Eine Woche nach Anschlag in Berlin: Zehntausende feiern bei CSD-Parade in Hamburg

Datum01.08.2026 16:15

Quellewww.spiegel.de

TLDRZehntausende feierten in Hamburg den Christopher Street Day (CSD) als Zeichen gegen Einschüchterung und für Vielfalt. Das Motto lautete: "Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst!". Nach dem Anschlag in Berlin erhöhte die Polizei die Sicherheitsvorkehrungen. Auch in Bonn und Amsterdam fanden CSD-Veranstaltungen statt, bei denen gegen Anfeindungen protestiert und zur Offenheit aufgerufen wurde. Der CSD erinnert an den Aufstand in der New Yorker Christopher Street 1969.

InhaltSich nicht einschüchtern lassen, für Vielfalt und gleiche Rechte einstehen: Die LGBTIQ-Gemeinschaft demonstriert auf ihren ersten großen Paraden nach dem Terror von Berlin in ausgelassener Stimmung. Zehntausende Menschen sind in Hamburg zu einer Demonstration zum Christopher Street Day (CSD) zusammengekommen. Sie versammelten sich nahe dem U-Bahnhof Lübecker Straße und begannen ihren Zug durch den Stadtteil St. Georg in Richtung Innenstadt. 60 Lastwagen dienen als fahrende Bühnen von Unternehmen, Vereinen, Parteien und der Evangelischen Kirche. Das Motto lautet: "Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst!" Die Veranstalter vom Verein Hamburg Pride erwarten rund 250.000 Teilnehmer, die Polizei konnte zunächst keine Zahl nennen. Die Stimmung sei friedlich und ausgelassen, sagte eine Sprecherin nach Beginn der Demonstration. Es sei zu keinen Zwischenfällen gekommen. Unter den Teilnehmenden sind mehrere Politiker von SPD und Grünen. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) solle ein Zeichen setzen, indem er an einem CSD teilnehme, wünschte sich SPD-Bundestagsfraktionschef Matthias Miersch. Eine Woche nach dem tödlichen Anschlag auf eine ähnliche Veranstaltung in Berlin hat die Hamburger Polizei ihr Sicherheitskonzept für die Veranstaltung überarbeitet. Es sollen doppelt so viele Beamte im Einsatz sein wie bei der Demonstration im vergangenen Jahr. "Hamburg freut sich auf einen bunten und fröhlichen CSD und setzt damit ein klares Zeichen für Vielfalt und Zusammenhalt in unserer Stadt", sagte Innensenator Andy Grote (SPD). In Berlin hatte der islamistische Attentäter Abdul Ballout am vergangenen Samstag mit einem Auto mehrere Menschen angefahren und weitere vermutlich mit einer Machete attackiert. Eine Frau aus Polen starb, 31 Menschen wurden teils schwer verletzt. Der 21-Jährige wurde am Sonntagabend bei einem Polizeieinsatz erschossen. Der Sprecher von Hamburg Pride, Manuel Opitz, erklärte, man wolle sich durch den Anschlag nicht einschüchtern lassen. "Wir als queere Community können uns in unserem Schmerz auf dem CSD gegenseitig Kraft geben." Auf dem Christopher Street Day in Bonn begann das Bühnenprogramm am frühen Nachmittag mit einer Schweigeminute. "Ihr wisst alle, was in Berlin passiert ist. Das hat uns alle sehr geschockt", sagte Vorstandsmitglied Claudia Brenig vom CSD-Veranstalter Rheinqueer. "Wir sind heute auch in Gedanken bei den Opfern, bei der verstorbenen Frau und bei allen, die verletzt wurden und in Berlin traumatisiert wurden." In Amsterdam findet am Samstag die traditionelle "Canal Parade" mit 80 bunt geschmückten Booten statt – einer der Höhepunkte der diesjährigen World Pride. Der niederländische Ministerpräsident Rob Jetten rief junge LGBTIQ-Personen bei der Veranstaltung auf, sich offen zu bekennen. Ein Coming-out sei nicht einfach, "aber sobald man diesen Schritt gewagt hat, wird es nur noch besser", sagte Jetten laut der Nachrichtenagentur ANP. Der 39-Jährige ist der jüngste Regierungschef der Niederlande und der erste, der offen homosexuell lebt. Die Amsterdamer Parade sei ein großartiges Fest voller Freiheit und Spaß, sagte Jetten. Zugleich sei es wichtig, gegen Anfeindungen zu protestieren. "Das hat man beim Anschlag in Berlin letzte Woche gesehen." Die LGBTIQ-Gemeinschaft stehe weltweit unter Druck, sagte Jetten. Die mehrtägige World Pride gilt als das größte Event der weltweiten queeren Gemeinschaft und findet erstmals in den Niederlanden statt. Allein zum Amsterdamer Bootskorso wurden laut Veranstaltern rund 500.000 Besucher erwartet. Auch im britischen Seebad Brighton und an weiteren Orten waren Paraden geplant. Der Christopher Street Day wird weltweit gefeiert. Die Bewegung geht auf Ereignisse im Juni 1969 in New York zurück. Nach einer Razzia der Polizei in der Szenebar "Stonewall Inn" kam es damals zum Aufstand von Schwulen und Lesben. Hauptschauplatz von Straßenschlachten war die Christopher Street im Künstlerviertel Greenwich Village von New York.