Jeder achte Fahrzeugwechsel betrifft nun ein E-Auto, besonders im Gebrauchtwagensegment. Staatliche Förderungen und die Unflexibilität vieler Autofahrer bei hohen Spritpreisen begünstigen diesen Trend. HUK-Vorstand Jörg Rheinländer sieht in elektrischen Gebrauchtwagen einen "Gamechanger".
InhaltDie Zahl der Wechsler zum E-Auto hat sich in wenigen Wochen verdoppelt: Kfz-Versicherer HUK meldet ein Rekordinteresse an dem alternativen Antrieb. Bemerkenswert sei der Trend bei Gebrauchtwagen. Bei fast jedem achten privaten Fahrzeugwechsel in Deutschland wird inzwischen ein Auto mit Verbrennungsmotor durch ein E-Auto ersetzt. Das zeigt eine Auswertung der Versicherung HUK-Coburg. Von allen Privatkunden, die im zweiten Quartal ihr bei der HUK versichertes Auto wechselten, stieg demnach annähernd jeder achte (zwölf Prozent) von einem Auto mit Verbrennungsmotor auf einen reinen Stromer um. Vor Beginn des Irankriegs und den daraufhin stark steigenden Spritpreisen lag die Quote nur etwa halb so hoch (6,3 Prozent im Januar und Februar 2026). Die HUK sieht daher einen Zusammenhang zwischen den Kosten für Sprit und Wunsch, auf ein E-Auto umzusteigen. Besonders auffällig ist die Entwicklung laut der Versicherung im Bereich der Gebrauchtwagen. Dieser Markt ist in Deutschland mehr als doppelt so groß wie der Neuwagenbereich und lag bei Elektroautos bislang deutlich zurück. Im vergangenen Quartal aber ist der Elektroanteil in diesem Segment auf 7,9 Prozent gestiegen – und liegt damit bei mehr als dem Doppelten des Vorjahresquartals. Die Ergebnisse einer bundesweit repräsentativen Befragung zeigen laut der HUK deutlich einen Zusammenhang zwischen gestiegenen Spritpreisen und häufigeren Wechseln zu E-Autos. Die Umfrage hatte die Versicherung in Auftrag gegeben. In diesem Jahr gibt es auch wieder eine staatliche Förderprämie für E-Autos, die für Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen gilt. Es sind bereits mehr als 100.000 Anträge für die Prämie beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle eingegangen. Demzufolge sagte fast jeder vierte Befragte mit Führerschein (24 Prozent) aus, nur "wegen der Entwicklung der Diesel- und Benzinpreise seit Beginn des Irankriegs" erstmals überhaupt über die Anschaffung eines reinen Elektroautos nachgedacht zu haben oder das eine geplante Anschaffung deshalb wahrscheinlich vorgezogen wird. Für 72 Prozent machen die gestiegenen Preise keinen Unterschied. Vom 08.05.2026 bis 31.05.2026 fanden insgesamt 4121 Onlineinterviews statt. Die Umfrage ist Teil einer Langzeit-Online-Befragung, an der alle drei Monate jeweils rund 4000 Personen teilnehmen (Panel YouGov Deutschland). Die Daten werden mit den Quotenmerkmalen Alter und Geschlecht innerhalb der einzelnen Bundesländer erhoben. Für dieses "E-Barometer" untersucht die Versicherung regelmäßig Verbreitung und Akzeptanz der Elektromobilität in Deutschland. Grundlage dafür sind eigene Daten des Unternehmens, das nach eigenen Angaben mit 14,5 Millionen Fahrzeugen der größte deutsche Autoversicherer ist. Die Autos werden intensiv genutzt: Gerade bei Vielfahrern, die mehr als 12.000 Kilometer pro Jahr zurücklegen sind die Umsteigequoten auf Elektroautos noch einmal ein gutes Stück höher. "Der Hochlauf der Elektromobilität hat eine neue Dimension erreicht, auch angetrieben durch die stark gestiegenen Spritpreise", sagt Jörg Rheinländer, der im Vorstand der HUK-Coburg für die Autoversicherung zuständig ist. "Elektrische Gebrauchtwagen können dabei offenbar zum Gamechanger werden", ist er überzeugt und fügt hinzu: "Möglicherweise ließe sich dieser Trend noch verstärken, wenn neben den Käufern von Neuwagen auch die Käufer gebrauchter E-Autos von der staatlichen E-Auto-Prämie profitieren könnten." Das Kraftfahrt-Bundesamt registriert ebenfalls ein zunehmendes Interesse an Elektroautos. Im Juli wurden 78.609 rein batterieelektrisch angetriebene Pkw zugelassen. Ihr Anteil betrug 29,3 Prozent an allen neu zugelassenen Pkw. Erst kürzlich berichtete der SPIEGEL , dass die stark gestiegenen Spritpreise in Deutschland bislang nur sehr begrenzt Auswirkungen auf das Fahrverhalten haben. Trotz Rekordpreisen um zwei Euro je Liter und einem nur kurz wirksamen Tankrabatt ist der Autoverkehr auf Autobahnen und in Städten wie Hamburg gegenüber den Vorjahren lediglich leicht zurückgegangen, meist im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Der Effekt lässt sich statistisch kaum eindeutig den Preisen zuschreiben. Preisbereinigte Umsätze an Tankstellen und Verbrauchsdaten deuten zwar auf etwas weniger Dieselverbrauch hin, beim Benzin bleibt der Rückgang jedoch gering. Verkehrsforscher verweisen darauf, dass die Spritnachfrage nur relativ schwach auf Preisänderungen reagiert und viele Menschen kurzfristig kaum Alternativen haben, weil Wohnort, Arbeitsweg oder Fahrzeugwahl sich nicht schnell umstellen lassen; selbst in der Coronapandemie sank der Autoverkehr nur um gut zehn Prozent. Autofahrer in Deutschland lassen den Wagen trotz hoher Spritpreise kaum stehen. Hier lesen Sie mehr über die Daten, die der SPIEGEL dazu ausgewertet hat.