Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe: Industrie meldet überraschend deutliches Auftragsplus

Datum06.08.2026 10:31

Quellewww.zeit.de

TLDRDie deutsche Industrie verzeichnete im Juni einen überraschenden Auftragseingang von 3,1%, angetrieben von Großaufträgen, insbesondere im Maschinenbau. Staatliche Beschaffungen für Bundeswehr und Infrastruktur spielen eine wichtige Rolle. Experten sehen darin eine Grundlage für mittelfristige Produktionsausweitungen, warnen jedoch vor Risiken wie Ölpreisschwankungen und Niedrigwasser auf dem Rhein. Ohne Großaufträge gab es einen leichten Rückgang.

InhaltDeutschlands Industrieunternehmen - vor allem Maschinenbauer - haben im Juni mehr Aufträge erhalten. Treiber sind Beschaffungen für Bundeswehr und Infrastruktur. Die deutsche Industrie hat im Juni ​überraschend viele Aufträge erhalten. Das Neugeschäft wuchs wegen vieler Großaufträge um 3,1 Prozent im Vergleich zum Vormonat, teilte das Statistische Bundesamt mit. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten nur mit ​einem Plus von 0,3 Prozent gerechnet. ⁠ Es ist der zweite Zuwachs in Folge: Im ​Mai hatte es bereits ein Plus von revidiert 0,3 Prozent gegeben, das damit ‌deutlich ⁠kleiner ausfiel als zunächst mit 1,9 ​Prozent geschätzt. Laut dem Bundeswirtschaftsministerium sind die staatlichen Beschaffungen für Bundeswehr und Infrastruktur ein Hauptgrund für das Auftragsplus. Die Statistiker erklärten, die positive Entwicklung sei zu einem großen Teil auf die deutlichen Anstiege im Maschinenbau (plus 12,7 Prozent) und in der Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen (plus 22,7 Prozent) zurückzuführen. In beiden Bereichen meldeten eine Reihe von Unternehmen Großaufträge. Auch der Zuwachs in der Autoindustrie mit einem Plus von 3,8 ‌Prozent wirkte sich positiv aus. Im sonstigen Fahrzeugbau - dazu gehören Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge - fielen die Bestellungen ​um 41,7 Prozent im Vergleich zum hohen Auftragsniveau des Vormonats. "Die guten Auftragseingänge legen die Grundlage ‌für ⁠eine mittelfristige Produktionsausweitung", sagte der Chefvolkswirt der VP ​Bank, Thomas Gitzel. "Die deutsche Wirtschaft hat damit die Trendwende vollzogen und dürfte auf Sicht der kommenden Jahre wieder höhere Wachstumszahlen ausweisen."  Die Konjunktur laufe etwas besser als noch vor kurzem gedacht, sagte auch ​der Ökonom der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), Jens-Oliver Niklasch. Er verwies aber auf Risiken: "Freilich schwebt das Ölpreis-Risiko latent über allem, und mit den Pegelständen der großen Flüsse ist ein neues Abwärtsrisiko dazugekommen." Das Niedrigwasser auf Europas wichtigster Wasserstraße, dem Rhein, behindert seit Tagen die Binnenschifffahrt und kann Lieferketten unterbrechen, was wiederum die Produktion ausbremsen könnte. Die Auslandsaufträge stiegen im Juni um 0,2 Prozent. Dabei brachen die Bestellungen aus der Euro-Zone um 14,0 Prozent ein, während die aus dem ‌übrigen Ausland um 10,2 Prozent zunahmen. Die Inlandsaufträge stiegen um 7,8 Prozent. Werden Großaufträge ausgeklammert, sanken ​die gesamten Bestellungen jedoch um 0,5 Prozent. Im weniger schwankenden Dreimonatsvergleich lag der Auftragseingang im zweiten ⁠Quartal um 1,3 Prozent ​höher als in den drei Monaten zuvor, ohne Großaufträge blieb ‌er unverändert. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sieht deshalb noch keinen kräftigen Aufschwung. "All' das erinnert wieder einmal daran, dass sich die deutsche Wirtschaft selbst dann nur zögerlich erholen ‌dürfte, wenn das Öl wieder durch die Straße von Hormus fließt", sagte Krämer. "Letztlich leiden die deutschen Unternehmen weiter unter einer ​schlechten Standortqualität, die die geplanten Reformen der Bundesregierung nicht wesentlich verbessern dürften."