Sommerinterview mit Luigi Pantisano von Die Linke: Vergesellschaftung als Allheilmitteln

Datum09.08.2026 21:53

Quellewww.spiegel.de

TLDRLuigi Pantisano von Die Linke plädiert im ZDF-Sommerinterview für Vergesellschaftung von Wohnungen und Unternehmen, um Mieter und Arbeiter zu schützen. Als Beispiel nennt er Wien. Er betont die Notwendigkeit, dass Mieter nicht von Konzernen ausgebeutet werden und dass Arbeiter besser in Unternehmensentscheidungen einbezogen werden. Pantisano entschuldigt sich für frühere Vergleiche und zeigt sich offen für eine Zusammenarbeit mit der CDU zur Verhinderung einer AfD-Regierung. Seine Ideen scheinen jedoch über die Wohnungspolitik hinaus wenig konkret.

InhaltVergesellschaftung als Allheilmitteln? Mit Palme im Nacken sinniert Luigi Pantisano im ZDF-Sommerinterview leicht verdöst, mit welcher Radikalkur er Deutschland sanieren will. Vielleicht sogar mit der CDU. Zumindest in Sachsen-Anhalt. Sommerinterviews sind Runterkomminterviews. Zumindest sollen das die gediegenen, sonnengefluteten Außenkulissen, in denen sie meist stattfinden, suggerieren. Hochrangige Regierungs- und Parteiamtsinhaber sprechen fern des Berliner Politikbetriebs in den Wahlkreisen, in denen sie ihr Bundestagsmandat erworben haben, über längerfristige Strategien, aber auch über das gute Leben. Seufzer nicht ausgeschlossen. Bei dem ersten Sommerinterview, das Luigi Pantisano als neuer Co-Bundesvorsitzender der Linken am frühen Sonntagabend im ZDF geben darf, ist an Runterkommen nicht zu denken. Pantisano trat bei der Bundeswahl für den Wahlkreis Stuttgart I an. Jetzt bricht hinter ihm die Sonne malerisch durch eine Palmenpflanze, und von der Terrasse, auf der das Interview stattfindet, fährt die Kamera immer wieder den Kessel von Stuttgart mit seinen schönen, strahlenden, wertigen Immobilien ab. Da fängt die Dissonanz ja schon an. Denn während unser Blick immer wieder auf die Stadt fällt, die eine der höchsten Wohnungseigentümerquoten im Land hat, spricht der Stuttgarter Junge Pantisano, Sohn italienischer Einwanderer, einen nicht unerheblichen Teil der Sendung lang über Enteignung. Einmal wird er direkt von der Moderatorin darauf angesprochen, die anderen vielen Male bringt er das Thema selbst auf. Pantisano ist noch nicht lange im großen Politikgeschäft, aber er versteht es schon sehr gut, Antworten zu geben, die rein gar nichts mit den Fragen zu tun haben, die ihm gestellt werden. Am Anfang war er mit seiner Gastgeberin Diana Zimmermann, Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios, über einen Platz in Stuttgart geschlendert. Die Journalistin sagte, Pantisano und seine Partei wollten in Deutschland ja den demokratischen Sozialismus verwirklichen – und fragte, wer denn sein real existierendes Vorbild sei. Wahrscheinlich dachte Zimmermann dabei an Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht oder ähnlich legendäre Figuren. Pantisano erzählte aber nur zusammenhanglos etwas vom Alltag der Menschen, der er verbessern wolle. Also fragte Zimmermann noch mal nach Vorbildern. Immer noch keine Luxemburg und kein Liebknecht. Stattdessen immerhin eine Stadt als Vorbild: Wien. Pantisano schwärmte darüber, das zwei Drittel der Wohnungen in Wien der Stadt gehörten, während es in Stuttgart nur schlappe zehn Prozent sind. Anspielend auf das Wohlfühlranking von Städten, in denen die österreichische Metropole regelmäßig Spitzenplätze belegt, jubelte Pantisano über die andere, die ferne, die fremde Stadt: "Die Menschen leben auch viel lieber in Wien." Sein Lokalpatriotismus ist auf jeden Fall ausbaufähig. Und so sitzt Pantisano dann nach dem holprigen Entrée in die Sendung auf der Terrasse, von der man aus auf die vielen Stuttgarter Immobilien in Privatbesitz schaut, die der Politiker lieber in öffentlichem Besitz sähe. Ein Gefühl der Entfremdung mit der Stadt, in der er hockt, stellt sich ein. Moderatorin Zimmermann weiß das noch zu verstärken, indem sie ihr Gegenüber darauf aufmerksam macht, das bei der letzten Landtagswahl in Baden-Württemberg nur vier Prozent der Arbeiter Die Linke gewählt hätten. Zwar gesteht Pantisano zu, dass seine Partei nicht mit, sondern vor allem über die Arbeiter gesprochen hätte und, dass das geändert werden müsste. Aber dann ist er sofort wieder bei seinem Lieblingsthema, der von ihm sogenannten "Mietenproblematik", die ja vor allem die Arbeiter beträfe. Von da geht es dann schnell zum Enteignungsthema weiter, das über der ganzen Sendung liegt. 2021 hatten in Berlin parallel zu Bundestags- und zur Abgeordnetenhauswahl 57,6 Prozent der Wählerinnen und Wähler für eine Vergesellschaftung der Wohnungskonzerne gestimmt. So soll die Mietpreisexplosion gestoppt werden. Pantisano pochte nun im Sommerinterview darauf, dass man bei dem sich abzeichnenden Wahlsieg der Linken in Berlin im September die Enteignung etwa von Vonovia durchziehen werde – egal, ob man dafür einen Koalitionspartner fände oder nicht. Pantisano ist bei dem Thema in Form. Er sagt: "Es kann nicht sein, dass die Mieter geschröpft werden, weil Konzerne wie Vonovia ihren Aktionären sechs Prozent Rendite zahlen wollen." Er sagt weiter: "Es kann nicht sein, dass die Menschen die Hälfte des Monats für die Aktionäre von Vonovia arbeiten." Den Sound des Klassenkampfs hat er drauf. Hat er auch den Klassenkampf selbst drauf? Dafür bräuchte er eben die Arbeiter, Stichwort: vier Prozent. Als es um die Schieflage bei den deutschen Automobilkonzernen geht, die ja gerade im heimatlichen Baden-Württemberg besonders relevant ist, bringt er auch hier Ideen der Vergesellschaftung ein. In den Chefetagen seien sehr viele Managementfehler passiert, man solle die Werktätigen bei der Planung berücksichtigen, die wüssten ja am besten, was produziert werden kann. "VEB Audi?", fragt nur halb im Scherz die Moderatorin. Pantisano scheint nicht abgeneigt. Stellt sich nur die Frage, ob der gut bezahlte Stuttgarter Automobilfacharbeiter mit womöglich eigener noch nicht ganz abbezahlter, gutbürgerlicher Immobilie Bock auf Pantisanos Vergesellschaftungsträume hat. Doch um gerecht zu bleiben: Pantisano gibt beim Sommerinterview nicht nur den unversöhnlichen, ungelenken Bürgerschreck. Für seinen fatalen CDU-Faschisten-Vergleich entschuldigt er sich glaubwürdig. Dass er das Antisemitismusproblem besonders in jungen Teilen seiner Partei in den Griff bekommen will, nimmt man ihm auch sofort ab. Zudem wirkt er überzeugend, wenn er nicht ausschließt, dem CDU-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, mit ins Amt zu helfen. "Wir haben in den letzten Jahren als Linke gezeigt, dass wir Verantwortung für dieses Land übernehmen", sagte er. Das gelte vor allem, wenn es darum gehe, eine AfD-Regierung zu verhindern. Das Problem ist nur, dass er so gar keine sachpolitischen Kooperationsmöglichkeiten für andere demokratische Parteien anzubieten hat – ganz einfach deshalb, weil er jenseits der ja tatsächlich dringlichen Mietenmisere überhaupt keine Ideen hat. So scheint es zumindest am Sonntag im ZDF. Als Moderatorin Zimmermann gegen Ende auf die sprengstoffbepackte Drohne in Leipzig und die sich daraus ergebende neue Bedrohungslage zu sprechen kommt, ist Pantisano offenbar komplett blank und kommt deshalb in einer absurden Volte wieder auf sein Lieblingsthema: "Na ja, die größte Bedrohung empfinden die Menschen in der Sicherheit in ihrem Wohnraum. Sie empfinden die Unsicherheit, dass sie Mitte des Monats nicht wissen, wie sie die Miete bezahlen können." Dieses sachthementechnisch arg verdöste Sommerinterview entlässt das Publikum ratlos. Man könnte zugleich Sozialist und von Pantisanos Enteignungsmantra stark ermüdet sein.