Spätsommer 1976: 50 Jahre Bowie in Berlin: Er kam zum Cleanwerden

Datum10.08.2026 09:00

Quellewww.zeit.de

TLDRDavid Bowie zog 1976 nach West-Berlin, um sich von Drogenproblemen zu erholen und Anonymität zu finden. Seine „Berliner Zeit“ (1976-1979) prägte seine Karriere und führte zur Entstehung seiner „Berliner Trilogie“ (Low, Heroes, Lodger). Er inspirierte sich an Berlins Kunst und Musikszene, darunter Kraftwerk und Tangerine Dream, und nahm im legendären Hansa Studio auf. Ein ikonischer Auftritt 1987 an der Berliner Mauer unterstrich seine Verbundenheit mit der Stadt.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Spätsommer 1976“. Lesen Sie jetzt „50 Jahre Bowie in Berlin: Er kam zum Cleanwerden“. Es lag an der erhofften Anonymität, dass David Bowie (1947-2016) im August 1976 seinen Lebensmittelpunkt für die folgenden Jahre nach West-Berlin verlegte, in die Stadt, in der es damals noch viele Ruinen gab und in der in alle Himmelsrichtungen "Osten" war. Vor 50 Jahren begann die als "Berliner Zeit" titulierte Phase im Leben des legendären Popkünstlers.  Ein guter Zeitpunkt, um ein paar Mythen über Bowie und Berlin, Heroin und "Heroes" zu beleuchten. Bowie kam in die Mauerstadt als eine Flucht vor diversen Problemen, unter anderem um sich von Drogenmissbrauch zu erholen. Das mit den Drogen wirkt heute fast ironisch, denn Berlins Partyszene und Nachtleben ist als drogenaffin bekannt. Auch Mitte der 70er war das schon so. West-Berlin galt als Hauptstadt der Fixer, als eine Stadt des Heroins.  Genau in Bowies Berlin-Jahren etwa spielte sich auch die Drogenjugend von Christiane F. ab: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Erstmals Heroin probierte die Protagonistin des legendären "Stern"-Buchs als 13-Jährige im April 1976 in der Deutschlandhalle - bei einem Bowie-Konzert. Auch in der Verfilmung von 1981 spielt Bowies Live-Auftritt '76 eine wichtige Rolle. Bowie war interessiert an Berlins (Kunst-)Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er mochte etwa Bert Brecht und Kurt Weill, die expressionistische Künstlergruppe Brücke oder die autobiografischen Berlin-Storys des britisch-amerikanischen Schriftstellers Christopher Isherwood ("Mr. Norris steigt um", "Leb wohl, Berlin"), die Grundlage des Filmmusicals "Cabaret" sind.  Er war auch Fan von damals aktuellen Entwicklungen der (elektronischen) Musik, von deutschen Bands wie Neu!, Kraftwerk, Tangerine Dream oder der Innovationsfreude von Produzenten und Tontechnikern wie Conny Plank. Zwischen Sommer 1973 und Sommer 1976 war Bowie geradezu rastlos. Im Sommer '73 beerdigte er bei einem Konzert in London überraschend seine Kunstfigur Ziggy Stardust, einen androgynen, bisexuellen Alien-Rockstar.  Er nahm dann mehrere Alben innerhalb kurzer Zeit auf, etwa "Diamond Dogs" (1974), das in weiten Teilen auf George Orwells Dystopie "1984" basiert, sowie das soulige "Young Americans" (1975), auf dem sich sein erster US-Nummer-eins-Hit "Fame" befindet, der in Zusammenarbeit mit John Lennon entstand. Zwischen Juni und September '75 fanden die Dreharbeiten zum Science-Fiction-Film "Der Mann, der vom Himmel fiel" von Nicolas Roeg ("Wenn die Gondeln Trauer tragen") statt - hauptsächlich in New Mexico.  In dem Film mimt Bowie einen Außerirdischen, der sich als Mensch ausgeben muss, um seinen sterbenden Planeten zu retten. Der Film feierte 1976 Premiere auf der damals noch im Juni statt Februar veranstalteten Berlinale.  Zwischendurch produzierte Bowie in Los Angeles aber noch sein Album "Station to Station". Von Februar bis Mai '76 absolvierte er eine Tournee mit mehr als 60 Konzerten in Nordamerika und Europa ("Isolar - 1976 Tour"), die ihn auch nach Berlin führte (Deutschlandhalle, 10. April). Danach ging es zu Aufnahmen in Frankreich und München. Bowie wollte nach diesen stressigen Monaten zur Ruhe kommen. Im Spätsommer '76 wohnte er ein paar Wochen in der Schwäbischen Straße in Berlin-Schöneberg - bei Edgar Froese von der Band Tangerine Dream. Bowies spätere Bleibe, eine Sieben-Zimmer-Altbauwohnung in der Hauptstraße 155 in Schöneberg, war noch nicht fertig renoviert.  "Edgar und seine Frau haben mir wirklich geholfen, als ich in Berlin lebte", sagte Bowie im Jahr 2002 in einem "Tagesspiegel"-Interview. "Ich ging damals durch eine schwierige Phase, hatte ungeheure Schmerzen. Und sie haben mich unterstützt, vom Kokain wegzukommen. Ja, die beiden waren sehr lieb zu mir." Nach anfänglicher WG-Zeit mit Kumpel Iggy Pop in der Hauptstraße bezog dieser lieber eine eigene Wohnung im selben Haus, es hatte unter anderem Streit ums Essen im Kühlschrank gegeben. An der Fassade des Gebäudes hängt heute eine Gedenktafel, im Erdgeschoss des Hauses befindet sich eine Praxis für Osteopathie und Physiotherapie. So richtig ruhig war auch die Zeit in Berlin nicht. Bowie nahm selbst Platten auf, half aber auch Iggy Pop, unter anderem bei dem Album "Lust for Life" und der Fertigstellung von "The Idiot".  Bowie spielte außerdem Anfang 1978 in Berlin die Hauptrolle im Weimarer-Republik-Gesellschaftspanorama "Schöner Gigolo, armer Gigolo". Es ist Marlene Dietrichs letzter Film, wobei sich Bowie und die Dietrich nicht begegneten, weil die Dietrich für ihre zwei hochbezahlten Drehtage Paris nicht verlassen wollte. Bowie unternahm in seiner Berlin-Zeit Ausflüge zum Wannsee oder ins Brücke-Museum in Berlin-Dahlem am Grunewald. Er ging viel aus, saß etwa im Café "Anderes Ufer" (heute "Neues Ufer") in der Hauptstraße 157.  Er besuchte auch das glamouröse Travestiecabaret "Chez Romy Haag", Welser-/Ecke Fuggerstraße (wo später lange der jetzt auch geschlossene Schwulenclub "Connection" residierte).  Das Lokal trug den Namen seiner Gründerin, einer in den Niederlanden geborenen Transfrau mit rauchiger Stimme und betörendem Aussehen, die berühmt war für eine genderfluide Gesangsnummer, bei der sie sich am Ende von Shirley Basseys "This is my life" dramatisch eine Perücke vom Kopf riss. Bowie ging zu Beginn seiner Berliner Zeit eine intensive Beziehung mit ihr ein. In Bowies Werk ist von der sogenannten Berlin-Trilogie oder den drei "Berliner Alben" die Rede: "Low" (1977), "Heroes" (1977) und "Lodger" (1979), sie zählen zu den wichtigsten Werken seiner Karriere.  Nur "Heroes" wurde aber komplett in Berlin aufgenommen. Teile des experimentellen "Low" hingegen entstanden nahe Paris im Château d'Hérouville, bevor Bowie nach Berlin zog. "Lodger" wurde eigentlich komplett in der Schweiz und den USA produziert. Bowies bevorzugter Arbeitsplatz in Berlin waren Tonstudios in der Köthener Straße in Kreuzberg. Sie befanden sich in unmittelbarer Nähe zum Todesstreifen, im sogenannten Niemandsland des Kalten Krieges, mit Blick auf den untergegangenen früheren Potsdamer Platz.  Die Rede ist von den Hansa Studios, die neben den Abbey Road Studios in London zu den bekanntesten Musikstudios der Popgeschichte gehören.  Thilo Schmied von "Berlin Music Tours" führt seit mehr als 20 Jahren Musikfans aus aller Welt durch die Hansa Studios und zu anderen Bowie-Orten in der Hauptstadt. Er kann eine Menge zu den Hansa Studios erzählen: "Das Gebäude wurde 1910 bis 1913 als Verbandshaus der Berliner Innung des Bauhandwerks errichtet. Kernstück war der Meistersaal, ein Festsaal mit Bühne, der auch für die Verleihung der Meisterbriefe genutzt wurde. Deshalb der Name." In den 20ern fanden hier auch Bälle und Vorträge statt, Kurt Tucholsky trat hier zum Beispiel auf. "Im Krieg zerstörten Bomben fast die ganze Gegend, 1943 auch den hinteren Flügel des Gebäudes, der Meistersaal blieb aber verschont." Ab Ende der 40er wurde er als Ballhaus genutzt, ab dem Bau der Mauer 1961 geriet das Haus völlig ins Abseits, schien am Ende der Welt zu stehen. Die Plattenfirma Ariola schätzte die ruhige Lage und die Akustik des Meistersaals mit Holzkassettendecke. Sie nutzte ihn ab 1961 als Studio für klassische Musik oder auch Schlager. 1976 richteten die Meisel-Musikverlage ihre "Hansa Tonstudios" in dem Gebäude ein.  "Der Meistersaal wurde zum Studio 2 und David Bowie taufte ihn "the big hall by the wall"", erzählt Schmied. Als Bowie hier arbeitete, waren die heute wieder offenen Saal-Fenster zugemauert, es gab also noch kein Tageslicht. Depeche Mode arbeiteten Mitte der 80er im Meistersaal unter anderem an der Platte "Some Great Reward" mit Hits wie "People Are People" und "Master and Servant". Auch Nick Cave, die Band Einstürzende Neubauten oder U2 ("Achtung Baby") machten hier Aufnahmen.  Thomas Meisel, Mitgründer der Hansa Tonstudios und Inhaber des Gebäudes, entschied, den Meistersaal 1993/94 zu restaurieren. Im Februar 2009 kam es nach weiteren Umbaumaßnahmen zur dritten Neueröffnung. Seitdem dient der Meistersaal in erster Linie als Eventlocation. Doch vermehrt finden auch wieder Aufnahmen wegen der besonderen Akustik statt, zuletzt beispielsweise von Harry Styles, sagt Schmied. Nach Angaben von Thilo Schmied wurde "Heroes", eines der bekanntesten Lieder von Bowie, an einem Tag im Juli 1977 aufgenommen. Es gibt mehrere Versionen, etwa auch auf Französisch/Englisch und Deutsch/Englisch, die aber in der Schweiz eingesungen wurden, wie Schmied erzählt. Worum es genau in dem Lied geht, ist Interpretationssache. Es geht um Liebende, die sich an einer Mauer küssen, Schüsse fallen, es geht um das "Heldentum" zweier Menschen, die sich trauen, an einem feindseligen Ort zärtlich zu sein - wenn auch nur für einen Augenblick. Die Mutmaßung, dass Bowie die Berliner Mauer meinte, liegt nahe, zumal er vom Kontrollraum des Studios aus die Mauer und DDR-Wachposten in ihren Wachtürmen sehen konnte.  Thilo Schmied ist etwas skeptisch, dass die Behauptung von Bowies Produzent Tony Visconti stimmt, Bowie habe dessen Kuss mit seiner Affäre, der Background-Sängerin Antonia Maaß, beobachtet und beschrieben. "Tony hat öfter erzählt, dass sie das Paar seien, Antonia streitet es ab. Wahrscheinlich geht es auch um eine von Bowies eigenen Affären namens Clare in dem Song und um die Kunst - es darf spekuliert werden." Bowie lebte an einigen Orten viel länger als in Berlin, aber nie ist beispielsweise von seinen "Schweizer Jahren" die Rede. Berlin von 1976 bis etwa 1979 erscheint dagegen in der Erzählung seiner Biografie oft als Dreh- und Angelpunkt. "Das waren sehr wichtige Jahre", sagte Bowie 2002 selbst im "Tagesspiegel"-Interview. "Es war in so vieler Hinsicht sehr befreiend für mich, in Berlin zu leben." Legendär ist auch Bowies Berlin-Auftritt am 6. Juni 1987 auf dem Platz der Republik am Reichstagsgebäude. Damals lauschte auch Publikum auf der Ostseite des Brandenburger Tors.  Zeitzeuge Thilo Schmied sagt: "Bei "Time Will Crawl" stellte er die Band vor am Ende des Titels und sagte dann final auf Deutsch: "Wir schicken unsere besten Wünsche zu all unseren Freunden, die auf der anderen Seite der Mauer sind"." Die Volkspolizei unterdrückte an dem Abend Proteste der Fans in Ost-Berlin, die "Die Mauer muss weg!" riefen. 887 Tage später fiel die Mauer endlich.   Vielsagend ist wohl auch, was 2013 geschah. Nach fast zehn Jahren eines zurückgezogenen Lebens in New York feierte Bowie ein Comeback mit einem Berlin-Song. An seinem 66. Geburtstag tauchte wie aus dem Nichts ein neues Lied mit dazugehörigem Video auf: "Where Are We Now?"  Der Autor Tobias Rüther schrieb über diesen elegischen, weisen Song und dessen Bedeutung in der 2025-Version seines Buchs "Helden - David Bowie und Berlin": ""Sitting in the Dschungel", singt Bowie, "on Nürnberger Strasse. A man lost in time near KaDeWe." Da hängt jemand also in einer Zeitschleife fest. Wandert noch mal die Stationen dreier glücklicher Jahre ab: Der Potsdamer Platz, wo ich die radikalste Musik meines Lebens aufgenommen habe. Der "Dschungel", wo ich tanzte, das KaDeWe, wo ich mir im sechsten Stock Feinkost gekauft habe, die Iggy dann einfach aufgegessen hat." © dpa-infocom, dpa:260810-930-507549/1