Datum01.08.2026 03:29
Quellewww.spiegel.de
TLDRDB-Chefin Evelyn Palla kritisiert "organisierte Verantwortungslosigkeit" im Konzern, da Entscheidungen zentral getroffen, aber nicht dezentral umgesetzt wurden. Sie kündigt eine neue Leistungskultur mit mehr dezentraler Verantwortung an, um Verspätungen und Umbaumaßnahmen zu beheben. Palla betont die Bedeutung der praktischen Umsetzung und räumt ein, dass schnelle Verbesserungen bei Pünktlichkeit schwierig sind und eine Sanierung des Schienennetzes Zeit benötigt. Sie lobt die Mitarbeiter, die den Betrieb aufrechterhalten.
InhaltAusfälle, Verspätungen, umgekehrte Wagenreihungen – die Deutsche Bahn verärgert regelmäßig ihre Kunden. Seit Oktober 2025 leitet die Südtirolerin Evelyn Palla das Unternehmen. In einem Zeitungsinterview redet sie Klartext. Die Chefin der Deutschen Bahn (DB), Evelyn Palla, hat eine "organisierte Verantwortungslosigkeit" im Staatskonzern beklagt. Das müsse der Vergangenheit angehören, sagte Palla der "Welt am Sonntag". Pünktlichkeit beginne mit einer "klaren und transparenten Verantwortungsallokation an der richtigen Stelle". Palla sagte der Zeitung: "Wesentliche Entscheidungen auch zu operativen Verbesserungen wurden häufig zentral in der Konzernleitung getroffen." Diejenigen in der Zentrale, die diese Entscheidungen getroffen hatten, hätten jedoch keine Verantwortung für die Umsetzung in der Fläche getragen. "Umsetzen mussten es die Kollegen draußen. Die wiederum haben gesagt: Das habe ich nicht entschieden, und das funktioniert bei mir auch nicht." In der Zentrale habe es dann geheißen, die in der Fläche hätten es nicht richtig umgesetzt. "Das war am Ende so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit. Die Managerin kritisierte auch, dass in der Vergangenheit bei mehrfachen Zielverfehlungen kaum Konsequenzen gezogen worden seien. "Man musste nur gut genug erklären, warum die Ziele nicht erreicht werden konnten. Damit kam man oft jahrelang durch." Sie interessiere sich aber nicht für die Erklärung von Problemen, sondern für die Lösung. "Wir hatten bei der Bahn noch nie ein Erkenntnisproblem, aber viel zu lange ein Umsetzungsproblem. Das hat nachweislich nicht zum Erfolg geführt." Insgesamt sei die "Leistungskultur der Vergangenheit für die Performance der Bahn nicht ausreichend", sagte die DB-Chefin der Zeitung. "Das wollen wir ändern." Seit ihrer Amtsübernahme im Oktober habe das Unternehmen Bahn "viel umgebaut, verschlankt, ein neues Führungsprinzip mit deutlich mehr dezentraler Verantwortung ausgerufen". Verändern werde sich aber erst etwas, wenn sich das Management verändere und wenn Verantwortung in den dezentralen Einheiten auch wahrgenommen und gelebt werde. Das habe viel mit einer neuen Kultur zu tun. "Und das ist der viel schwierigere Teil beim Neustart der Bahn, und der braucht Mut und Zeit." Palla betonte, dass sie mit ihrer Kritik "explizit nicht" die Zugbegleiter, Lokführer, Fahrdienstleiter, Gleisarbeiter und Disponenten meine. "Alle, die jeden Tag mit einer unbefriedigenden Situation kämpfen und viel improvisieren müssen, das sind meine Helden, die die Eisenbahn täglich am Laufen halten." Im ersten Halbjahr fuhren nur 58,7 Prozent der Fernzeuge pünktlich. "Das ist kein guter Wert. Da müssen wir auch nichts beschönigen", sagte Palla. Allerdings hätten in drei Viertel der Fälle die Verspätungen unter 15 Minuten gelegen. Schnelle Verbesserungen will die Managerin nicht versprechen. "Die Pünktlichkeit bleibt in diesem Jahr weiter schwierig, weil es im Netz einfach noch zu viele Störungen und zudem zu viele Baustellen gibt. Wer hier etwas anderes verspricht, macht den Menschen etwas vor." Am Ende hänge alles davon ab, wie schnell das Schienennetz in Ordnung gebracht werde. "Auch hier müssen wir ehrlich sein: Das wird nicht schnell gehen." 2035 feiere die Bahn ihr 200-jähriges Jubiläum – "und das soll auch das Jahr sein, in dem wir das Gröbste hinter uns haben". Evelyn Palla verspricht, die Bahn gründlich zu sanieren. Doch ihre Kritiker verlangen mehr als Organigramme und wohlklingende Power-Point-Präsentationen .