Meinung: Karriere: Headhunter über kaputte Karriereleiter und Macho-Mikroaggressionen

Datum07.08.2026 07:26

Quellewww.spiegel.de

TLDRTrotz gesetzlicher Quoten und ambitionierter Nachwuchskräfte ist die Karriereleiter für Frauen oft brüchig. Headhunter Heiner Thorborg und eine McKinsey-Studie beleuchten "Macho-Mikroaggressionen": Frauen wird wiederholt ihre Autorität oder Qualifikation abgesprochen. Dies beginnt früh und führt zu weniger Beförderungen für Frauen als für Männer. Unternehmen müssen diese subtilen Hürden aktiv beseitigen und Diskriminierung konsequent sanktionieren, um das volle Talentpotenzial zu nutzen.

InhaltWeibliche Führungskräfte sind überall, der Aufstieg ist für alle jetzt möglich? Von wegen, sagt Headhunter Heiner Thorborg. Die Karriereleiter hat für viele Frauen verdammt morsche Sprossen. Ein Grund: die täglichen Mikroaggressionen der Macho-Chefs. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Vor rund 20 Jahren reiste ich durch Europa und die USA, um gut 20 weibliche Topmanagerinnen nach ihren Erlebnissen und Erfahrungen im Job zu befragen. Herauskam ein Buch: "Oben Ohne – Warum es keine Frauen in unseren Chefetagen gibt". Eine Beobachtung der befragten Frauen – darunter Chefinnen von Nokia, Random House, Hewlett Packard, Citigroup oder der United Kingdom Atomic Energy Authority – ist mir dabei besonders im Kopf geblieben. Gleich mehrere Damen prognostizierten, es würde niemals mehr als 20 oder 30 Prozent weibliche Vorstände und CEOs geben, weil sich so viele Frauen in der zweiten und dritten Reihe deutlich wohler fühlen, als in einem Top-Job. Heiner Thorborg, geboren 1944, ist einer der führenden Headhunter und Personalberater im deutschsprachigen Raum und besetzt als solcher Vorstands- und Aufsichtsratsposten in den größten deutschen Unternehmen. Bevor er sich 1989 mit der Heiner Thorborg GmbH & Co. KG selbstständig machte, arbeitete er zehn Jahre beim Beratungsunternehmen Egon Zehnder. Der Tenor lautete seinerzeit: "Die Sichtbarkeit einer Topmanagerin ist furchtbar. Plötzlich sind dein Name und dein Foto in der Presse, plötzlich wissen die Mütter der Klassenkameraden deiner Kinder, wer du bist und was du machst. Plötzlich bist du eine öffentliche Person und dein Privatleben wird von Fremden inspiziert und kommentiert." Fazit: Zweite Reihe ist anonymer und daher viel angenehmer, übrigens auch für Ehemänner und Kinder. Seither ist viel passiert. Die Zeit der überforderten Gleichstellungsbeauftragten ist vorbei, auch dank neuer Gesetze in Deutschland und vielen anderen Ländern, die bei börsennotierten Gesellschaften auf einen signifikanten Frauenanteil in Aufsichtsrat und Vorstand bestehen. Seither besteht das Personal, das die Beletagen vieler Unternehmen bevölkert, zu einem Drittel aus Frauen. Der Ausnahmestatus als bunte Hündin mit dem Label "Achtung, weiblicher Entscheider!" ist weitgehend vorbei und damit ist die Existenz weiblicher CEOs auch kein ganz so dickes Thema mehr. Da es nun in den meisten Branchen entspannte weibliche Rollenmodelle gibt, finden es viele junge Frauen ganz normal, mindestens so ehrgeizig zu sein wie die jungen Männer. Gefragt, ob sie ganz nach oben wollen, kommt bei vielen Berufseinsteigerinnen die überzeugte Antwort "Ja bitte!". Dass junge Frauen heute genauso ehrgeizig sind wie – und zudem häufig besser ausgebildet – als junge Männer, belegen Untersuchungen von McKinsey, eine Unternehmensberatung, die seit Jahren zum Thema Gleichstellung forscht. All das bedeutet, dass einer Geschlechterparität grundsätzlich nichts mehr im Weg steht. Doch leider hält der Enthusiasmus der jungen Frauen nicht an, denn im Arbeitsalltag erleben sie, was McKinsey "Microaggressions" nennt – also Gesten und Haltungen, die die Autorität weiblicher Chefs untergraben. In den Befragungen der Consultants sagen doppelt so viele Frauen wie Männer, dass sie im Job wiederholt für eine nachrangige Figur gehalten werden, deutlich mehr Frauen als Männer erleben, dass ihre Urteilskraft oder ihre Qualifikation für einen Job infrage gestellt wird. Das Gleiche gilt für persönliche Merkmale: Männern wird nicht signalisiert, dass ihr Geschlecht oder ihre Vaterschaft ihr Vorankommen hindere, Frauen aber sehr wohl. Ein Kampf gegen Windmühlen: Laut McKinsey werden in den USA für 100 Männer, die bereits zu Beginn ihrer Karriere auf der Hierarchieleiter hochgeschoben werden, nur 81 Frauen befördert. Wenn also schon bei der ersten Beförderung 20 Prozent weniger Frauen als Männern ein Schritt nach oben angeboten wird, ist es nicht verwunderlich, dass die weiblichen Gesichter auf jeder der nächsten Hierarchieebene weniger werden, schließlich bekommen von Anfang an deutlich weniger Damen als Herren die Chance, sich die Erfahrungen und Fähigkeiten zu erschließen, die sie für einen Topjob qualifizieren würden. Fazit von McKinsey: Aus weiblicher Sicht sind viele Sprossen auf der Karriereleiter schlicht zerbrochen. Die Hemmnisse fangen also schon ganz früh an und genau hier gilt es, den Hebel anzusetzen: Viele männliche Chefs nehmen nämlich gar nicht wahr, dass die Karriereleiter für viele Frauen nicht funktioniert. Es gilt, genauer hinzuschauen und sich die Mikroaggression der Machos im Job bewusst zu machen. Blickrichtung von ganz oben nach ganz unten. Schon den Berufseinsteigerinnen muss signalisiert werden: "Wir wollen Euch! Und wenn Ihr Euch reinhängt, ist auch alles möglich!" Das geht allerdings nur, wenn Aufsichtsräte dafür sorgen, dass an der Unternehmensspitze jemand sitzt, der dafür sorgt, dass Frauen genau dieselben Chancen haben wie Männer. Die Nachwuchstalente werden knapper, heißt es allenthalben. Na, von wegen! Würden die Ungleichheiten (und die Ungerechtigkeiten!) von Anfang an beseitigt, wäre der Talentpool plötzlich doppelt so breit und tief. Einen geschlechterblinden Chef im Topjob zu installieren, ist jedoch nur die halbe Miete. Sitzt dieser erst einmal fest im Sattel, gilt es erneut, genau hinsehen. Blickrichtung schräg seitwärts, Richtung Vorstandskollegen und Bereichsleiter. Es muss konzernweit deutlich werden, dass Diskriminierung streng bestraft wird, schlimmstenfalls mit einer Kündigung.