Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Schulbegleitung: Wie viel Hilfe bekommt Hanna?

Datum11.08.2026 06:00

Quellewww.zeit.de

TLDRDer Artikel beleuchtet die Kürzung der Schulbegleitung für die autistische Hanna, trotz gestiegener Fallzahlen und erhöhtem Gesamtbudget. Ihre Mutter kämpft um die notwendige Unterstützung für ihre Tochter. Weitere Themen sind die erwarteten Besucherrückgänge auf der Elbphilharmonie-Plaza wegen Eintrittspreisen, die Vereidigung neuer Lehrkräfte, die Bedeutungsverringerung der Roten Flora, Forderungen nach Stärkung der Wasserschutzpolizei und die hohen Kosten für geflüchtete Obdachlose. Zudem wird über Proteste gegen den Abriss gefährdeter Häuser in der Holstenstraße berichtet.

InhaltDie Elbvertiefung am Dienstag – Mit Protesten gegen Abriss in der Holstenstraße, der Sorge vor Besucherschwund auf der Elphi-Plaza und einer Erinnerung an eine Indieband Hanna ist zwölf und liebt Sprache. Sie denkt sich gern Geschichten aus für die Menschen, die sie mag. Sie ist witzig, hat oft einen ironischen Spruch parat. Und sie ist detailverliebt, ihre selbst gebauten Lego-Miniaturen sind ihr größter Schatz. Wenn sie einem die kleinen Kunstwerke in ihrem Kinderzimmer zeigt, ist das schon ein großer Vertrauensbeweis. Wenn Hanna aber das Haus verlassen muss, versagen ihr vor Aufregung manchmal die Beine und ihre Mutter muss sie tragen. Bei zu viel Trubel fällt Hanna in eine Starre: Dann kann sie nicht mehr sprechen, sich nicht bewegen und kaum einen klaren Gedanken fassen. Hanna hat eine Autismus-Spektrum-Störung und ADHS. Sie hat Pflegegrad vier, den zweithöchsten, und braucht viel Unterstützung, auch in der Schule. Deshalb hilft ihr eine Schulbegleiterin, die früh erkennt, wenn Hanna überfordert ist, und mit ihr dann zum Beispiel in einen Ruheraum geht. Kurz vor den Ferien erfuhren Hannas Eltern, dass die Schulbegleitung ihrer Tochter von 26 auf zehn Stunden pro Woche gekürzt wird, ohne Begründung. Derzeit ordnet Hamburg die Schulbegleitung neu, weil die Zahl der Fälle stark gestiegen ist. Pauschale Kürzungen seien jedoch nicht geplant, sagte Schulsenatorin Ksenija Bekeris (SPD). Das Gesamtbudget soll sogar steigen, so steht es im nächsten Doppelhaushalt. Aber in Hannas Fall wurde eben doch gekürzt. Mein Interview mit Hannas Mutter finden Sie weiter unten, oder hier (Z+). Einige Tage später rief sie mich an: Nachdem sie selbst noch einmal einen Antrag gestellt hatte, wurden ihrer Tochter doch mehr Stunden bewilligt – vorläufig, bis zur endgültigen Entscheidung, längstens bis Ende Januar. Wieder ohne Begründung. Was für ein Hin und Her. Und welch eine Belastung für eine Mutter, die ihr Kind pflegt und noch zwei jüngere Kinder hat. Unser Gespräch hing mir lange nach. Es hat mir konkret gezeigt, wie der Alltag von pflegenden Angehörigen aussieht, welche Lücke entsteht, sobald eine Hilfe wegbricht. Vielleicht pflegen auch einige von Ihnen jemanden. Ganz ehrlich: Ich habe großen Respekt vor dem, was Sie jeden Tag leisten. Falls auch Ihr Kind im nächsten Schuljahr weniger Schulbegleitung erhält oder Sie eine betroffene Familie kennen, schreiben Sie uns gern an hamburg@zeit.de mit dem Betreff "Schulbegleitung". Kommen Sie gut durch den Tag. Ihre Annika Lasarzik Weil der Eintritt ab dem 5. Oktober fünf Euro kosten wird, erwartet die Stadt einen Besucherrückgang auf der Aussichtsplattform der Elbphilharmonie. Laut einer Sprecherin der Kulturbehörde könnten es bis zu 30 Prozent weniger Plaza-Besucher sein, was bis zu 660.000 Menschen entspricht. Im Rathaus wurden gestern 427 neue Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst vereidigt. Bildungsstaatsrätin Katharina von Fintel appellierte dabei an sie, aktiv für Demokratie und Menschenrechte einzutreten. Nach Angaben der Schulbehörde hatten sich 1.062 junge Menschen um einen der 427 Plätze beworben; der Notendurchschnitt aus dem Studium liegt derzeit bei 1,64. Der Verfassungsschutz sieht einen Bedeutungsverlust der Roten Flora. Das autonome Zentrum im Schanzenviertel sei demnach nicht mehr von zentraler Bedeutung. Ein Grund dafür ist dem Hamburger Verfassungsschutzchef Torsten Voß zufolge eine Zäsur im Linksextremismus nach dem G20-Gipfel 2017. Die Quantität der Aktionen nehme ab, aber die Qualität – und mithin die Gefährlichkeit – nehme zu. Angesichts der möglichen Bedrohung des Hafens durch Drohnen, Sabotage oder Ausspähung verlangt die Gewerkschaft der Polizei (GdP) eine Stärkung der Wasserschutzpolizei und mehr Unterstützung vom Bund. Hafensicherheit sei "eine Aufgabe von nationaler Bedeutung", sagte Hamburgs GdP-Chef Lars Osburg. Entscheidend seien Menschen, die den Hafen kennen, komplexe Lagen bewerten und im Ernstfall handeln können. Die Unterbringung von Geflüchteten in einem der Mundsburg-Hochhäuser hat Steuerzahler 2025 rund 7,9 Millionen Euro gekostet. Für die 77 als öffentlich-rechtliche Unterkunft genutzten Wohnungen berechnete der städtische Betreiber Fördern & Wohnen jeweils 8.510 Euro pro Monat, bestätigte der Senat auf eine Kleine Anfrage der CDU. Die im Gebäude privatrechtlich vermieteten Wohnungen kosteten hingegen im Durchschnitt 1.550 Euro pro Monat. Rund 300 Menschen haben gestern vor den einsturzgefährdeten Häusern in der Holstenstraße demonstriert. Sie solidarisierten sich mit den Bewohnern, die ihre Wohnungen schlagartig verlassen mussten (Z+). Das Hab und Gut der Mieterinnen und Mieter blieb in den Häusern zurück – darunter auch Arbeitsgeräte und Instrumente freischaffender Künstlerinnen und Künstler, die nun in ihrer Existenz bedroht sind. Insgesamt seien mehr als 40 Menschen obdachlos geworden, sagte eine Sprecherin der Bewohnergruppe. "Dieses Haus ist nicht ordentlich bewirtschaftet worden", kritisierte der Rechtsanwalt Marc Meyer vom Verein Mieter helfen Mietern: "Der Eigentümer schuldet allen Betroffenen Schadenersatz." Von einem "Skandal" sprach Kristina Sassenscheidt vom Denkmalverein: Es handele sich bei dem Haus um ein Baudenkmal, zu dessen Erhalt der Eigentümer gesetzlich verpflichtet sei. In Redebeiträgen und auf Bannern erklärten viele der Demonstrierenden, dass es sich aus ihrer Sicht nicht um einen Einzelfall, sondern um das Symptom eines profitorientierten Wohnungsmarkts handele. Sie forderten politische Konsequenzen, von der Einführung eines Gebäude-TÜVs, der Eigentümer verpflichtet, ihre Häuser regelmäßig überprüfen zu lassen, bis zu einer Enteignung jener, die eine "Vertreibung durch Verrottenlassen" betrieben. Heute soll mit dem Abriss des Hinterhauses begonnen werden. Ob das Vorderhaus und die Nachbarhäuser erhalten werden können, ist unklar. Oskar Piegsa In Hamburg gilt die Inklusion: Alle Kinder sollen dieselben Schulen besuchen können. Damit das gelingt, gibt es Schulbegleiter. Sie helfen Kindern, die eine besondere Betreuung brauchen, am Schulalltag teilzunehmen. Im letzten Schuljahr erhielten hamburgweit 4.011 Kinder und Jugendliche eine solche Begleitung – die Zahl war zuletzt stark gestiegen, 2014 waren es noch rund 1.600 Kinder. Zum kommenden Schuljahr soll die Schulbegleitung neu geordnet werden. Nach Aussagen der Schulbehörde sind mit der Neuordnung keine Einsparungen verbunden. Dennoch berichten Eltern, für ihre Kinder sei überraschend das Stundenkontingent der Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter gekürzt worden. Eine von ihnen ist Susanna Wamala, deren Tochter Hanna Autistin ist. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Gespräch, das Annika Lasarzik geführt hat. DIE ZEIT: Wie wirkt sich Hannas Autismus im Alltag aus? Susanna Wamala: Hanna hat eine Autismus-Spektrum-Störung und eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). In sozialen Situationen und bei kleinsten Veränderungen ist ihr Nervensystem schnell überlastet. Wenn ein neues Projekt ansteht, eine Lehrerin krank oder das Essen ungewohnt ist, kann sie einen sogenannten Shutdown bekommen: Sie erstarrt dann völlig, kann nicht sprechen oder sich bewegen und reagiert nicht auf Ansprache. Laute Geräusche und viele Menschen sind für sie schwer auszuhalten. Oft kann sie nicht zeigen, was sie braucht, und nimmt Körpersignale wie Hunger oder Durst, aber auch Schmerzen anders wahr. Die Schulbegleitung hilft ihr, diese einzuordnen und entsprechend zu handeln. ZEIT: Wobei hilft die Schulbegleiterin Hanna? Wamala: Vor allem bei der Kommunikation braucht Hanna im Schulumfeld viel Unterstützung. Sie hilft ihr bei vielen kleinen Dingen: den Schulranzen auszupacken, die richtigen Stifte und Hefte herauszuholen, die passende Buchseite zu finden. Sie merkt früh, wenn Hanna überlastet ist, und geht dann zum Beispiel mit ihr ins "Nest". So heißt der Ruheraum, der extra für solche Ruhepausen in der Schule eingerichtet wurde. Auch in den Pausen hilft sie Hanna, sich zurechtzufinden, soziale Kontakte herzustellen und sicher zurück in den Unterricht zu kommen. DIE ZEIT: Wie treffen die Änderungen bei der Hamburger Schulbegleitung Ihre Tochter? Wamala: Hanna kommt jetzt in die sechste Klasse und hat Pflegegrad 4 – den zweithöchsten von fünf Pflegegraden. Ihre Selbstständigkeit ist im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern also schwer beeinträchtigt, sie braucht im Alltag sehr viel Unterstützung. Bisher hatte sie 26 Stunden pro Woche eine Schulbegleiterin an ihrer Seite. Im kommenden Schuljahr sollten es nur noch zehn sein. ZEIT: Hat die Behörde diese Entscheidung begründet? Wamala: Nein. Die Schulbegleitung wird in Hamburg nicht von den Eltern beantragt, sondern von den Schulen. Die Schule Rellinger Straße, die Hanna besucht, ist eine Schwerpunktschule für Inklusion. Jedes Jahr vor den Sommerferien ermittelt die Schule gemeinsam mit dem ReBBZ den Bedarf für Schulbegleitung, dieses Jahr hat die Schulbehörde insgesamt deutlich weniger Stunden bewilligt. Die Schule erhielt lediglich eine Liste, aus der hervorging, wie viele Stunden den einzelnen Kindern zugeteilt wurden – jeweils ohne Begründung. Ich habe dann selbst einen Antrag auf eine 1:1-Schulbegleitung über die Eingliederungshilfe gestellt. ZEIT: Haben Sie darauf eine Antwort erhalten? Wamala: Ja, vor wenigen Tagen kam der Bescheid. Demnach erhält Hanna vorerst bis Ende Januar 21,79 Begleitungsstunden pro Woche. Das ist einerseits eine große Erleichterung. Andererseits bin ich weiterhin verunsichert und blicke mit Sorge in die Zukunft. Wie sich Hannas Familie bisher organisiert und warum es aus Sicht der Mutter keine Option wäre, Hanna zu Hause zu unterrichten, lesen Sie im vollständigen Interview auf zeit.de → Zum Artikel (Z+) Die Indieband Death Cab for Cutie gehörte zum Soundtrack der Nullerjahre. Jetzt hat sie ein neues Album. Nur die Erinnerung an früher ist so viel schöner. Autor Micky Beisenherz hat sich auf eine gedankliche Zeitreise begeben. → Zum Artikel (Z+)  In der Grundbuchhalle des Ziviljustizgebäudes sind in der Ausstellung "Grauzone – Urbane Szenen 1980– 1995" 104 Fotografien von Klaus Frahm zu sehen. Seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen Szenen aus Passagen, Hinterhöfen und Leerstellen in Hamburgs Stadträumen. Frahm fotografierte mit der Großbildkamera überwiegend in St. Pauli, Altona und im Schanzenviertel. "Grauzone – Urbane Szenen 1980 – 1995", bis 25.9.; Grundbuchhalle des Ziviljustizgebäudes, Sievekingplatz 1; Montag – Freitag 9–19 Uhr Dienstagmorgen im Busersatzverkehr zwischen Ohlsdorf und Lattenkamp. Durchsage des Busfahrers: "Verehrte Fahrgäste, ich habe mich leider verfahren. Wie kommen wir von hier zum Lattenkamp?" Gehört von Godehard Dengler Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.