Datum31.07.2026 22:22
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie spanische Exklave Ceuta erlebte einen Massenandrang von fast 50.000 Migranten, was zu einem Ausnahmezustand führte. Tausende kehrten nach Marokko zurück. Spanien verstärkte seine Militärpräsenz und der Ministerpräsident bezeichnete den Vorfall als Angriff. Tragischerweise ertranken viele bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren. Mehrere europäische Länder, darunter Italien, reagierten mit verschärften Grenzkontrollen. Spanien mahnt zur Einhaltung europäischer Verträge und betont, dass Spanien nicht die Hauptroute irregulärer Migration in die EU ist.
InhaltDer Andrang Zehntausender Migranten hat einen Ausnahmezustand in Ceuta ausgelöst. Nun scheint sich die Lage zumindest in Zahlen zu beruhigen. Und: Ministerpräsident Sánchez mahnt zur Achtung europäischer Verträge. Die News. Die Lage in Ceuta scheint sich etwas zu entspannen: Immer mehr Menschen, die in den vergangenen Tagen die spanische Exklave in Nordafrika erreicht hatten, kehren offiziellen Angaben zufolge nach Marokko zurück. Bis zum Abend seien es bereits mehr als 48.000 gewesen, berichteten der spanische Sender RTVE und die Zeitung "El País" übereinstimmend. Die Medien beziehen sich auf Zahlen des spanischen Innenministeriums. Insgesamt sollen bis zu 60.000 Migrantinnen und Migranten aus Marokko nach Ceuta gekommen sein. Zum Vergleich: In der Stadt leben rund 80.000 Menschen, sie ist keine 20 Quadratkilometer groß. Der Andrang hatte die Exklave in einen Ausnahmezustand versetzt: Bilder zeigen junge Männer und Jugendliche, aber auch Frauen und Kinder, die auf dem Gebiet unterwegs waren. Rauch stieg über der Stadt auf. Aus Sorge vor Plünderungen blieben zahlreiche Geschäfte geschlossen. Zwei von Zehntausenden – Migranten klettern über Grenzzaun Europa Press / ddp / ABACAPRESS Überforderung in Ceuta – Aufnahmestellen ausgelastet Jorge Guerrero / AFP Marokkanerinnen am Schauplatz von Ausschreitungen Abdel Majid Bziouat / AFP Spanien hat seine Militärpräsenz verstärkt Jorge Guerrero / AFP Ein Junge schlüpft durch einen Grenzzaun Jon Nazca / REUTERS Eine Frau steht vor Stacheldraht AP / undefined Besitztümer im Meer Antonio Sempere / AP Brennender Bus an der marokkanisch-spanischen Grenze Abdel Majid Bziouat / AFP Marokkanischer Polizist feuert Tränengas ab Abdel Majid Bziouat / AFP Wie geht es weiter? Jon Nazca / REUTERS Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez sprach bei einem Besuch in Ceuta von einem "Angriff" und einer "Verletzung der territorialen Integrität" seines Landes. Erstmals seit 2021 – damals überquerten etwa 10.000 Menschen innerhalb weniger Tage die Grenze – setzt die Regierung in Madrid wieder Militär ein, um die Grenzsicherung zu unterstützen. Und obwohl Kritikerinnen und Kritiker Marokko für das Chaos mindestens mitverantwortlich machen, mied Sánchez zumindest bei seinem Besuch jeden Vorwurf gegen den afrikanischen Staat. (Hier geht es zu den Hintergründen .) Derweil werden immer mehr Leichen geborgen: Am Abend waren es bereits 57 Tote. Laut Behörden ertranken die meisten der Menschen bei dem Versuch, in die spanische Exklave zu gelangen. Warum genau die Marokkanerinnen und Marokkaner nach Ceuta wollten, dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Ein Auslöser könnte ein Urteil des Obersten Gerichtshofs in Spanien gewesen sein. (Hier erfahren Sie mehr .) Jedoch ist auch die Unzufriedenheit innerhalb der jungen Generation Marokkos groß. (Lesen Sie hier mehr dazu .) Die Ereignisse haben in Europa kurz nach der lang erstrittenen Asylreform heftige politische Debatten ausgelöst. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sprach davon, dass der robuste Schutz der Außengrenzen der EU "entscheidend für die Bekämpfung illegaler Migration" sei. Er forderte von Spanien, "die Situation in Ceuta schnellstmöglich wieder in den Griff zu bekommen". Ähnlich äußerte sich Deutschlands Außenminister Johann Wadephul (CDU), während Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) die Lage in Ceuta zum Anlass nahm, um eine Verlängerung der deutschen Grenzkontrollen anzukündigen. Auch Frankreich zog Konsequenzen: Angesichts des Andrangs in Ceuta sollen Einsatzkräfte an der Grenze zu Spanien strenger kontrollieren, wie der Élysée-Palast in Paris mitteilte. Demnach berate sich Frankreich mit den spanischen und marokkanischen Behörden zu der Lage. Macron schrieb auf der Plattform X , er habe dem spanischen Ministerpräsidenten jede notwendige Hilfe angeboten und Solidarität bekundet. Italien, das keine Landgrenze mit Spanien teilt, kündigte ebenso Schritte an: "Die Regierung hat beschlossen, das Regime der freien Bewegung gemäß Schengen in den See- und Luftverbindungen mit Spanien vorübergehend auszusetzen und die Grenzkontrollen wieder einzuführen", schrieb Italiens rechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni auf X . Konkret: Bei Reisenden mit dem Flugzeug oder Schiff sollen wieder Grenzkontrollen durchgeführt werden. Angesichts dieser und anderer Reaktionen mahnte Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez seinerseits zur Achtung europäischer Verträge: "Solidarität und Mitgefühl sind freiwillig. Die Achtung der europäischen Verträge und der Datenlage ist es nicht", schrieb Sánchez ebenso auf der Plattform X . Es sei an der Zeit, an einem starken und geeinten Europa weiterzubauen – und Europa nicht zu spalten. Sánchez verwies auf Daten der EU-Grenzschutzbehörde Frontex, denen zufolge Spanien nicht der wichtigste Zugang für irreguläre Migration in die EU ist und seit 2021 deutlich niedrigere Zahlen aufweist als etwa die Mittelmeerroute über Italien, die Westbalkanroute und die Route über Griechenland. In den vergangenen fünf Jahren gelangten demnach 478.600 irreguläre Migrantinnen und Migranten über Italien in die EU. Über Spanien reisten im Vergleich dazu 234.760 Menschen irregulär ein.