Datum10.08.2026 11:51
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie aktuelle Rentendebatte wird als Kollaps politischer Kommunikation kritisiert. Statistiken zur Rentenvorsorge im Osten Deutschlands werden irreführend dargestellt, um die "Rente mit 63" zu rechtfertigen. Die Kolumne argumentiert, dass diese Regelung primär gutverdienenden Gesunden zugutekommt und die Rente mit 67 untergräbt. Es fehle eine überzeugende Kommunikation, die das objektiv Notwendige erklärt, anstatt falsche Erwartungen zu bedienen.
InhaltDie neuerliche Debatte über die Rente ist in Wahrheit der Kollaps der politischen Kommunikation. Dann können wir es auch ganz bleiben lassen. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Flood the zone with shit, so hieß es von Steve Bannon, und mit Schaudern schaute man Donald Trumps frühem Einflüsterer zu, wie er sein Unwesen trieb. Mit Lügen und Unfug die Massen und den Gegner abzulenken, um etwas Eigenes, Böses zu beschützen: Daran musste ich dieser Tage denken, auch wenn es in Deutschland etwas anders ist. Hier wird mit Lügen und Unfug etwas Gutes (oder zumindest: etwas Notwendiges) beschädigt. Die laufende Rentendebatte hat alles, was keiner braucht. Nikolaus Blome, Jahrgang 1963, war bis Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur und Politikchef der "Bild"-Zeitung. Von 2013 bis 2015 leitete er als Mitglied der Chefredaktion das SPIEGEL-Hauptstadtbüro, zuvor war er schon einmal stellvertretender "Bild"-Chefredakteur. Seit August 2020 leitet er das Politikressort bei RTL und n-tv. Dort macht er auch einen wöchentlichen Podcast zusammen mit Jakob Augstein . Im Januar 2025 erschien sein neues Buch "Falsche Wahrheiten: 12 linke Glaubenssätze, die unser Land in die Irre führen". Mit Rosstäuscherei geht es los. Um die "Rente mit 63", respektive das abschlagsfreie Ausscheiden nach 45 Versicherungsjahren gerade für den Osten Deutschlands zu rechtfertigen, sagte Ministerin Bas vor einem Jahr in der ARD (und seitdem immer wieder): "74 Prozent der Menschen in Ostdeutschland haben nur die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) als Vorsorge. 52 Prozent in Westdeutschland." Diese Zahlen sind seither das maßgebliche Framing, sie sind formal nicht falsch, aber – ich denke: mit einiger Absicht – grob irreführend. Schließlich steht im offiziellen "Alterssicherungsbericht" ihres Hauses von Ende 2024 wörtlich: "In den neuen Ländern erhalten 51 Prozent ausschließlich eine eigene GRV-Rente, in den alten Ländern sind es 37 Prozent." Nanu? Leben im Osten jetzt drei Viertel allein von einer gesetzlichen Rente oder nur 52 Prozent? Des Rätsels Lösung: Viele Frauen erhalten die eigene und eine Witwenrente, im Schnitt laut Bericht netto 849 Euro. In Ostdeutschland beziehen neun von zehn Witwen über 65 eine solche Zweitrente, natürlich ebenfalls aus der "gesetzlichen Rentenversicherung", die Frau Bas erwähnt: eine Versicherung, zwei Renten. Ich werde nie begreifen, warum so viele Sozialdemokraten die Rente schlechter und die Rentner ärmer reden, als sie nachweislich sind. Bei der CDU ist es inzwischen auch nicht besser: Selbst Partei-Promis zerquatschen, was Koalition und Kanzler mit großem Aufwand hinbekommen haben. Viele Linke und manche Ministerpräsidenten der SPD machen mit, als hätten sie darauf gewartet. Und an dieser Stelle wird es grundsätzlich: Der eine oder andere hält zwar noch dagegen, wie Thorsten Frei, der neue Unionsfraktionschef. Aber viel mehr als pacta sunt servanda kommt da nicht. Es fehlt eine Kommunikation, die durchdringt, weil sie überzeugt. Oder ist der Gedanke naiv: dass sich überhaupt genügend Leute gewinnen lassen, weil sie für überzeugend vorgetragene Vernunft (noch) zugänglich sind? Zum Beispiel dafür, dass es bei der Rente mit 63 nicht um Kürzung geht, sondern um Korrektur. Nicht darum, irgendjemandem rückwirkend etwas wegzunehmen, was er schon hat, sondern darum, eine fehl gehende Rentensubvention nicht weiter in die Zukunft zu verlängern. Die Rente mit 63 war für körperlich arbeitende Geringverdiener gedacht, doch sie geht überwiegend an gesunde Gutverdiener. Jeder weiß das, niemand bestreitet es. Allein: Allem Anschein nach ist es für maßgebliche politische Kräfte wichtiger, die einmal geschaffenen falschen Erwartungen weiter zu befriedigen, als den Milliarden-Irrtum einfach zu stoppen. Die Erde wird zur Scheibe. Preisabfragezeitpunkt 10.08.2026 11.52 Uhr Keine Gewähr So kommt es, dass die 45 Versicherungsjahre als Bedingung für eine Sonderrente in der Debatte langsam dastehen wie ein Generalanspruch für alle. Ist den Kommunikationskönigen klar, dass sie damit de facto Rente und Lebensalter entkoppeln und somit auch die letzte sinnvolle Rentenreform abwickeln: die Rente mit 67? Das kann man machen, aber gewiss nicht mal so eben nebenbei, denn es wäre ein epochaler Paradigmenwechsel. Zudem müssten es dann nicht 45 Jahre sein, sondern mehr, weil sonst kaum eine Renten-Rechnung aufgeht. Das wiederum würde bewirken, dass nahezu alle Akademiker, die mit Mitte, Ende 20 in den Beruf einsteigen, sich von Anfang an auf drastische Abschläge einstellen müssten. Auch das kann man wollen, aber haben es die drei CDU-Landeschefs in irgendeiner Weise bedacht? O Mann. Die Kollegin Sabine Rennefanz schrieb an dieser Stelle über den fehlenden Ost-Blickwinkel auf die Dinge: Im Osten wird die Rente mit 63 (respektive nach 45 Jahren) anteilig tatsächlich häufiger in Anspruch genommen als im Westen, das sei bei den Reformen zu bedenken. Sonntags fährt die Straßenbahn schneller als bergab? Was hat das denn miteinander zu tun? Nur weil im Osten mehr Menschen auch künftig von einem mehr als zehn Jahre alten Irrtum profitieren würden als im Westen, soll er bestehen bleiben. Daran ändert auch nichts, dass der neuerliche Ausbau der Mütterrente westdeutsch inspirierter Schwachsinn in jeder Hinsicht ist. Aber soll man deshalb die doppelt so teure Rente mit 63 weiter in die Irre laufen lassen? Nein, man sollte die bayerische Bastion stürmen, statt im Osten ein Wehrdorf des Wahnsinns zu befestigen. Nach all' den Jahren ist mir auch klar, dass mit dem Taschenrechner allein mehrheitsfähige Politik in diesem Land nicht mehr zu machen ist. Aber so ganz auf die Grundrechenarten verzichten, das mag ich auch noch nicht. In der "FAZ" schrieben vor ein paar Tagen zwei ausgewiesene Rentenexperten das nüchterne Urteil über die Rente mit 63: Für ihre Beibehaltung zu sein, hieße zu "fordern, dass Versicherte mit den höchsten Renten weiterhin privilegiert werden auf Kosten der Solidargemeinschaft, dass Männer gegenüber Frauen begünstigt werden und dass Frauen mit kürzerer Versicherungsdauer und deswegen niedrigeren Renten dies mitfinanzieren müssen". Und dabei haben wir über den Widersinn noch gar nicht gesprochen, auf jährlich mehrere Hunderttausend Arbeitskräfte vorfristig zu verzichten – und zugleich von "mehr und länger Arbeiten" zu reden oder es extra zu subventionieren. So gesehen entscheidet sich an der Rentenreform, ob man in diesem Land, wenn es darauf ankommt, das objektiv Notwendige durchsetzen und vielleicht auch erklären kann, weil noch irgendjemand zuhört. Oder ob man es inzwischen auch bleiben lassen kann, weil schon alle Vernunft begraben ist.