Datum04.08.2026 13:43
Quellewww.spiegel.de
TLDRMarokko weist die Verantwortung für den Migrantenansturm auf die spanische Exklave Ceuta zurück und bestreitet unzureichende Grenzkontrollen. Ein Regierungsvertreter in Rabat erklärte, die Zahl der Migranten sei zu groß gewesen, um sie aufzuhalten, und verwies auf ein spanisches Gerichtsurteil, das Abschiebungen erschwert. Spanien widerspricht und verweist auf mangelnde Warnungen vor dem Vorfall, während Spekulationen über eine mögliche marokkanische Mitverantwortung aufgrund politischer Spannungen mit Algerien bestehen.
InhaltWar es orchestriert, war es ein Dominoeffekt, waren die Spanier zu lasch? Nach dem Ansturm von Zehntausenden Migranten auf die spanische Exklave Ceuta hält der Streit um die Verantwortung an. Erst machte Marokko Gerüchte auf Social Media verantwortlich, nun will das nordafrikanische Land so gar nichts mehr mit der Eskalation von Ceuta zu tun haben. Eine Verantwortung für die Massenankunft von Migranten in der spanischen Exklave wies die Regierung zurück. Entsprechende Vorwürfe, die Grenzkontrollen seien unzulänglich gewesen, bestritt ein hochrangiger Vertreter der Regierung in Rabat, der anonym bleiben wollte, im Gespräch mit Journalisten. Vielmehr sei die Zahl der Migranten, die in die an Marokko grenzende Exklave gelangen wollten, derart angeschwollen, dass die marokkanischen Sicherheitskräfte "an einem bestimmten Punkt" den Menschen nicht mehr hätten entgegentreten können. "Es ist zu einfach zu sagen, dass die marokkanischen Sicherheitskräfte einfach hätten Gewalt einsetzen können, um sie zu stoppen", sagte der Regierungsmitarbeiter. "Es ist nicht allein die Verantwortung Marokkos, dieses Problem in den Griff zu bekommen", fügte er hinzu. Er verwies auf ein spanisches Gerichtsurteil, wonach über den Seeweg ankommende Migranten nicht ohne Weiteres sofort abgeschoben werden dürfen. Die marokkanische Regierung habe Madrid vermittelt, dieses Gerichtsurteil werde für Probleme sorgen – "und es hat für Probleme gesorgt". Die spanische Regierung widersprach dieser Darstellung. "Nie hat es irgendwelche Hinweise, irgendwelche Berichte gegeben, die uns vor dem Ausmaß dieses beispiellosen Vorfalls gewarnt hätten", sagte eine Regierungssprecherin in Madrid. Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez hatte vermutet, der Massenandrang der Migranten sei auf von "Menschenhändlern" verbreitete Falschinformationen in Onlinenetzwerken zurückzuführen, die das Urteil absichtlich falsch ausgelegt hätten. Marokko war der Lesart zunächst gefolgt. In der vergangenen Woche hatten rund 60.000 Menschen – teils schwimmend – die an Marokko angrenzende Exklave Ceuta erreicht. Nach Angaben der spanischen Regierung kamen 72 Menschen bei dem Versuch, Ceuta zu erreichen, ums Leben. Die große Mehrheit der in der Exklave eingetroffenen Migranten kehrte den spanischen Angaben zufolge inzwischen nach Marokko zurück. Geschätzt nur noch etwa 2500 von ihnen hielten sich am Montag in der Exklave auf, hieß es. Nach den Vorfällen hatte es Spekulationen gegeben, dass Marokko die Menschen möglicherweise absichtlich durchgelassen habe – etwa aus Verärgerung über einen kürzlichen Besuch von Sánchez in Algerien. Marokko und Algerien liegen seit Jahrzehnten im Streit um die Westsahara. Marokko beansprucht die Region für sich und erhielt für diesen Anspruch im vergangenen Jahr auch die Rückendeckung des Uno-Sicherheitsrats, während Algerien die Unabhängigkeitsbewegung Frente Polisario unterstützt. 2022 hatte Spanien seine langjährige Neutralität in der Westsahara-Frage aufgeben und sich bei dem Thema hinter Marokko gestellt. Deshalb könnte der kürzliche Besuch von Sánchez in Algerien nach Einschätzung von Beobachtern der marokkanischen Regierung missfallen haben.