Tour de France Femmes: Mit Wut zum Toursieg

Datum09.08.2026 21:25

Quellewww.zeit.de

TLDRDemi Vollering sicherte sich den Gesamtsieg der Tour de France Femmes auf der letzten Etappe. Nach einem taktischen Fehler auf der Königsetappe und einer Kontroverse um mögliche Behinderung durch ihr Team, dominierte Vollering die finale Bergankunft. Ihre Rivalin Niewiadoma warf dem Team von Vollering Unfairness vor, doch Vollering konterte mit einem eigenen Verweis auf frühere Vorfälle. Der Sieg bestätigt Vollerings Position als beste Radfahrerin der Welt.

InhaltIhre größte Konkurrentin warf ihrem Team Unfairness vor, doch auf der letzten Touretappe fährt Demi Vollering allen davon. Und beweist wieder, wer die Beste der Welt ist. Die Paradestaffel der französischen Luftwaffe kurvte über Nizza und blies die Farben der Trikolore an den Himmel. Es war ein stimmungsvoller Auftakt der letzten Etappe der Tour de France Femmes. Wenige Stunden später bog Demi Vollering ganz allein auf die Strandpromenade von Nizza ein. Ihre härteste Rivalin Kasia Niewiadoma hatte sie noch auf dem letzten Berg des Tages, dem Col d’Èze, hinter sich gelassen. Es war bereits die dritte Etappe bei dieser Tour, die Vollering gewann. Und, noch wichtiger, der Gesamtsieg war ihr sicher. "Es war das erste Mal, dass ich im Gelben Trikot gewonnen habe", sagte die Niederländerin beglückt im Ziel in Nizza. Bei ihrem ersten Gesamtsieg 2023 war sie erst am vorletzten Tag ins Gelbe Trikot geschlüpft und im abschließenden Zeitfahren Zweite geworden. 2024 gewann sie zwar die Etappe in L’Alpe d’Huez, hatte zuvor aber so viel Rückstand, dass es in der Endabrechnung nur zum zweiten Platz reichte. Damals waren die obersten Podestplätze andersherum besetzt: Niewiadoma gewann vor Vollering. Im vergangenen Jahr war die Niederländerin chancenlos gegenüber der Französin Pauline Ferrand-Prévot. Da dachte sie schon, dass es mit ihr und der Tour eine komplizierte Beziehung sei. All diese Wolken waren am Sonntag in Nizza wie weggeblasen. Vollering dankte auf dem Siegerpodium ihrem Team, ihrem Umfeld und – unter Tränen – auch ihrer Familie. Auch ihren Radhersteller bedachte sie mit Lob. "Sie haben mir das schnellste Rad für die Abfahrt gebaut." Was an Stress anfiel während der Tour, wandelte sie in Energie um. Zwei dieser Stressmomente gab es. Die Königsetappe hoch zum Mont Ventoux am Freitag musste sie an ihre Hauptrivalin Niewiadoma abgeben. Auch, weil Vollering und die an jenem Tag in Gelb fahrende Schweizerin Marlen Reusser nicht auf die Attacke Niewiadomas zehn Kilometer vor dem Ziel reagierten. Sie guckten sich nur an, sie taktierten. "Wir waren einfach dumm, haben uns verzockt", sagte Vollering im Rückblick auf die Situation. Niewiadoma zog durch und bescherte dem Leipziger Rennstall Canyon SRAM und der gesamten polnischen Sportnation einen prestigeträchtigen Sieg. Und nun hatte die Polin das Gelbe Trikot, Vollering lag mehr als eine Minute zurück. Doch die hakte die Niederlage ab, und schlug am Folgetag zurück. Auf der bis zu 13 Prozent steilen Rampe in Nizza ließ sie Niewiadoma stehen, holte sich den Etappensieg und eroberte auch das Gelbe Trikot. Niewiadoma allerdings beschwerte sich im Anschluss, dass sie zu Beginn von Vollerings Angriff von deren Teamkollegin Célia Gery behindert worden sei. "Ich war am Anfang des Anstieges enorm wütend. Gery hat mich absichtlich in die Bande gedrängt, weswegen ich rausnehmen musste", sagte sie. Im Ziel versuchte sie, Gery zur Rede zu stellen. Die französische Meisterin aber drehte sich weg. Voller Zorn auch über diese Reaktion legte Niewiadoma nach, und schimpfte über Vollerings Team FDJ United-Suez: "Wenn sie Rennen fahren wollen, sollen sie fair fahren und nicht versuchen, mich einzubauen. Das ist so kindisch! Ich habe heute jeglichen Respekt vor ihnen verloren." Die Bilder gaben Niewiadoma recht. Gery ließ sich nach der Vorbereitung von Vollerings Attacke nicht zurückfallen. Und sie machte auch die Außenbahn dicht in der Kurve, auf der die schnellere Polin bereits im Begriff war vorbeizuziehen. Niewiadoma musste bremsen, Vollering gewann so möglicherweise den entscheidenden Vorsprung für den Etappensieg. Die Kontroverse machte allerdings auch sie wütend. Sie warf Niewiadoma vor, nicht die richtige Person zu sein, um sich über fehlende Fairness zu beschweren. Vollering erinnerte damit an die Tour 2024. Damals hatte Niewiadoma als Gesamtsiegerin von einem Sturz Vollerings profitiert. "Ich lag am Boden und die ist einfach weitergefahren", meinte Vollering. Der aktuelle Streit motivierte sie jedoch, wie sie selbst sagte. "Ich wollte zeigen, dass ich diese Tour nicht wegen dieses Vorfalls gewonnen habe." Auf dem letzten Anstieg dieser Tour attackierte sie und löste sich von Niewiadoma. Auf der Abfahrt und den letzten Kilometern ins Ziel baute sie ihren Vorsprung sogar noch aus. Eine Minute und 18 Sekunden liegt sie am Ende im Gesamtklassement vor Niewiadoma – eine klare Sache. Damit hat Vollering ihre Position als derzeit beste Radfahrerin der Welt untermauert. Zum zweiten Mal gewinnt sie die Tour de France Femmes, zweimal gewann sie auch die Spanienrundfahrt. Das Grand-Tour-Triple machte sie Anfang Juni mit dem Gewinn des Giro Donne, der Italienrundfahrt der Frauen, perfekt. Zweite dort wurde Deutschlands neue Radsporthoffnung, die 23 Jahre alte Antonia Niedermaier. Bei der Tour war Niedermaier die Edelhelferin Niewiadomas. Sie wurde Vierte und gewann als erste Deutsche das Weiße Trikot als beste Nachwuchsfahrerin. Demi Vollering ist nicht nur bei den großen Rundfahrten die derzeit beste. Auch bei den Klassikern ist sie extrem erfolgreich. "Sie ist die kompletteste Fahrerin ihrer Generation", lobte sie Annemiek van Vleuten, ihrerseits die kompletteste Fahrerin der Vorgängergeneration. Auch abseits der Strecke ist Vollering die Frontfrau im Frauenradsport. Sie setzt sich für längere Übertragungszeiten bei den Rennen ein. Sie warnt Mädchen und junge Frauen vor extremem Abnehmen. Sie gab auch mentale Probleme zu, vor allem durch den Leistungsdruck, den sie sich machte, den aber auch ihr Umfeld und die Öffentlichkeit auf sie ausübten. Einen Etappensieg bei der Vuelta widmete sie ausdrücklich "all den Menschen, die mental zu kämpfen haben". Vollering, die gelernte Blumenverkäuferin, die erst spät zum Radsport fand, hat die Höhen und auch die Tiefen des Lebens ausgemessen. Sie wandelt das in Motivation und Stärke um. "Ich denke, Druck ist vor allem ein Privileg. Es gibt Gründe, dass er kommt, und es ist gut, ihn zu haben", lautet eine ihrer Lehren. Weiteren Motivationsstoff kann sie gut brauchen. Sie habe noch viele Träume, auf dem Rad und abseits des Rads, verkündete sie in Nizza.