Datum09.08.2026 13:12
Quellewww.zeit.de
TLDRHitzewellen und Brände verdeutlichen die Klimakrise, doch in der Politik bleibt das Thema oft am Rand. Politiker von CDU, SPD und Grünen sehen Herausforderungen wie die abstrakte Natur des Klimaschutzes, den Einfluss mächtiger Lobbygruppen und die Schnelllebigkeit der Medien. Während einige die Schuld bei Populisten und der fossilen Industrie suchen, erkennen andere, dass die gesamte Lebensweise hinterfragt werden muss. Es mangelt an klaren Lösungen und dem Willen, die notwendigen, oft schmerzhaften Veränderungen umzusetzen.
InhaltEuropa brennt, Hitzewellen kosten Menschenleben, und trotzdem ist das Klima in der Politik nur Randthema. Warum? Ein Gespräch mit Vertretern von CDU, SPD und Grünen Felix Banaszak ist Co-Parteichef von Bündnis 90/Die Grünen. Nina Scheer, SPD, ist Energiepolitische Sprecherin ihrer Bundestagsfraktion. Thomas Heilmann, CDU, ist Vorsitzender der KlimaUnion und war von 2017 bis 2025 Mitglied im Bundestag. Alle drei wollen mehr Klimaschutz. Deswegen wollten wir von ihnen wissen, warum sie damit oft in der Minderheit sind. Und warum anderen Politikern schon das Sprechen über das Problem schwerfällt – obwohl die Folgen der Klimakrise immer offensichtlicher werden. DIE ZEIT: Herr Banaszak, Sie sind im Urlaub in Frankreich. Was bekommen Sie von den Katastrophenbildern mit, die uns jeden Tag auch in Deutschland erreichen? Felix Banaszak: Wir sind im Urlaub im Norden Frankreichs und damit von den Feuern zum Glück weit genug entfernt. Aber es ist schon eine neue Erfahrung, im Urlaub eine französische Extremwetter-App auf dem Handy installiert zu haben, um zu beobachten, ob in der Umgebung vielleicht ein Feuer ausbricht. Und gleichzeitig wirken die Bilder aus Bordeaux wie aus einer anderen Welt. Nina Scheer: Dabei sind Waldbrände in Frankreich eigentlich nichts Neues. Sie bekommen nur von Jahr zu Jahr neue Dimensionen, ohne dass wir genug Konsequenzen ziehen. Auch in Deutschland ist die Lage dramatisch. Wir hatten hier an einem Wochenende Tausende Hitzetote, aber das nehmen wir immer noch viel zu wenig wahr. Thomas Heilmann: Stimmt, wir haben einen Attentatstoten und diskutieren tagelang darüber – zu Recht. Und wir haben sehr viele Hitzetote, übrigens nicht nur in Deutschland und Europa, aber über die diskutieren wir eigentlich gar nicht. Das ist schon ein erstaunliches Phänomen und hat, glaube ich, mit Gewöhnung zu tun. Wir diskutieren auch selten über 3.000 Verkehrstote im Jahr. ZEIT: Aber sowohl die Zahl der Opfer als auch Temperaturen und Brände von solchem Ausmaß sind doch neu. Warum herrscht in der Politik in Ihren Parteien trotzdem ein dröhnendes Schweigen? Banaszak: Bei uns schweigt niemand. Aber richtig ist: Tote nach Anschlägen oder Unfällen lassen sich klar zuordnen. Es gibt einen Anschlag, man weiß, wer ihn begangen hat, und versucht, dann nachzuvollziehen, welche Kette von Fehlern dazu geführt hat, dass das Attentat geschehen konnte. Und dann wird – manchmal mehr, manchmal weniger seriös – versucht, Konsequenzen daraus zu ziehen. Bei ökologischen Krisen ist das anders. Es gibt nicht die eine Maßnahme, die verhindert, dass 5.000 Menschen innerhalb von wenigen Tagen durch die Hitze sterben, und verantwortlich ist nicht einer, sondern wir alle. Um das zu verhindern, müssen wir unsere komplette Lebens- und Wirtschaftsweise infrage stellen, das schmerzt. Auf dem Höhepunkt der Klimabewegung ist das mal passiert. Da haben Politiker aller Parteien plötzlich Bäume umarmt … ZEIT: Haben Sie wirklich mal einen Baum umarmt? Banaszak: Einmal ironisch, für ein Video. Leider ist die Klimapolitik massiv in die Defensive geraten. Auf der einen Seite stehen Menschen, die wissen, dass sich etwas ändern muss, sich aber hilflos fühlen. Daraus erwächst in Teilen Fatalismus. Und auf der anderen Seite stehen zu viele, denen Klimaschutz egal ist. Heilmann: In meinem persönlichen Umfeld, das nicht besonders klimabewegt ist, ist das Thema momentan wieder größer als noch vor ein paar Wochen. Was in Frankreich, Spanien und Griechenland passiert, hat viele schockiert. Jeder kennt irgendjemanden, der davon betroffen ist. Gleichzeitig aber herrscht bei vielen Politikern tatsächlich eine gewisse Ratlosigkeit. ZEIT: Warum? Scheer: Eine Herausforderung ist die heutige Schnelllebigkeit und Komplexität der Dinge; es werden sofortige Lösungen erwartet. Klappt das nicht, ist das Geschrei groß. Manche verleitet es zu kurzfristigen Scheinlösungen wie dem Tankrabatt. Solche Aktionen stacheln die Erwartungen erst recht an. Hinzu kommt: Klimaschutz ist begrifflich abstrakt. Wir brauchen Hebel, die vorn in der Verursachungskette ansetzen: beim Umstieg auf die Erneuerbaren. Heilmann: Aber sind die Maßnahmen wirklich das Hauptproblem? Klimaschutz ist doch in vielen Ländern auf die Tabuliste gekommen, egal welche Politik die gemacht haben. Ich bin überzeugt, dass das mit dem Wirken mächtiger globaler Kräfte zu tun hat, zum Beispiel mit Russland. Das Land ist abhängig von Gas- und Ölverkäufen, und es ist in den sozialen Medien sehr aktiv, um Fakten über den Klimawandel in Zweifel zu ziehen. Ebenso Donald Trump. Solche Kampagnen haben erstaunliche Wirkung bis hinein in die Gewerkschaften und in Unternehmen, die Umsatz oder Märkte gefährdet sehen. ZEIT: Ist das nicht etwas zu bequem, Herr Heilmann, die Schuld vor allem auf die Kampagnen der Populisten und der fossilen Industrie zu schieben? Warum schafft es eine so traditionsreiche Partei wie die CDU nicht, offensiver über die Bewahrung der Schöpfung und damit den EU-Klimaschutz zu sprechen? Heilmann: Aber viele in der Union reden doch darüber. Allein in der KlimaUnion sind über tausend CDU- und CSU-Mitglieder. Wir wollen unsere Art zu leben und die Wirtschaft nicht aufs Spiel setzen. Aber natürlich wollen wir auch die Schöpfung bewahren, und wer bei uns nicht für Klimaschutz arbeitet, gefährdet langfristig auch Wirtschaft und Wohlstand. Das müssen einige noch erkennen. Scheer: Trotzdem stimmt: Die Fossilen haben den Kulturkampf in dem Moment forciert, in dem Klimapolitik wirksam und damit für sie schmerzhaft wurde. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz war in den vergangenen Jahren enorm erfolgreich, es war und ist auch heute ein ganz wesentlicher Faktor in der Energiewende. Es hat den Boom von Solar- und Windstrom erst möglich gemacht. Und das wiederum hat die fossile Energielobby auf den Plan gerufen. Deren Einfluss darf man nicht unterschätzen, auch heute nicht. Ihre Kampagnen sind sehr geschickt. Man merkt das nicht immer, aber da werden teilweise Behauptungen einfach zu Fakten erklärt – und sickern dann in die öffentliche Debatte. Etwa verzerrte Kostenrechnungen, bei denen die Erneuerbaren als Belastung statt als Entlastung geframt werden. Häufig über die AfD, aber auch über Politiker anderer Parteien. Oder Sprüche wie: Wir wollen ja alle Klimaschutz, aber mit Augenmaß. Heilmann: Ein weiterer Grund ist sicher auch, dass der Kampf von beiden Seiten geführt wurde. Ganz sicher von den fossilen Konzernen aus ökonomischem Interesse. Aber ein Teil der Klimabewegung wollte gleich die Demokratie ablösen und eine andere Republik einführen. Beides behindert uns heute beim Klimaschutz. Deswegen bin ich sehr dafür, die Debatte wieder an die Ökonomie zurückzubinden. Wir müssen mehr darüber sprechen, wie teuer es werden wird, wenn wir nichts tun. Scheer: Ich halte es eher für ein Problem, dass wir uns in den vergangenen Jahren so sehr auf den Emissionshandel fokussiert haben und damit auf den Preis. Wir setzen damit am Ende der Verursachungskette an. Wenn Klimaschutz vor allem über steigende Preise erreicht werden soll, wird es in einer Gesellschaft mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten schwierig, wirklich durchschlagende und zugleich gerechte Lösungen zu erreichen. Über das CO₂-Management bleibt zudem die fossile Energiewirtschaft mit am Tisch. Heilmann: Da widerspreche ich. Wenn wir nicht über den Emissionshandel steuern, müssen wir stärker mit Ordnungsrecht arbeiten, und das ist weniger zielgenau. Aber ob ich eine fossile Technologie verbiete oder sie teurer mache: Beides erzeugt Umstellungsdruck und Kosten. Deshalb halte ich den Preis für ein notwendiges Instrument. ZEIT: Herr Banaszak, zum Kulturkampf: Haben die Grünen oder hat die Letzte Generation den Kulturkampf mit eskaliert? Banaszak: Erst mal ist es vor allem der Fossilindustrie gelungen, die junge, aufmüpfige Klimabewegung in ein Feindbild zu verwandeln, um ihre eigenen ökonomischen Interessen zu verschleiern. Nach dem Motto: Die wollen uns das Leben madig machen. Nur, wie konnte dieser kulturelle Shift so schnell organisiert werden? Wie konnte aus der Suche nach guten Lebensbedingungen für unsere Kinder ein Kulturkampf werden, der die ganze Welt erfasst hat?