Flughafen Leipzig/Halle: Was wir über die Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig/Halle wissen

Datum06.08.2026 11:02

Quellewww.zeit.de

TLDREine bewaffnete Drohne mit Sprengstoff wurde am Flughafen Leipzig/Halle entdeckt, was zu einer kurzzeitigen Schließung des Flugverkehrs führte. Das Bundesinnenministerium bezeichnete den Vorfall als hybrides Anschlagsszenario und neue Bedrohungslage. Die Drohne, bestückt mit 800 Gramm Semtex, war in der Nähe ukrainischer Frachtmaschinen platziert. Die genaue Herkunft und die Täter sind unklar, aber Sicherheitsexperten vermuten Russland als Drahtzieher. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf die Aufklärung des Vorfalls und die Verbesserung der Drohnenerkennungssysteme.

InhaltAm Leipziger Flughafen wurde eine bewaffnete Drohne gefunden. Das Bundesinnenministerium sieht ein hybrides Anschlagsszenario. Was wir wissen und was nicht. Ein mutmaßlicher Anschlagsversuch mit einer Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig/Halle hat in der Nacht auf Mittwoch die Sicherheitsbehörden alarmiert. Experten der Bundespolizei entschärften die Sprengladung. Der Flugverkehr wurde kurzzeitig gestoppt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt ordnete den Vorfall als hybrides Anschlagsszenario ein. Was wir wissen. In der Nacht auf Mittwoch meldete um kurz vor Mitternacht ein Flughafenmitarbeiter ein unbekanntes Flugobjekt im Sicherheitsbereich des Frachtbetriebs nahe der südlichen Start- und Landebahn. Der Mitarbeiter war in einem Besichtigungsbus mit Touristen unterwegs, als er in der Nähe ukrainischer Frachtflugzeuge eine kleine schwebende Drohne mit vier Flügeln entdeckte, einen sogenannten Quadrokopter. Nach Informationen der ZEIT stieg der Mitarbeiter aus dem Bus aus und drückte die Drohne zu Boden. Die Polizei bestätigte am nächsten Morgen, dass es sich um eine Drohne mit Sprengladung handelte. Der Airport stellte ab 0.05 Uhr den Flugbetrieb ein. Mehrere Maschinen wurden umgeleitet. Eines der Flugzeuge, das wegen der Sperrung durchstarten musste und Richtung Flughafen Hannover flog, stieß nahe Leipzig mit einem weiteren Flugobjekt zusammen. Nach der Landung der DHL-Frachtmaschine in Hannover wurde eine leichte Beschädigung festgestellt. Nach Angaben des sächsischen Innenministers Armin Schuster (CDU) wird nach dem zweiten unbekannten Flugobjekt noch gesucht. Während der Flugbetrieb auf der Nordbahn noch in der Nacht wieder anlief, blieb die Südpiste zunächst gesperrt. Bislang gibt es keine Angaben zu Verletzten. Auch von weiteren Beschädigungen ist nichts bekannt. Laut Landeskriminalamt wurde die Drohne mit einem Sprengstoffroboter untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass sie mit einer "unbekannten Sprengvorrichtung" versehen war. Der Zünder wurde von einer auf die Entschärfung von unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen spezialisierten Einheit der Bundespolizei entfernt. Nach Berichten der Leipziger Volkszeitung waren an der Drohne 800 Gramm des Sprengstoffs Semtex befestigt. Dabei handelt es sich um einen Plastiksprengstoff aus tschechischer Produktion. Er kam vor allem in den 1970er und 80er Jahren bei Terrorangriffen zum Einsatz, etwa beim Flugzeuganschlag von Lockerbie 1988. Der Flughafen ist ein wichtiges Fracht-Drehkreuz ​auch für militärische Hilfslieferungen für die Ukraine, seit sie 2022 von Russland überfallen wurde. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen entdeckte der Flughafenmitarbeiter die Drohne in der Nähe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124. Die Antonov-Maschinen in Leipzig/Halle übernehmen unter anderem schwere und überdimensionierte Frachttransporte für die Nato. Ob diese Flugzeuge tatsächlich das Ziel der Drohne oder Drohnen waren, ist nicht bekannt. Alexander Dobrindt stufte den Vorfall als "hybrides Anschlagsszenario" ein und sprach von einer "neuen Gefahrenqualität". Dass eine Drohne "bewaffnet mit Sprengstoff sich hier auf einem Flughafengelände befindet, das ist ein neues Bedrohungsszenario". Fragen zur Drohne, ihrer Herkunft und den Hintermännern seien "jetzt Teil der Aufklärung". Der sächsische Innenminister Armin Schuster (CDU) sprach von einem "kapitalen Vorfall", nach dem die Gefahrenlage "nicht mehr abstrakt", sondern "hoch" sei. Der Dresdner Luftverkehrsexperte Hartmut Fricke sieht in dem Anschlag eine neue Dimension der Bedrohung für kritische Infrastruktur. Anders als bei bisherigen Drohnenvorfällen gehe es nicht mehr allein um die Gefahr einer Kollision mit einem Flugzeug oder Schäden durch die Drohne selbst. Eine Sprengvorrichtung erhöhe das Gefahrenpotenzial erheblich, sagte der Professor für Technologie und Logistik des Luftverkehrs an der TU Dresden. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) geht davon aus, dass das Szenario auf hochprofessionelle Täter zurückgeht. Es sei davon auszugehen, dass es sich bei der verwendeten Substanz um militärischen Sprengstoff handele. Dessen Nutzung werde "nicht von Amateuren durchgeführt", sondern setze "ein hohes Maß an Technikerfahrung" voraus, sagte Dobrindt. Dabei schloss er auch "fremde Mächte" als Drahtzieher nicht aus: "Wir reden hier von einer professionellen, hybriden Bedrohungslage, mit der wir uns weiter auseinandersetzen." Mehrere Sicherheitsexperten vermuten Russland hinter dem Drohnen-Vorfall. Er passe "ins Schema der russischen hybriden Angriffe gegen Deutschland", sagte Nico Lange, Direktor des Instituts für Risikoanalysen und Internationale Sicherheit, dem Fernsehsender Phoenix. Auch der CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter sagte ​der Augsburger Allgemeinen, er vermutete Russland hinter dem Vorgang. Nach Meinung des Luftverkehrsexperten Hartmut Fricke sollten die Ermittlungen vor allem herausfinden, woher die Drohne kam, wie sie unbemerkt in die Flugverbotszone des Flughafens gelangen konnte und warum sie erst auf der Start- und Landebahn entdeckt wurde. Zudem müsse überprüft werden, wie zuverlässig vorhandene Sicherheitssysteme kleine Multicopter überhaupt erkennen könnten. Sollte sich ein gezielter Anschlagsversuch bestätigen, zeige der Vorfall, "dass wir in der Entdeckung derart kleiner Objekte an kritischen Infrastrukturen noch nicht gut sind", sagte Fricke. Das gelte sowohl für die verfügbaren Technologien als auch für die Geschwindigkeit, mit der diese in der Praxis eingeführt würden. Grundsätzlich seien geeignete Technologien zur Drohnenerkennung bereits verfügbar. Radar-, Laser-, Kamera- und Infrarotsysteme könnten miteinander kombiniert werden, um Drohnen möglichst früh zu entdecken. Mithilfe von Algorithmen lassen sich außerdem ihre Flugbahnvorhersagen durchführen. Dobrindt kündigte an, dass sich das gemeinsame Abwehrzentrum Hybrid und das gemeinsame Drohnenabwehrzentrum von Bund und Ländern mit der Bedrohung auseinandersetzten. Es sei "überhaupt nicht auszuschließen, dass es auch in Zukunft ähnliche Versuche von hybriden Aktionen, von hybriden Anschlägen geben kann", sagte der Minister. "Trotzdem werden wir das Netz unserer Sicherungsmaßnahmen immer weiter schließen." Dazu gehöre "die aktive Drohnenabwehr, die immer mit neuer und zusätzlicher Technik ausgestattet wird, auch an den Flughäfen, auch an anderen Orten". Der Grünen-Innenexperte Konstantin von Notz forderte zudem eine bessere Abstimmung zwischen den Behörden. "Wir brauchen klare Zuständigkeiten", sagte er im WDR-Morgenecho. Von Notz, der auch stellvertretender Vorsitzender des Parlamentarischen Gremiums zur Kontrolle der Geheimdienste ist, sprach von einem "diffusen Zuständigkeitsnetz" bei der Drohnenabwehr. "Eine Sicherheitsbehörde muss den Hut aufhaben. Das ist die Bundespolizei. Und die muss für die Sicherheit im Bereich der Luftsicherheit zuständig sein." Das mutmaßlich zweite unbekannte Flugobjekt, das mit der umgeleiteten DHL-Frachtmaschine zusammengestoßen war, werde aktuell noch gesucht, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamts Sachsen. Unklar ist, wo die mit Sprengstoff bestückte Drohne und auch das andere mutmaßliche Flugobjekt gestartet wurden und wer sie gesteuert hat. Offen ist auch, ob die Drohne und das andere Flugobjekt aus der unmittelbaren Umgebung des Flughafens gestartet oder aus größerer Entfernung gesteuert wurden. Der sächsische Generalstaatsanwalt Wolfgang Schürzer sagte, Gegenstand der Ermittlungen sei nun insbesondere die Identifizierung des Täters, die Aufklärung des Tatablaufs, die Herkunft der Drohne und der Sprengvorrichtung, sowie die Frage, ob weitere Personen beteiligt seien. "Sämtliche denkbaren strafrechtlichen Hintergründe einschließlich eines extremistischen oder terroristischen Motivs werden in alle Richtungen geprüft." Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa, Reuters und AFP.