Besonderes Kinoerlebnis: Mehr als «Knutschkino» - Reiz und Wandel des Autokinos

Datum05.08.2026 01:16

Quellewww.zeit.de

TLDRDas Autokino Gravenbruch, das erste in Deutschland (1960), bietet trotz Konkurrenz durch Streamingdienste weiterhin eine besondere Anziehungskraft. Betreiber Heiko Desch betont die Vielfalt seiner Arbeit und die persönliche Freiheit, das Kino von Grund auf zu gestalten. Das Autokino erlebte während der Corona-Pandemie ein Revival und zieht auch heute noch Besucher mit seinem "American Style" und der Privatsphäre an. Durch innovative Veranstaltungen wie Halloween-Events oder Tuning-Treffen bleibt das Autokino attraktiv und zukunftsfähig.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Besonderes Kinoerlebnis“. Lesen Sie jetzt „Mehr als "Knutschkino" - Reiz und Wandel des Autokinos“. Ob Heiratsanträge, dichter Nebel oder einen Boom in der Corona-Zeit. Heiko Desch hat schon viel erlebt. Seit 20 Jahren leitet er das Autokino in Gravenbruch, einem Stadtteil von Neu-Isenburg. Was er an seiner Arbeit schätze? "Es ist tatsächlich so, dass ich hier Kino machen kann von Anfang bis Ende. Und ich habe wirklich das Glück, dass mir auch kaum einer reinredet."  Der 54-Jährige, der im osthessischen Bad Orb aufgewachsen ist, begeistert sich seit seiner frühen Jugend für den Film. "Ich habe mit 13 oder 14 als Platzanweiser in einem Kino angefangen. Mit 16 lernte ich dort dann Vorführen - 35-Millimeter-Projektion. Das hat mich immer fasziniert." Auch später habe er, neben einem normalen Bürojob, immer im Kino gearbeitet.  2002 kam Desch dann schließlich zum Autokino nach Gravenbruch. Seine Arbeit sei sehr vielseitig: Er suche die Filme aus und verhandle mit den Verleihern, betreue die Homepage und kümmere sich um die Lieferanten sowie um die Dienstpläne und die Gehälter seiner 27 Mitarbeitenden. Und abends arbeitet er auch manchmal selbst an der Kasse oder in der Snackbar. Auf dem großen Gelände nahe Frankfurt begann vor über 65 Jahren ein Stück deutsche Kinogeschichte. Am 31. März 1960 eröffnete dort das bundesweit erste Autokino. Als Premierenfilm flimmerte der oscargekrönte Streifen "Der König und ich" mit Yul Brynner und Deborah Kerr über die riesige Leinwand. Bereits in den ersten fünf Monaten kamen 250.000 Besucher. Und auch heute bietet das Kino noch immer Platz für etwa 650 Fahrzeuge. Erlebt habe er so einiges, sagt Desch. "Wir hatten schon viele Heiratsanträge." Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm ein Antrag, bei dem ein selbstgedrehter Film über die riesige Leinwand flimmerte. Irgendwann habe die zukünftige Braut gemerkt, dass es darin um sie gehe. Aber auch das Wetter hat manchmal einen Strich durch die Rechnung gemacht. "Wir mussten immer mal wieder wegen Nebel abbrechen."  In der Corona-Pandemie erlebten die Autokinos dann ein beeindruckendes Revival. In Zeiten von Sicherheitsabstand und Infektionsgefahr war es eine der wenigen Möglichkeiten, Kino zu machen. Auch wenn es mit viel Aufwand verbunden gewesen sei: "Wir konnten größtenteils arbeiten, was viele andere in der Freizeit- und Gastronomiebranche nicht konnten, und das war natürlich ein Riesenvorteil", erinnert sich Desch.  An diesem lauen Abend läuft in der Reihe "Summer Classics" der Musical-Film "Mamma Mia". Die Autos vor der großen Leinwand tragen unterschiedlichste Kennzeichen. "Wir haben ein riesiges Einzugsgebiet", sagt der Theaterleiter. Die Leute kämen aus einem Umkreis von rund 100 Kilometern.  Ein Besucher ist extra aus der Nähe von Gießen gekommen: "Das ist ein Abenteuer, ich mache das mehrmals im Jahr", sagt er. Und eine junge Frau aus Oberursel schätzt das Besondere: "Das ist mal etwas ganz anderes, zudem laufen hier Filme, die nicht überall gezeigt werden". Eine 54-jährige Besucherin aus der Nähe von Hattersheim feiert an diesem Abend ihre Autokino-Premiere. "Ich war einfach neugierig", sagt sie. Zudem wolle sie einmal diese Atmosphäre, diesen "American Style" erleben.  Auch wenn viele das Autokino mit lauen Sommernächten verbinden, läuft das Geschäft laut Desch auch in der Wintersaison ganz ordentlich. Wegen der früh einsetzenden Dunkelheit könne man dann auch mehrere Filme an einem Abend zeigen, sagt er.  Ende 2025 gab es laut der Filmförderungsanstalt bundesweit 15 Autokinos. Das weltweit erste Autokino wurde im Sommer 1933 im US-Bundesstaat New Jersey eröffnet und mit dem Slogan "Jedem seine eigene Loge" beworben. Danach dauerte es noch einmal 27 Jahre, bis die Idee in Deutschland umgesetzt wurde - in Gravenbruch. Passenderweise waren damals im Rhein-Main-Gebiet noch viele US-Soldaten stationiert.  Autokinos wurden zu einem beliebten Ausflugsziel von Pärchen, die sich zu deutlich konservativeren Zeiten nicht zu Hause treffen konnten. Manche fuhren gezielt die letzte Parkreihe an, einst als "Love Lane" bekannt. Schnell bekam das Autokino den Spitznamen "Knutschkino" verpasst. In der heutigen Welt mit Netflix und Co. wirken Autokinos dagegen aus der Zeit gefallen. Was macht - damals wie heute - den Reiz des Autokinos aus? "Natürlich ist das liebste Kind der Deutschen immer noch das Auto. Und viele können natürlich somit das Auto mit dem Kino verbinden", sagt Desch. Zudem habe man deutlich mehr Privatsphäre als im herkömmlichen Kino - man könne die Füße hochlegen, mit dem Partner quatschen und werde nicht von raschelnden Chipstüten gestört. Man müsse den Leuten etwas Besonderes bieten - nur einfach den Film abspielen, das genüge heute nicht mehr. Und Desch denkt sich tatsächlich immer wieder etwas Besonderes aus. Halloween sei beliebt, "weil wir unsere Mitarbeitenden als Monster herumlaufen lassen". Auch gebe es regelmäßig Tuning-Treffen. Zudem laufe etwa am 22. August der Autofilm "The Driver" und es werde zum Oldtimer-Treffen geladen. Und im Herbst gebe es eine Arthouse-Reihe. "Wenn man innovativ bleibt und sich den neuen Gegebenheiten anpasst, dann ist mir nicht Angst vor der Zukunft." © dpa-infocom, dpa:260804-930-484593/1