Meinung: News des Tages: Neue Recherchen zu »White Tiger«, Hongkong, Artemis-Programm

Datum27.11.2025 17:58

Quellewww.spiegel.de

TLDRDas "White Tiger"-Netzwerk des Menschenhasses ist größer als bisher bekannt. Ein deutsch-iranischer Mann aus Hamburg manipulierte Kinder und Jugendliche online und ist Verdächtiger im sadistisch-pädokriminellen Netzwerk "764". Neue Recherchen deckten mehr als 80 Fälle in 22 Ländern auf. In Hongkong starben mindestens 83 Menschen bei einem Großbrand, dessen Ursachen auf fahrlässige Baupraktiken hindeuten. Zudem soll ein deutscher Astronaut im Rahmen des Artemis-Programms zum Mond fliegen, während politische Unsicherheiten bestehen.

InhaltDas globale "White Tiger"-Netzwerk des Menschenhasses ist größer als angenommen. In Hongkong starben mindestens 65 Menschen bei einem Großbrand, und ein Deutscher soll zum Mond fliegen. Das ist die Lage am Donnerstagabend. Die drei Fragezeichen heute: Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Unter dem Namen "White Tiger" trat ein etwa 20‑jähriger deutsch-iranischer Mann aus Hamburg auf verschiedenen Onlineplattformen auf und soll dort Kinder und Jugendliche im Alter von ungefähr elf bis 15 Jahren manipuliert haben. Er soll auch Teil, womöglich sogar einer der Köpfe des international agierenden sadistisch-pädokriminellen Netzwerks "764" gewesen sein, das Minderjährige auf Plattformen wie Discord, Telegram oder Instagram zu Selbstverletzung und Suizid gedrängt haben soll, teilweise in Livestreams. Der 13-jährige Jay Taylor und der 25-jährige Samuel Hervey etwa töteten sich vor laufender Kamera selbst. Die Auftraggeber sollen sich daran ergötzt haben. Meine Kollegen Max Hoppenstedt und Roman Höfner recherchieren seit Langem zu diesen abscheulichen Verbrechen. Nun haben sie in einer Datenauswertung mehr als 80 neue Fälle in 22 Ländern zutage gefördert. In den vergangenen Jahren gab es weitere sechs Fälle, in denen Mitglieder der Szene Menschen in den Tod trieben. Die Szene ist nach diesen Recherchen weiterhin aktiv. Die "764"-Gruppierung ist Teil von "Com", einem globalen Netzwerk des Menschenhasses. Einer der aktuell größten "Com"-Chats hat mehr als 1600 Mitglieder. In einem Fall in Leipzig gehen Behörden nach SPIEGEL-Informationen dem Verdacht nach, dass ein "764"-Mitglied eine 13-Jährige dazu brachte, ihre jüngere Schwester zu töten. In einem Mehrfamilienhaus im Stadtteil Kleinzschocher soll das Mädchen im Oktober 2024 die Siebenjährige erstochen haben, als die Eltern nicht zu Hause waren. Wie wird eine betroffene Familie damit fertig? Wie geht man als Rechercheur mit diesen Abgründen um? "Ihre Geschichten und das Leid sind auch für uns Journalisten manchmal schwer auszuhalten", sagt Roman. Ihm sei gerade zu Beginn der Recherche 2023 mitunter schwindelig geworden, die Gedanken fingen an zu rasen. "Ein Video, das mich damals an die Grenzen des Aushaltbaren brachte, ist eines der Hauptbeweisstücke im Fall White Tiger." Es war das Video, das Jays Tod zeigt. Bei dem verheerenden Großbrand in einem Hochhauskomplex in Hongkong ist die Zahl der Todesopfer auf mindestens 83 gestiegen. Rund 70 weitere Menschen sind verletzt worden. Das Feuer brach am Mittwochnachmittag (Ortszeit) im Hochhauskomplex Wang Fuk Court aus, der aus acht Blöcken mit je mehr als 30 Stockwerken und fast 2000 Wohnungen besteht. Die Bilder der brennenden Wohnkolosse haben etwas von Armageddon. Mein Kollege Georg Fahrion, China-Korrespondent des SPIEGEL, hat sich unmittelbar nach Bekanntwerden der Katastrophe auf den Weg nach Hongkong gemacht. "24 Stunden nachdem das Feuer entdeckt worden ist, hängt hier immer noch ein stechender Rauchgeruch in der Luft", berichtet er. Am frühen Morgen nahm die Polizei drei Männer wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung fest – zwei Direktoren und einen technischen Berater eines Bauunternehmens. Sie sollen nicht zugelassene Materialien für die Gerüstnetze verwendet und die Fenster mit Polystyrolplatten versiegelt haben. Diese hochentzündlichen Stoffe sollen dazu geführt haben, dass sich die Flammen rasch ausbreiten konnten. "Man kann sich kaum vorstellen, wie da ein Mensch, der auf einem der oberen Stockwerke sich aufgehalten hat, es nach unten geschafft haben soll. Da muss man schon wahnsinnig viel Glück gehabt haben", sagt Georg im Video (hier mehr). Die Feuer sind inzwischen weitestgehend gelöscht. Die Katastrophe kommt für die örtliche Regierung wie auch für die Führung in Peking zu einem besonders schwierigen Zeitpunkt, berichtet mein Kollege Jan Petter, der erst am Sonntag von einer Reise aus Hongkong zurückkehrte. Am 7. Dezember sind im formell teils immer noch unabhängigen Hongkong Wahlen geplant. Die örtliche Verwaltung prüft bereits eine Verschiebung. Ich will Sie bei dieser Lage am Abend nicht nur mit Katastrophenmeldungen behelligen, daher hier noch eine gute Nachricht: Ein deutscher Astronaut soll im Rahmen des Artemis-Programms in einigen Jahren zum Mond fliegen, voraussichtlich zunächst nur in die Mondumlaufbahn und nicht direkt zur Oberfläche. "Der erste Europäer, der das erleben wird, wird ein Deutscher sein", sagte Raumfahrtministerin Dorothee Bär (CSU). Noch ist offen, welcher deutsche Astronaut ausgewählt wird. Im Gespräch sind Alexander Gerst und Matthias Maurer, die beide bereits Erfahrung auf der ISS gesammelt haben. Deutschland ist dank seiner wichtigen Beiträge – etwa dem in Bremen gebauten Servicemodul für das Orion-Raumschiff und Modulen für die geplante Mondstation "Gateway" – zentral am Artemis-Programm beteiligt. Auch Frankreich und Italien erhalten je einen Platz für ihre ESA-Astronauten, da diese drei Länder die größten Beitragszahler der ESA sind. Die USA planen mit Artemis 2 ab 2026 einen zehntägigen Flug mit vier US-Astronauten um den Mond, eine Mondlandung ist mit Artemis 3 ab 2027 vorgesehen. Erst ab Artemis 4, derzeit für 2028 angepeilt, könnte ein deutscher Astronaut mitfliegen, wobei Verzögerungen möglich sind. Politische Unsicherheiten bleiben, da US-Präsident Donald Trump das teure Programm theoretisch noch zugunsten einer stärkeren Fokussierung auf den Mars verändern oder kürzen könnte. Oder er braucht das Geld einfach für den Goldanstrich des neuen Ballroom am Weißen Haus? Das Media Relations Team der Deutschen Bahn ist an 365 Tagen rund um die Uhr für Journalist:innen und Medienvertreter:innen erreichbar. Soweit die Selbstauskunft des Staatskonzerns. Doch was bringt Erreichbarkeit, wenn sie zu nichts führt? Die Bahn-Pressestelle dürfte eine der größten in ganz Deutschland sein. Es gibt ein Leitungsteam, Corporate Media Manager, Sprecher für die Geschäftsfelder DB InfraGO AG, Personenbahnhöfe, Großprojekte und Konzernsicherheit. Sprecher für Politik, Finanzen, Nachhaltigkeit. Sprecher für die einzelnen Bundesländer undsoweiterundsofort. Meine Kollegin Anastasia Trenkler erlebte jüngst, wie eine Zugchefin der Deutschen Bahn sich mit einer Durchsage gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus starkmachte. In ihren Zug wurde ein Hakenkreuz geritzt und Passagiere rissen Ausländerwitze. Die Zugchefin mit Migrationsgeschichte ließ sich das nicht bieten. Anastasia wollte gern mit ihr über Zivilcourage sprechen. Die Zugchefin wollte auch. Vorausgesetzt, die Pressestelle mache mit. Doch die hat bis Jahresende "Kapazitätsprobleme". Vielleicht sind es aber auch nur Priorisierungsprobleme. Live Aid: Die Sängerin Olivia Dean, 26, hatte Ticketplattformen gerügt, weil sie exorbitante Preise für wiederverkaufte Tickets zulassen. Sie bezeichnete das als "ekelhaften Service". Nun will Ticketmaster die Preise deckeln und Fans Geld erstatten. "Livemusik sollte erschwinglich und zugänglich sein", so Dean. Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel. Lula da Silva plant Deutschlandbesuch im April: "… doch, doch, wir sind ein lebensfrohes Völkchen …" Könnten Sie die letzte Staffel von "Stranger Things" anschauen, nach "House of Cards" der zweite große Hit von Netflix. Mein Kollege Oliver Kaever findet zwar, die Serie und auch der Streamingkonzern hätten sich im Laufe der Jahre ungut aufgebläht. Die Schauspieler seien buchstäblich aus ihren Rollen herausgewachsen. Mit der Serie ende auch eine Ära: Die wilden Jahre im Streamingbusiness seien vorbei, teure Serien wie "Stranger Things" seien das neue Normal. Ob Oliver recht hat? (Hier lesen Sie seine ganze Rezension. ) Finden Sie es selbst heraus. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts