Datum07.08.2026 06:00
Quellewww.zeit.de
TLDRE-Scooter sind bei Jugendlichen beliebt, bergen aber erhebliche Unfallrisiken. Die Unfallzahlen steigen, insbesondere bei 15- bis 17-Jährigen. Studien zeigen, dass E-Scooter-Fahrer häufiger Kopf- und innere Verletzungen erleiden als Radfahrer oder Motorradfahrer. Hauptursachen sind falsche Straßennutzung, Alkoholkonsum und das Fahren zu zweit. Experten fordern mehr Verkehrserziehung und strenge Regeln, um die Gefahren zu mindern.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Hohe Unfallgefahr“. Lesen Sie jetzt „Risiko E-Scooter? – Jugendtrend mit Folgen“. Vor vielen Schulen in Deutschland zeigt sich jeden Morgen dasselbe Bild: Aus allen Richtungen kommen Jugendliche auf E-Scootern angebraust, mal allein, mal verbotenerweise zu zweit. Manche fahren auf einem Leihfahrzeug, andere haben längst ihren eigenen Scooter. Bei vielen jungen Leuten ist er aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Doch so lässig eine Fahrt darauf wirken mag, die potenzielle Gefahr sollte man nicht unterschätzen. Nicht nur die Unfallzahlen steigen. Fachleute sehen auch andere gesundheitlichen Risiken. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Trend: 1,4 Millionen E-Scooter gab es laut dem Statistischen Bundesamt 2023 in privaten Haushalten. Die Beliebtheit dürfte laut dem Mobilitätsexperten Sören Groth vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund inzwischen weiter zugenommen haben. Dazu kommen nach seinen Angaben etwa 200.000 Leihscooter, die überwiegend in Großstädten unterwegs sind. Dass die Gefährte gerade bei Jugendlichen angesagt sind, liegt ihm zufolge daran, dass sich E-Scooter in diesem Alter gut eignen, den persönlichen Aktionsradius zu erweitern und mobil zu werden. E-Scooter seien für junge Leute das ideale Verkehrsmittel, um zu lernen, sich selbstbestimmt in der Umgebung zu bewegen und die noch kleine Welt um sie herum zu erkunden. "Den Jugendlichen ist ein cooles Design wichtig, sie schwitzen dabei nicht, fahren vielleicht – unerlaubterweise – auch mal mit dem besten Freund oder der besten Freundin eng umschlungen." Allerdings nutzten junge Leute heutzutage eine breite Palette an Verkehrsmitteln. E-Scooter seien aktuell eine Art Hype-Objekt. "Morgen könnten auch wieder bestimmte Fahrräder bei Jugendlichen auf der Eins stehen", meint Groth. Schaut man auf die Gesamtzahl der Verkehrsunfälle mit Verletzten in Deutschland, machten 2025 die, an denen ein E-Scooter-Fahrer beteiligt war, laut dem Statistischen Bundesamt nur einen geringen Anteil aus. Allerdings registrierte die Polizei demnach im vergangenen Jahr fast 16.500 E-Scooter-Unfälle - im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von rund 38 Prozent. Nicht nur der starke Anstieg beunruhigt Fachleute wie Unfallforscherin Kirstin Zeidler Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), sondern auch das Alter der Betroffenen. "Am meisten verunglücken tatsächlich die 15- bis 17-Jährigen", sagt sie. Mehr als die Hälfte der Verunglückten sei jünger als 25 Jahre. Jüngere fahren häufiger mit einem Leih-Scooter, wie eine GDV-Befragung ergeben hatte. Im Gegensatz zu Menschen, die einen eigenen E-Scooter besitzen, sind diese nach Einschätzung von Zeidler weniger geübt im Umgang, tragen seltener Helm und halten sich oft weniger an die geltenden Regeln. Eine aktuelle, im Fachjournal "Scientific Reports" veröffentlichte Studie aus Großbritannien bestätigt den Alterstrend und vergleicht zudem das Unfallrisiko mit anderen Gefährten: E-Scooter-Fahrer ziehen sich bei Unfällen demnach deutlich häufiger Kopfverletzungen und Schädigungen innerer Organe zu als Motorrad- oder Fahrradfahrer. Demnach ist das relative Risiko für ein Schädel-Hirn-Trauma bei E-Scooter-Unfällen 3,45-mal höher als bei Motorradfahrern und 1,74-mal höher als bei Radfahrern. Auch das Risiko für Verletzungen innerer Organe (1,46-mal höher) und Gefäßtraumata (3,24-mal höher) übersteigt das von Motorradfahrern deutlich, während das Risiko für Knochenbrüche im Vergleich geringer ausfällt. Das berechneten die Forscher auf Basis von Daten des nationalen Traumaregisters (aus dem Zeitraum 2020 bis 2022) und Berichte eines Leihanbieters aus 18 Städten in England und Wales (aus dem Zeitraum 2020 bis 2024). "Was wir bei den E-Scooter-Fahrern beobachten, ist, dass sie gemessen an der Fahrleistung mehr Fehler machen als Radfahrende", sagt Unfallforscherin Zeidler. Der häufigste sei, dass diese die Fahrbahn falsch benutzten oder verbotenerweise auf dem Gehweg fahren würden. Außerdem komme es häufiger vor, dass der Fahrer oder die Fahrerin Alkohol getrunken habe. Gefährlich wird es auch, wenn zwei - oder sogar drei - Leute gleichzeitig mit dem E-Scooter fahren. Das Problem: Diese haben laut Zeidler eine ganz andere Fahrdynamik, als man es von Fahrrädern gewohnt ist. Diese haben kleinere Räder, die Stabilität ist schlechter. Dazu kommt ein vergleichsweise hohes Gewicht. Dadurch kann es schneller wackelig werden, wenn man Bordsteinkanten überfährt, Hindernissen ausweichen oder plötzlich bremsen muss. Und noch wackeliger wird es mit mehreren Fahrgästen. Seitlich abspringen? "Bei einer Geschwindigkeit von 20 km/h, die man ja mit einem Scooter fahren kann, kommt es dann im Zweifel erst recht zum Sturz", sagt Zeidler. Entsprechend hoch sei der Anteil der Alleinunfälle. 16 der 33 Menschen, die 2025 in der Folge von E-Scooter-Unfällen starben, verunglückten der Statistik zufolge ohne Beteiligung anderer. Bei Stürzen mit dem E-Scooter brechen sich viele der Fahrer oder Fahrerinnen nach den Erfahrungen von Professor Rainer Wirtz von den Bezirkskliniken Schwaben die Arme oder Hände. "Die andere große Gruppe ist die mit Kopfverletzungen, weil die meisten keinen Helm tragen." Darüber hinaus kann es nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendchirurgie bei E-Scooter-Unfällen zu Verletzungen des Bauchraums und Knochenbrüchen im Rumpfbereich kommen. Oft sind die Unfälle demnach schwer und ein Teil der Betroffenen muss stationär im Krankenhaus bleiben. Bei schweren Schädel-Hirn-Traumata seien die Folgen dramatisch, sagt Wirtz. "Das unterbricht oft Lebensläufe. Das sind in allererster Linie jüngere Menschen, die aus der Ausbildung oder der Schule herausgeholt werden und häufig nicht mehr an ihre vorherige Laufbahn anknüpfen können." Das Risiko eines schweren Unfalls wird aus seiner Sicht bei den E-Scootern oft unterschätzt. "Die stehen an jeder Ecke herum und erinnern an die Tretroller, die man als Kind benutzt hat", meint er. "Dass etwas passieren kann, ist da nicht im Bewusstsein." Die Fußgängerlobby Fuss e.V. sieht E-Scooter, die auf Gehwegen fahren eindeutig als Gefahr. Gerade Kinder und alte Leute könnten den Gefährten nicht schnell genug ausweichen, betont Sprecher Roland Stimpel. "Das heute chaotische E-Scooter-Fahren muss dringend zivilisiert werden." Der Verein fordert deshalb hohe Geldbußen für das Fahren auf dem Gehweg – ähnlich wie in Frankreich von 135 Euro. Das Verwarngeld sei aber gerade von 15 auf viel zu geringe 25 Euro erhöht worden, kritisiert Stimpel. Das Mindestalter sollte auf 15 Jahre angehoben werden und ein Kenntnisnachweis wie beim Mofa verpflichtend sein. "Wir wollen E-Scooter nicht pauschal verbieten", sagt er. "Richtig genutzt können sie durchaus nützlich sein." Fachleute wie der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, Prof. Ingo Tusk, befürchten, dass die E-Scooter, die überall in der Stadt herumstehen, dazu verleiten, sich noch weniger zu bewegen. "Da werden selbst die kleinen Wege nicht mehr zu Fuß gemacht." Bedenklich findet er das vor allem, weil immer mehr Kinder und Jugendliche übergewichtig seien. Neben gezieltem Sport seien deshalb kleine Aktivitäten im Alltag wichtig - wie Treppensteigen, zu Fuß zur Schule gehen oder mit dem Fahrrad fahren, sagt der Chefarzt für Sportorthopädie und Endoprothetik an den Frankfurter Rotkreuz-Kliniken. Der Bewegungsmangel im Alltag wirke sich zudem negativ auf die motorische Entwicklung der Kinder und Jugendlichen aus, hat Tusk beobachtet. "Es gibt viele, die nicht mehr Radfahren oder schwimmen können." "Wir müssen die Jugendlichen befähigen, am Straßenverkehr sicher teilnehmen zu können", sagt Zeidler. "Da sehen wir einen ganz großen Nachholbedarf." Der Fahrradführerschein in der Grundschule vermittle nur das Basiswissen fürs Radfahren und reiche nicht. Zudem kämen bei Jugendlichen andere Themen dazu, wie riskanteres Fahren, Alkoholkonsum oder Handynutzung im Verkehr. Die Expertin plädiert deshalb für eine Verkehrsausbildung in der weiterführenden Schule. Die deutsche Verkehrswacht bietet bereits seit 2019 E-Scooter-Trainings an. "Hier geht es nicht nur darum, Verkehrsregeln zu vermitteln, sondern die Fahrenden in ihrem Risikobewusstsein und ihrer Fahrkompetenz zu stärken sowie rücksichtsvolles Verhalten im Straßenverkehr zu fördern", erklärt Sprecherin Elisabeth Fitzke. Die Plattform Scootskills bündelt zudem seit Juli Informationen und Angebote, damit man passende Trainings in der Umgebung finden kann oder etwa Schulen selbst solche auf die Beine stellen können. © dpa-infocom, dpa:260807-930-495783/1