Datum02.08.2026 09:09
Quellewww.zeit.de
TLDRGenanalysen von Mumien in Chile belegen, dass Pocken aus Europa nach Amerika kamen und in der Kolonialzeit eingeschleppt wurden. Diese Erkenntnis, basierend auf den ersten analysierten Pockengenomen aus Amerika, liefert molekulare Beweise für die Annahmen zur Krankheitsausbreitung. Das analysierte Virus einer ausgestorbenen Linie ähnelt mittelalterlichen europäischen Stämmen. Pocken trugen maßgeblich zum Bevölkerungsrückgang indigener Völker bei.
InhaltForscher haben durch Analyse von Erbgut aus Mumien in Chile die Verbreitung der Pocken nachvollzogen. Demnach wurde die Krankheit in der Kolonialzeit eingeschleppt. Durch Analysen von Pocken-Erbgut aus Mumien in Chile haben Forschende den bisher eindeutigsten Nachweis dafür geliefert, dass die Krankheit von Europa nach Amerika gebracht worden ist. "Diese Entdeckung liefert den ersten molekularen Nachweis dafür, dass die Pocken während der Kolonialzeit (...) eingeschleppt wurden", fasste Shigeki Nakagome vom Trinity College Dublin die Forschungsergebnisse zusammen. Die Erkenntnisse stützen bisherige Annahmen zur Ausbreitung der Infektionskrankheit. Das Forschungsteam aus Irland, Chile und Japan hatte nach eigenen Angaben die ersten Pockengenome aus der Kolonialzeit, die in Amerika gewonnen worden waren, analysiert. Es habe dafür zwei mumifizierte Leichen indigener Menschen untersucht, die zwischen dem späten 15. und frühen 17. Jahrhundert im Norden Chiles bestattet worden waren, heißt es in der Pressemitteilung der irischen Universität. Die Studie, die in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurde, zeigt auf, dass die Viren zu einer inzwischen ausgestorbenen Linie des Pockenvirus gehörten. Diese liegt evolutionär zwischen mittelalterlichen europäischen Stämmen und denen, die in späteren Jahrhunderten zirkulierten. Das Virus habe sich im 17. und 18. Jahrhundert wenig verändert – das könnte den Forschenden zufolge bedeuten, dass das Virus zu diesem Zeitpunkt ein evolutionäres Optimum erreicht hatte. Möglicherweise sei dies dadurch begünstigt worden, dass die Menschen in Amerika keine Immunität dagegen hatten. Die durch das Variola-Virus verursachten Pocken spielten eine wesentliche Rolle beim Bevölkerungsrückgang, den die indigenen Völker in Nord-, Mittel- und Südamerika nach der Ankunft der Europäer erlebten. Das Virus trat laut Studie in Wellen auf und verursachte in Amerika schätzungsweise drei bis vier Millionen Todesfälle – möglicherweise sogar mehr, insbesondere unter indigenen Bevölkerungsgruppen ohne vorherigen Kontakt zu den Viren. Dem Forscherteam zufolge hat es bisher keine direkten genetischen Belege gegeben, die die Krankheitsausbrüche in Amerika während der Kolonialzeit mit den in Europa zirkulierenden Stämmen in Verbindung brachten.