Biotechnologie: Ihre Arznei könnte Leben retten. Doch bei Patienten kommt sie nicht an

Datum09.08.2026 15:04

Quellewww.zeit.de

TLDRBiotech-Firmen entwickeln lebensrettende Medikamente gegen Krankheiten wie Krebs und Sepsis. In Deutschland scheitern jedoch viele dieser Unternehmen an der Finanzierung der teuren klinischen Studien, die für die Marktzulassung notwendig sind. Trotz staatlicher Förderungen fehlt es an Risikokapitalgebern für die letzte, entscheidende Phase vor der Zulassung, was die Verfügbarkeit innovativer Therapien für Patienten stark beeinträchtigt.

InhaltBiotech-Firmen entwickeln Mittel gegen Krebs oder Sepsis. Die Regierung will sie gezielt fördern. Doch anders als in den USA scheitern viele in Deutschland. Warum? In Deutschland sterben noch immer jedes Jahr 850.000 Menschen an einer Sepsis, einer Blutvergiftung. Der Grund: Das Immunsystem gerät außer Kontrolle, oft kommt es zum septischen Schock und zum Organversagen. Eine Biotech-Firma aus Hennigsdorf bei Berlin will nun ein Mittel entwickelt haben, das eben das verhindern soll. Für manche Patienten wäre es die Rettung in letzter Minute. Doch noch ist das Medikament trotz jahrelanger Vorarbeit nicht auf dem Markt. Es fehlt eine letzte klinische Studie. Und für die hat Adrenomed, so der Name des Unternehmens, kein Geld. Einen Investor sucht Firmenchef Richard Jones seit Monaten vergebens. Hört man sich in der Branche um, stellt man schnell fest: Das ist ziemlich typisch, zumindest in Europa. Da geht jungen Biotech-Firmen reihenweise kurz vor dem möglichen Durchbruch das Geld aus. Und zwar nicht, weil ihr Mittel floppt, sondern weil keiner bereit ist, diesen letzten entscheidenden Schritt zu finanzieren. Nur wie kommt das? Wo Biotech doch eine Wachstumsbranche ist. Eine, die Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag zur Schlüsselindustrie erklärt haben und die sie besonders fördern wollen. Anders als es im Pharmasektor lange üblich war, entwickeln Biotech-Firmen Medikamente vorrangig aus lebenden Organismen statt aus Chemikalien. Es geht um neue Wirkstoffe wie Antikörper, die zum Beispiel gezielt gegen einzelne Krebsformen wirken. Diese Arbeit ist aufwendig, aber vielversprechend. Das zeigt schon das Unternehmen Biontech aus Mainz, das nicht nur einen Corona-Impfstoff entwickelt hat, sondern vor allem an Immuntherapien gegen Krebs arbeitet. Und das ist nur ein Beispiel. Inzwischen kommen 64 Prozent aller neu zugelassenen Medikamente aus dem Biotech-Bereich. Da ist klar: Wenn Deutschland sich in diesem so sensiblen Bereich nicht noch stärker als ohnehin schon von den USA oder China abhängig machen will, muss es vorne mitspielen. Gänzlich untätig war die Bundesregierung bislang nicht. In ihrer kürzlich vorgestellten Start-up-Strategie erklärte sie, die Investitionsbedarfe solch junger, innovativer Unternehmen künftig noch stärker adressieren zu wollen. Schon heute gibt es den Deutschlandsfonds, über den Start-ups eine Anschubfinanzierung in Form einer staatlichen Beteiligung oder Kreditgarantie erhalten können. Das gilt explizit auch für junge Firmen aus dem Biotech-Bereich. Das Problem ist nur: Ein guter Start reicht nicht. In den ersten Monaten und Jahren gelingt es Firmen meist noch, sich mit Fördermitteln oder Start-ups-Fonds zu finanzieren. In dieser Zeit sind ihre Kosten einigermaßen überschaubar. Richtig teuer wird es für Biotech-Firmen erst kurz vor der Zulassung des Medikaments. Für die klinischen Studien müssen sie finanziell stark in Vorleistung gehen, das Mittel produzieren und es den teilnehmenden Kliniken kostenfrei zur Verfügung stellen. Auch müssen sie die Krankenhäuser für den Mehraufwand entschädigen, der durch zusätzliche Tests und die umfangreiche Dokumentation entsteht. Die Firma Adrenomed hat für diese letzte Studie bereits alles vorbereitet. Sie hat das Go der Aufsichtsbehörden ebenso wie Zusagen von Kliniken, die an der Studie teilnehmen wollen. Ende Juni stapeln sich Kartons mit kleinen Testgeräten in der Zentrale. Mit den mobilen Testgeräten sollen künftig Pflegekräfte und Ärzte auf den Intensivstationen prüfen können, ob ein Patient für die Gabe des Mittels infrage kommt. Doch all das reicht nicht. Um die Studie durchführen zu können, fehlen der Firma 100 Millionen Euro. Werner Lanthaler, der die Branche gut kennt und 15 Jahre lang den Hamburger Wirkstoffhersteller Evotec geleitet hat, weiß um das Problem. "Es gibt sicher 100 Unternehmen in Europa, die das Potenzial und die Qualität für klinische Studien hätten", sagt er. Doch wie Adrenomed würden viele die Studien nicht durchführen können, weil sie keinen führenden Investor finden. Gemeint ist ein Geldgeber, der bei solch riskanten Investitionen vorangeht und eine größere Summe etwa für die klinische Studie bereitstellt. Ist der erstmal gefunden, schließen sich meist andere an.