Landtagswahlen: Der Preis des taktischen Wählens

Datum10.08.2026 15:10

Quellewww.zeit.de

TLDRTaktisches Wählen wird in Sachsen-Anhalt propagiert, um eine AfD-Mehrheit zu verhindern. Wenn andere Parteien die 5%-Hürde nicht schaffen, profitieren Rechtspopulisten. Das Wählen einer schwachen Partei, die sonst bevorzugt wird, soll dies verhindern. Erfolgreich war dies in Sachsen, aber es ist riskant, wenn mehrere Parteien um den Einzug kämpfen. Es birgt zudem das Problem, dass nicht das Programm zählt, sondern die Abwehr eines Gegners.

InhaltJe mehr Parteien es über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, desto geringer sind die Chancen der AfD auf eine Mehrheit. Über die Chancen und Schwächen der Strategie Einen Monat vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist eine AfD-geführte Regierung keine abstrakte Möglichkeit mehr. In den Umfragen liegt die Partei bei 41 Prozent, weit vor der zweitplatzierten CDU. Zugleich kämpfen mehrere Parteien um den Einzug in den Landtag. Scheitern SPD, Grüne, FDP oder das BSW an der Fünf-Prozent-Hürde, werden ihre Stimmen bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt. Folglich wüchse der Mandatsanteil der verbleibenden Parteien. Die AfD könnte so bereits mit weniger als 50 Prozent der Stimmen eine absolute Mehrheit der Sitze erreichen. Um das zu verhindern, rufen Initiativen wie Taktisch Wählen dazu auf, das Wahlverhalten anzupassen. Die Wählerinnen und Wähler sollen ihre Stimme nicht der sonst bevorzugten Partei geben, sondern gezielt eine Partei unterstützen, die an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern droht. Der Fokus liegt hierbei auf Parteien, die eine Zusammenarbeit mit der AfD klar ausschließen, wie etwa SPD und Grüne. Ähnliche Appelle gab es bereits bei den ostdeutschen Landtagswahlen 2024, um eine Sperrminorität der AfD und damit mögliche Blockaden parlamentarischer Abläufe zu verhindern. Was auf den ersten Blick wie ein pragmatisches Modell zum Schutz demokratischer Institutionen wirkt, offenbart auf den zweiten Blick allerdings Grenzen. Diese liegen nicht darin, dass Kampagnen zum taktischen Wählen generell keine Aussicht auf Erfolg hätten. Im Gegenteil: Bei der Landtagswahl in Sachsen 2024 schafften es die Grünen mit 5,1 Prozent knapp in den Landtag. In zwei Leipziger Wahlkreisen verhalfen Wähler gezielt Kandidaten der Linken zu Direktmandaten und der Partei damit über die Grundmandatsklausel zum Einzug in den Landtag. Dadurch verfehlte die AfD die Sperrminorität um einen Sitz. Der sächsische Fall zeigt, dass taktisches Wählen zwar funktionieren kann, aber an hohe Voraussetzungen gebunden ist. Damit der taktische Einsatz von Wählerstimmen gelingt, müssen Wähler plausibel abschätzen können, wo ihre Stimme benötigt wird und wo sie verschwendet wäre. Wenn jedoch, wie derzeit in Sachsen-Anhalt, mehrere Parteien gleichzeitig um den Einzug in den Landtag kämpfen, wird das schwierig. Gehen zwar viele, aber nicht genügend taktische Stimmen an eine Partei, die knapp an der Hürde scheitert, sind all diese Stimmen verschwendet. Zugleich können genau diese Stimmen einer anderen Partei fehlen, die mit ihnen den Einzug geschafft hätte. In beiden Fällen würde die AfD profitieren. Um sich in dieser Lage zu orientieren, bleibt Wählern vor allem der Blick auf Umfragen. Doch gerade deren statistische Unsicherheit kann die Unklarheit noch verschärfen. Eine Studie der Politikwissenschaftler Christina Gahn und Werner Krause zeigt, dass Parteien, die in den letzten Umfragen vor der Wahl knapp unter der Fünf-Prozent-Hürde liegen, deutlich seltener ins Parlament einziehen als Parteien knapp darüber. Eine Partei, die in Umfragen nur bei vier Prozent liegt, erscheint taktischen Wählern womöglich als chancenlos. Der Wählerwunsch, die eigene Stimme nicht zu verschwenden, kann deren Einzug dann tatsächlich verhindern. Bei der Landtagswahl 2024 in Brandenburg lagen die Grünen noch drei Tage vor der Wahl bei 4,5 Prozent. Angesichts der statistischen Fehlertoleranz war ihr Einzug also keineswegs unrealistisch. Dennoch scheiterten sie mit gerade einmal 13.000 fehlenden Stimmen an der Sperrklausel. Die AfD erreichte so im Potsdamer Landtag eine Sperrminorität. Zudem birgt taktisches Wählen ein demokratietheoretisches Problem. Nicht mehr das überzeugendste Programm steht im Mittelpunkt der Wahlentscheidung, sondern die Verwendung der Stimme zum Nachteil eines politischen Gegners. In einer repräsentativen Demokratie sollte dies jedoch nicht der Normalfall sein. Insbesondere nicht in Ostdeutschland, wo die Distanz zur Parteiendemokratie größer ist, wie etwa der Soziologe Steffen Mau herausgearbeitet hat. Unter den Wählern, die wiederholt bereit sind, ihre Stimme taktisch zum Schutz demokratischer Institutionen zu vergeben, kann es zu Ermüdungserscheinungen kommen. Die Wahrnehmung, die eigene Stimme verkomme zunehmend zu einem Instrument der Schadensbegrenzung, geht zulasten des Gefühls politischer Selbstwirksamkeit. Gerade dieses ist jedoch entscheidend dafür, sich überhaupt an Wahlen zu beteiligen. Auch den Parteien selbst kann das schaden. Werden sie nur noch als taktische Optionen eines gemeinsamen Abwehrlagers wahrgenommen, treten ihre programmatischen Unterschiede in den Hintergrund. Nicht nur gewinnt das AfD-Narrativ eines "Altparteienkartells" an Plausibilität, auch führt die Verwischung programmatischer Unterschiede zu Verlusten an die politischen Ränder. In Ostdeutschland verschärft sich diese Problematik. Seit Jahren schrumpft die Wählerbasis der koalitionsfähigen Parteien der politischen Mitte. Hält man dann auch noch die Linkspartei in Sachsen-Anhalt raus, wie es die CDU tut, kommen die koalitionsfähigen Parteien in jüngsten Umfragen zusammen nicht mal mehr auf 40 Prozent der Stimmen. Taktisches Wählen mag dabei helfen, die knapper werdenden Stimmen innerhalb dieses Lagers möglichst zum Nachteil der AfD zu verteilen. Die eigene Wählerbasis wird dadurch aber kaum größer. Es wird vor allem der immer kleiner werdende Kuchen der Nicht-AfD-Stimmen untereinander aufgeteilt.