Datum04.08.2026 18:23
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Ukraine beschuldigt Russland, in Cherson gezielt Zivilisten mit Drohnen anzugreifen. Ein Video zeigt, wie eine russische Drohne einen Mann jagt und angreift. Präsident Selenskyj verurteilt dies als "sadistische" und "verrückte" Praxis. Cherson wird seit der russischen Besetzung und späteren Befreiung fast täglich attackiert. Laut ukrainischen Angaben überlebte der angegriffene Gemüsehändler den Angriff mit Verletzungen.
InhaltIn Cherson werden Zivilisten seit Jahren gezielt von russischen Kurzdistanzdrohnen angegriffen. Nach einem weiteren Angriff beklagt die Ukraine die "sadistische" Praxis. Die Ukraine hat Russland erneut vorgeworfen, in der südukrainischen Großstadt Cherson gezielt Zivilisten mit Drohnen zu jagen und anzugreifen. Anlass ist ein von der ukrainischen Polizei veröffentlichtes Video, welches das seit Jahren bekannte Vorgehen russischer Soldaten in der Region belegen soll. Das Video zeigt, wie eine ferngesteuerte Kurzdistanzdrohne einen Mann in ziviler Kleidung anfliegt. Dieser versucht mehrmals, sich hinter einem zum Verkaufsstand umfunktionierten Transporter zu verstecken, um den herum die Drohne ihn mehrmals jagt. Schließlich wird die Drohne genau dorthin gesteuert und explodiert unmittelbar hinter dem Rücken des Mannes. Er soll den Angriff überlebt und Splitterverletzungen sowie eine Gehirnerschütterung davongetragen haben. Der Zeitpunkt der Attacke ist nicht eindeutig klar. Die Nachrichtenagentur Reuters konnte die ukrainischen Angaben zu deren Ort jedoch verifizieren. Vor der Veröffentlichung durch die Polizei war das Video auf einem örtlichen Telegramkanal aufgetaucht. Wer es aufnahm, ist bislang unklar. Präsident Wolodymyr Selenskyj verbreitete das Video auf X und warf Russland vor, eine "Drohnen-'Safari'" in Cherson durchzuführen. Damit bezog er sich auf eine Bezeichnung von Einwohnern Chersons für derartige Angriffe, bei denen Zivilisten von russischen Drohnen gejagt werden. Cherson, Hauptstadt der gleichnamigen südukrainischen Region, wurde zu Kriegsbeginn von Russland erobert und im November 2022 von ukrainischen Truppen befreit. Die Stadt wird lediglich durch das wenige Kilometer breite Dnipro-Delta von russischen Stellungen getrennt. Cherson wird nahezu täglich mit Artillerie und präzise steuerbaren Kurzdistanzdrohnen attackiert. "Die Welt muss das sehen", schrieb Selenskyj auf X. "Sie muss jeden einzelnen Beweis sehen, der zeigt, dass Russland verrückt geworden ist und dass seine Soldaten Freude daran haben, Zivilisten zu töten und zu misshandeln." Selenskyj warf Russland vor, derartige Verbrechen nicht nur nicht zu verheimlichen, sondern damit "anzugeben". Damit dürfte er sich auf Veröffentlichungen russischer Militärblogger beziehen. In einem russischen Telegramkanal, der seit Jahren für Drohungen gegen die Bewohner Chersons bekannt ist, wurde der Angriff mit der Arbeit von "Chirurgen" verglichen. Zugleich wird darin ohne Belege behauptet, das Fahrzeug des angegriffenen Mannes sei in der Vergangenheit dabei beobachtet worden, militärisch nutzbare Güter zu transportieren. Bei dem angegriffenen Zivilisten handelt es sich nach örtlichen Angaben um einen 52-jährigen Gemüsehändler. Der Chef von Chersons Militärverwaltung, Olexandr Prokudin, veröffentlichte später ein weiteres Video. Darauf ist zu sehen, wie der Mann auf einem Krankenhausbett sitzend von dem Angriff erzählt. Er habe versucht, dem Drohnenpiloten zu signalisieren, dass er nur Gemüse verkaufe, sagte er. Kurz nach Aufbau des Verkaufsstandes hätten er und seine Frau zunächst das Summen der Drohne gehört. Seine Frau habe sich in Sicherheit bringen können. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha bezeichnete den Angreifer als "Sadisten", der genau wisse, dass er einen Zivilisten angreife. Er beschuldigte Russland, mit derartigen Attacken eine "bewusste und systematische" Strategie zu verfolgen. Zu dieser Einschätzung gerieten bereits in der Vergangenheit auch neutrale Beobachter. So sprachen die Vereinten Nationen 2025 in einem Bericht zur Lage in Cherson von damals fast 150 Zivilisten, die in der Stadt und ihrem Umland auf eine ähnliche Weise getötet worden seien. Zudem spreche die Häufigkeit der Angriffe dafür, dass sie "staatlich koordiniert" würden, was ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstelle. In Cherson, das vor dem Krieg fast 300.000 Einwohner hatte, leben inzwischen weniger als 70.000 Menschen.