Besondere Orte: Auszeit mit der Knolle im kuscheligen Kartoffel-Hotel

Datum10.08.2026 05:00

Quellewww.zeit.de

TLDRDas Kartoffel-Hotel in Lübeln bietet eine einzigartige Auszeit mit Kartoffel-Kulinarik und Wellness. Das 30 Jahre alte Hotel, das weltweit einzigartig ist, legt Wert auf regionale Produkte und eine besondere Mitarbeiterphilosophie. Gäste genießen Kartoffel-Anwendungen, Yoga und die Ruhe des Rundlingsdorfs. Das Konzept, das auf Naturalien-Zahlungen mit Kartoffeln entstand, zieht Gäste aus aller Welt an.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Besondere Orte“. Lesen Sie jetzt „Auszeit mit der Knolle im kuscheligen Kartoffel-Hotel“. Zur Begrüßung wartet ein Kartoffelschnaps in halbierten, ausgehöhlten, rohen Knollen, danach eine Rösti-Zucchini-Rolle und ein Süßkartoffel-Kuchen. Der Kult um die Knolle im Kartoffel-Hotel inmitten des wendländischen Rundlingsdorfs Lübeln wird von früh bis spät gelebt. Säcke mit frischen Erdäpfeln zum Verkauf warten schon am Empfang, wo Gäste eine steinerne Kartoffel als Anhänger für den Zimmerschlüssel bekommen. "Gloria, Hansa und Clivia" - die alten Sorten stehen auf kleinen Schildern über den renovierten Zimmern in dem historischen Bauernhof, manche dienten früher als Viehboxen. "Weltweit gibt es das Kartoffel-Hotel nur einmal", sagt Olaf Stehr, der die Ferienanlage seit 30 Jahren betreibt. Dazu führt er ein auf Ayurveda und Yoga spezialisiertes Haus bei Hitzacker.  365 Tage im Jahr habe man geöffnet und beherberge auch ausländische Kartoffel-Liebhaber. Besonders im Gedächtnis ist ihm der Besuch der Manager der größten Chips-Fabrik in Japan geblieben: "Die waren begeistert, wir haben zusammen japanisch-deutsche Rezepte gekocht." 28 oder 29 Mal ist Angelika Offermann aus Stade schon angereist, genau weiß sie es nicht mehr. Zuerst mit ihren Freundinnen in der Gruppe, aber nachdem eine nach der anderen abgesprungen ist, genießt sie nun die Stille in dem Dorf mit nicht einmal hundert Einwohnern.  "Tagsüber miete ich mir ein Fahrrad, schaffe so 20 Kilometer und kehre für ein Eis irgendwo ein. Danach relaxe ich und freue mich auf das Abendmenü", erzählt sie. Viele Gäste zieht es mit dem Rad an die Elbe oder auf die ausgeschilderten Wanderwege, Tipps werden schon am Frühstücksbuffet ausgetauscht.  "Solche Ideen und Spezialisierungen sind etwas ganz Besonderes", sagt Renate Mitulla, Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga in Niedersachsen. Vergleichbar sei nur das Schokoladenhotel mit eigener Manufaktur in Westerstede im Ammerland, wo unter anderem Schoko-Massagen angeboten werden und die Zimmer statt Nummern Namen wie Trüffel oder Praline tragen. Viele der rund 4.500 Hotels in Niedersachsen setzten auf regionale Küche, die Spezialisierung nehme zu. Damit kämen sie der Kundschaft entgegen: "Die Gäste werden wählerischer, die Welt steht ihnen offen", meint Mitulla. Offermann hat sich mit Gabi Hoffmann angefreundet, die für fünf Tage aus Berlin angereist ist. "Hier bin ich super zur Ruhe gekommen", sagt sie und hebt die aufmerksame Art der Angestellten hervor.  Dreimal täglich gibt es Yoga-Stunden, abends eine Meditation und vielfältige Kartoffel-Anwendungen wie Ganzkörperpackungen, Nierenwickel und Gesichtsmasken. Zuständig dafür ist seit Jahrzehnten Heide Brohzaht, die die gekochten, dunkelgelben Princess-Knollen mit Öl und Honig zu einer Paste fürs Gesicht anrührt und Tipps für die heimische Kosmetik mitgibt. Das Froschkonzert vor der Tür ist manches Mal lauter als die Unterhaltungen der Urlauber im großen Garten.  Sechs Köchinnen und Köche werkeln in der Küche. Gibt es keine Probleme, genügend Personal für die abgeschiedene Unterkunft zu finden? "Wer seine Mitarbeiter als Personal betitelt, ist in den 70ern stehengeblieben", behauptet Stehr. Es sei mittlerweile in jeder Branche eine Herausforderung, gute Leute zu finden. Als Ausbildungsbetrieb hätten sie aber gute Erfolge, neue Leute anzuheuern, zumal die im Hotel unterkommen können.  Am 1. August haben drei neue Auszubildende angefangen: dabei eine Irakerin und ein in Indien aufgewachsener Deutscher, der eine Kochlehre begonnen hat. Hotelfachfrau will auch eine junge Kolumbianerin werden, die im vergangenen Jahr in das Rundlingsdorf kam. Wer keinen Führerschein plus Auto hat, muss zur Berufsschule nach Lüneburg per Bus nach Uelzen und von da mit dem Zug in die Hansestadt fahren.  Dazu stoßen immer wieder junge Reisende aus dem Programm Work and Travel. Das Hotel mit seinen etwa 20 Angestellten ist im Netz präsent und offen für Zugereiste. "Es ist spannend und lehrreich", meint Dagmar Lach in der Küche, wo sie das Abendmenü vorbereitet. Neben ihr schält Aushilfskraft Gabriel von Gran Canaria eimerweise Kartoffeln. "Ich mag Deutschland", sagt er lächelnd. Englisch beherrscht er nicht, Deutsch lernt er täglich.  "Wir haben immer junge Leute aus aller Herren Ländern, alle sind gezwungen, in fremden Sprachen zu kommunizieren", sagt Sylvia Methfessel, die rechte Hand von Stehr. "Das macht viel mit dem Team." "Wir haben eine sehr schöne Mitarbeiterphilosophie", sagt Stehr und verweist auf die Verweildauer seiner Köchinnen: Eine sei seit mehr als 30 Jahren dort, eine seit 12 Jahren. "Eigentlich ist es mein zweites Zuhause, in die Wohnung fahre ich nur zum Schlafen", erzählt Köchin Lach grinsend. Die Unterkunft mit 35 Zimmern ist das ganze Jahr geöffnet. In der vergangenen Saison war sie über Weihnachten zwei Wochen geschlossen. "Das machen wir nicht mehr, das hat unseren Mitarbeitern nicht gefallen", erzählt Sylvia Methfessel. Die besondere Atmosphäre im Team hätten einige vermisst. Und die Buchungslage sieht auch gut aus: "Weihnachten und Silvester sind wir fast voll", sagt Stehr.  Ein Zimmer ist für Musikfans ganz speziell eingerichtet: im Rock'n'Roll-Stil der Stones - mit E-Gitarre an der Wand und Fußmatte mit dem legendären roten Zungen-Emblem. Besucher des nahen Stones-Museums in Lüchow bekommen Rabatt.  Das Konzept hat sich seit 35 Jahren bewährt. Entstanden ist das Konzept, als die Familie von Stehr auf ihrem Pferdehof in der Lüneburger Heide Auszeiten für Landwirte, Obstbauern und Winzer anbot. Bezahlt werden konnte mit Naturalien, man hoffte auf rares Heu und Stroh. Aber die Bauern brachten massenweise Kartoffeln mit, die Pferde nicht fressen. So entwickelte sich die Idee der einzigartigen Herberge in der Nähe. © dpa-infocom, dpa:260810-930-507013/1