»Nur eine Frage«: Braucht Deutschland neue Atomkraftwerke, Anke Weidlich?

Datum05.08.2026 12:00

Quellewww.zeit.de

TLDRDeutschland braucht laut Professorin Anke Weidlich keine neuen Atomkraftwerke. Technisch sei die Frequenzhaltung im Stromnetz auch ohne Generatoren möglich, etwa durch Batterien oder netzbildende Wechselrichter. Zwar sei die Integration erneuerbarer Energien eine Herausforderung, aber bestehende europäische Kernkraftwerke liefern derzeit noch Stabilität. Die Abhängigkeit von Frankreich und die schwankende Verfügbarkeit erneuerbarer Energien verdeutlichen die Komplexität der Stromversorgung.

InhaltDer Wiedereinstieg in die Kernkraft wird diskutiert. Das wäre kompliziert, sagt Anke Weidlich. Denn die Systeme haben sich geändert, die Kosten – und die Hindernisse. Anke Weidlich ist Professorin an der Universität Freiburg. Sie forscht zu nachhaltigen Energiesystemen, Strommarktgestaltung, Smart Grids und Flexibilitätsnutzung. In der Lehre behandelt sie Grundlagen zum Betrieb des Stromsystems, Optimierung und Prognosen. Sie gehört der 2011 von der Bundesregierung eingesetzten Expertenkommission zum Energiewende-Monitoring an. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit engagiert sich Anke Weidlich in nationalen Forschungs- und Beratungsgremien zur Energie- und Klimapolitik, darunter in der Akademieninitiative "Energiesysteme der Zukunft" (ESYS). Dieses Interview basiert auf einem Gespräch für den ZEIT-Podcast "Nur eine Frage". Die Auszüge wurden gekürzt, redigiert und teilweise umgestellt, um die Lesbarkeit zu verbessern. Alle Folgen sind auf www.zeit.de/n1f zu finden. Dort können Sie auch den N1F-Newsletter abonnieren. Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de. Redaktion: Sophie Hübner, Jens Lubbadeh Visuelle Produktion: Michael Pfister DIE ZEIT: Frau Weidlich, braucht Deutschland neue Atomkraftwerke? Anke Weidlich: Meiner Ansicht nach eher nein. ZEIT: Warum nicht? Ursula von der Leyen hat die Abkehr von der Atomkraft in Europa als strategischen Fehler bezeichnet. Weidlich: Das Brauchen kann man in verschiedener Weise interpretieren. Einmal die technische Dimension: Brauchen wir neue Atomkraftwerke, um ein stabiles Stromsystem aufrechtzuerhalten? Dann die wirtschaftliche: Brauchen wir sie für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts? Die wirtschaftliche Frage ist sicherlich die interessantere. Ich fange trotzdem mit der technischen an, weil da die Sorge mitschwingt, dass die Erneuerbaren es nicht schaffen, ein Industrieland zuverlässig rund um die Uhr mit Strom zu versorgen. Man muss sich fragen: Welche Funktionen braucht es, damit das Stromsystem stabil funktioniert? Der erste Impuls wäre zu sagen: Wir haben vor drei Jahren die Kernkraftwerke abgeschaltet, der Strom ist weiterhin da, funktioniert doch. Aber Deutschland ist in das Stromsystem Europas integriert. Wir profitieren somit von allen Kraftwerken, die in ganz Europa stehen. Und da sind weiterhin Atomkraftwerke dabei, allen voran die französische Kraftwerksflotte. Deswegen ist das noch kein Beweis. Man müsste dann schon eher in Regionen schauen, die es schaffen, ohne im Verbund zu sein. Australien wäre da ein Beispiel, da funktioniert es auch. ZEIT: Was genau benötigt man denn technisch? Weidlich: Besonders im Fokus ist die Frequenzhaltung. Die Frequenz entsteht durch die sich drehenden Generatoren im Stromsystem. Das sind klassischerweise die konventionellen Kraftwerke – Kernkraftwerke, aber auch Kohle-, Gas- und Wasserkraftwerke. Deren Generatoren geben die Frequenz in Europa vor, die immer in einem sehr schmalen Band aufrechterhalten werden muss. Um das zu gewährleisten, haben wir Regelleistungskraftwerke. Das können allerdings vielfältige Technologien sein. Im Moment ist es sogar am effizientesten, zum Beispiel für die Primärregelleistung Batterien einzusetzen. Was bedeutet, dass wir da auf jeden Fall technische Alternativen haben. ZEIT: Zum Verständnis: Was aus der Steckdose kommt, ist Wechselstrom, der schwingt mit einer bestimmten Frequenz hin und her. Und für diese Frequenz brauchen wir bestimmte Formen von Kraftwerken. Weidlich: Ganz genau. ZEIT: Und wenn ich ein Solardach habe, dann kommt da Gleichstrom raus, da wechselt nichts. Weidlich: Genau. Aus der Solaranlage kommt Gleichstrom. Mithilfe von Wechselrichtern, die Schnittstelle zum Wechselstromnetz, wird der Gleichstrom dann in Wechselstrom umgewandelt. ZEIT: Weil Sie gerade Batterien erwähnten: Könnten wir das auch mit Batterien machen und dann mithilfe eines Wechselrichters Wechselstrom erzeugen, um ganz ohne Generatoren auszukommen? Weidlich: Das ist genau die Frage. Im Moment baut das System auf Generatoren, konkret auf Synchronmaschinen, die synchron miteinander im gleichen Takt rotieren. Auch die Wechselrichter richten sich an dieser Frequenz aus. Aber die Rotation in den Generatoren gibt den Takt vor. ZEIT: Wir brauchen also irgendein Herz, das schlägt, und alle anderen richten sich danach. Aber dafür benötigt man kein Atomkraftwerk. Weidlich: Dafür benötigt man kein Atomkraftwerk, aber andere Generatoren oder neue Lösungen, die das imitieren. Es ist denkbar, dass Wechselrichter diesen Takt auch selbst vorgeben. Man nennt das dann netzbildende Wechselrichter. Die wären in der Lage, das Stromsystem zu führen. Wechselrichter heute bringen diese Funktionalität noch nicht mit, aber es ist technisch machbar und wird erprobt. Oder man stellt rotierende Massen weiterhin physisch zur Verfügung, zum Beispiel Phasenschieber mit einem rotierenden Schwungrad, in dem die Energie gespeichert ist, die dann für die nötige Stabilität sorgt. Eine wichtige Zusatzfunktion dadurch, dass so viele Generatoren gleichzeitig drehen, ist nämlich, dass das viel Trägheit ins System bringt. Wenn eine Riesenmasse rotiert, kann man die nicht einfach abbremsen. Das heißt, die Frequenz bleibt dadurch stabiler. Das ist die große Herausforderung: In Zeiten, in denen kaum noch Generatoren am Netz sind, sondern der Großteil des Stroms durch Solar- und Windkraftanlagen gewonnen wird, geht diese Trägheit verloren. Man nennt das technisch Momentanreserve. Eine neue Entwicklung ist, dass diese Momentanreserve zu einem handelbaren Produkt wird, was neue Lösungen eröffnet, diese Trägheit bereitzustellen. ZEIT: Also für Sie ist vor allem die Frage wichtig: Haben wir in Zukunft diese Frequenzerhaltung, die wir für unser großes Stromnetz brauchen? Weidlich: Ja, das ist auf jeden Fall eine große Herausforderung. Diese Funktionalität brauchen wir, neben weiteren Systemfunktionen. Man muss sich fragen: Wo kommt das in Zukunft her? ZEIT: Ich finde das großartig, dass wir gleich zu Anfang so tief einsteigen. Ich hatte an völlig andere Sachen gedacht. Wie viel Prozent des deutschen Stroms ist denn schon erneuerbar? Auf Zeit.de haben wir einen Energiemonitor, da sind wir bei ungefähr 60, 70 Prozent. Weidlich: 60 Prozent ist die Größenordnung im Mittel über das Jahr. Aber interessanter ist es, zu schauen, wie es zu einzelnen Zeitpunkten aussieht. ZEIT: Sie meinen, wenn es heiß ist und der Wind weht, dann haben wir kein Problem. Aber was passiert nachts oder bei einer Flaute, wenn gerade niemand Strom produziert. Was machen wir dann? Weidlich: Genau. In den Situationen haben wir natürlich noch viele konventionelle Kraftwerke am Netz. Andersrum gibt es Zeiträume, da können Wind und Photovoltaik zusammen den kompletten Strombedarf decken. Meistens haben wir dann trotzdem konventionelle Erzeugung am Netz, weil die Kraftwerke nicht komplett heruntergefahren werden sollen. Das führt dann oft zu negativen Strompreisen. ZEIT: Ich kriege Geld geschenkt, wenn ich den Föhn anmache. Weidlich: (lacht) Zumindest im Großhandel. Bei den Endkunden kommt es noch nicht automatisch an. Da kommen noch Netznutzungsentgelte drauf, Steuern, Umlagen. Dann ist der Endkundenpreis meistens nicht mehr negativ. Allerdings: Ich habe einen dynamischen Tarif, und neulich hatte ich auch als Endkundin wirklich einen negativen Preis. ZEIT: Also es kann tatsächlich dazu kommen, dass man Geld verdient, wenn man die Waschmaschine nachts anmacht? Weidlich: Nein, meistens tagsüber. Früher war Strom eher nachts günstiger. Und da sind wir wieder bei den Kernkraftwerken, die fahren nachts in der Regel nicht runter. Ein Grundlastkraftwerk ist am rentabelsten, wenn es wirklich jederzeit Strom produziert. Deswegen will man es nachts nicht runterfahren, sondern sorgt lieber dafür, dass der Strom abgenommen wird, und dann war er eben nachts günstig. Jetzt, mit neuen Erzeugungsformen wie Photovoltaik, haben wir tagsüber Einspeisespitzen. Oder im Winter eher in den Abendstunden oder nachts durch Windkraft. ZEIT: Es gibt also große Mengen an Energie, die manchmal nicht abgenommen werden. Und auf der anderen Seite haben wir manchmal ein Loch, wenn weder Sonne scheint noch Wind weht. Dann nehmen wir bei den Franzosen den Atomstrom ab. Weidlich: Ja. Vor allem in den Nachtstunden jetzt im Sommer kommt ein Teil des Stroms aus Kernkraftwerken aus Frankreich.