Datum31.07.2026 20:04
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Ukraine attackiert ukrainische Drohnen die Lager des russischen Onlinehändlers Wildberries. Das Unternehmen wird als "russisches Amazon" bezeichnet und dient angeblich der Versorgung des russischen Militärs. Die Ukraine will damit Russlands Wirtschaft schwächen und die Unzufriedenheit der Zivilbevölkerung steigern. Experten bezweifeln jedoch die militärische Relevanz der auf Wildberries verkauften Ausrüstung. Die Angriffe könnten auch als psychologische Kriegsführung dienen, um die Stimmung vor den Wahlen zu trüben. Die Ukraine setzt vermehrt Drohnen ein, während Russland seine Angriffe auf die Energieinfrastruktur intensiviert.
InhaltDie Ukraine attackiert Lager des Onlinehändlers Wildberries, der auch Militärausrüstung verkauft. Doch das Motiv für die Angriffe ist ein anderes. Der Wochenrückblick Am 18. Juli gerät nach Einschlägen ukrainischer Drohnen in Elektrostal, 50 Kilometer östlich von Moskau, eine Lagerhalle von 230.000 Quadratmetern Fläche in Brand. Der Brand wird vier Tage lang dauern und das zweitgrößte Lager von Wildberries, Russlands größter Online-Versandplattform, zerstören. Es ist der Beginn einer neuen koordinierten Angriffskampagne der Ukraine. Ähnliche Angriffe gab es schon auf Treibstofftransporte in der besetzten Südukraine und auf russische Frachter im Asowschen Meer. Diese Kampagne hat ein Ziel: Wildberries-Lagerhallen in ganz Westrussland. Seitdem haben ukrainische Drohnen zehn Lagerhallen zerstört und fünf weitere beschädigt. Mit mehr als einer Million Quadratmetern Gesamtfläche ist etwa ein Fünftel der Lagerkapazitäten des "russischen Amazon", wie Wildberries oft genannt wird, vernichtet. Die Sachschäden belaufen sich auf mehr als zwei Milliarden Euro. Schäden in vergleichbarem Ausmaß hat die Ukraine bisher entweder nur dem russischen Militär zugefügt – oder den staatlichen Energiekonzernen, deren Erträge dieses Militär mitfinanzieren. Die Ukraine sieht in dem Konzern ein legitimes Kriegsziel. Die Begründung: Über die Logistikzentren werde das russische Militär unter anderem mit Navigationssystemen und Drohnenkomponenten versorgt, teilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nach dem ersten Angriff mit, ohne das attackierte Unternehmen beim Namen zu nennen. Wildberries sei eine "lebensnotwendige" Komponente der russischen Militärlogistik, sagte Analyst Serhij Kusan vom ukrainischen Thinktank USCC dem Sender BBC. Russische Soldaten oder Freiwillige, die dem Militär mit Sachspenden helfen, könnten dort Ausrüstung kaufen. Und tatsächlich: Mit wenigen Klicks lassen sich auf der Plattform kugelsichere Westen, Militärhelme, FPV-Drohnen finden – oder auch Spezialausrüstung wie kilometerlange, aufgerollte Glasfaserkabel, mit denen Drohnen vor gegnerischen Störsignalen geschützt werden können. Russischen Medienberichten zufolge entfernte Wildberries nach Beginn der Angriffe die Kategorie "Alles für die SMO" von seiner Website. Mit "SMO" ist "Spezielle Militär-Operation" gemeint, wie der Krieg in Russland genannt wird. Die darunter laufenden Waren werden jedoch weiterhin verkauft. Wie wichtig sie für die Versorgung der russischen Truppen sind, ist jedoch eine andere Frage. Der exilrussische Militärexperte Ruslan Lewijew zweifelt die Angaben aus Kyjiw an. So beschwerten sich russische Militärblogger seit Monaten über immer weniger Sachspenden aus der Bevölkerung, auch Soldaten hätten über weniger Hilfe bei der Selbstversorgung geklagt. Für die Front habe dies keinen Effekt gehabt. Die militärische Ausrüstung, die auf Wildberries gekauft werden kann, fülle lediglich eine kleine Nische. In den Augen Lewijews heißt das: Die ukrainischen Attacken auf Wildberries seien genauso illegitim wie frühere, ebenfalls systematische Angriffe Russlands auf Filialen der ukrainischen Post. Auch die seien seinerzeit mit der angeblichen Rolle der Post bei der Versorgung der ukrainischen Truppen begründet worden. Dennoch betrachte er die russischen Attacken als Kriegsverbrechen – und die ukrainischen dementsprechend auch. Ohnehin dürfte der Verkauf von militärisch nutzbaren Gütern über Wildberries nur eine nachrangige Rolle für die ukrainischen Angriffe spielen. Das Unternehmen ist ein Flaggschiff der russischen Wirtschaft. Geführt wird es von Gründerin Tatjana Kim, mit einem Vermögen von sieben Milliarden Euro Russlands reichste Frau. Die Hälfte des russischen E-Commerce-Sektors entfällt auf die Firma, die im vergangenen Jahr einen Umsatz von fast 70 Milliarden Euro generierte, zwei Drittel mehr als 2024. Wildberries hat nach eigenen Angaben 79 Millionen Kunden und bietet eine Plattform für Hunderttausende Verkäufer im ganzen Land. Der Anteil von Wildberries am gesamten russischen Einzelhandel wird auf bis zu 13 Prozent geschätzt. Die Verkäufer wiederum luden in den vergangenen Wochen vielfach Videos ins Netz, in denen sie verzweifelt über ihre Verluste klagen. Zwar hat das Unternehmen inzwischen Entschädigungen angekündigt, die jedoch nur einen Bruchteil der Verluste decken. Die Regierung will offiziell nichts von Hilfsmaßnahmen wissen – wobei laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters Vorbereitungen für ein Hilfsprogramm laufen sollen. Der Staat nimmt die Angriffe ernst. Und auch Vertreter der Ukraine verbergen nicht, dass sie vor allem Russlands Wirtschaft schaden wollen. Breche Wildberries finanziell ein, würde dies auch Russlands Bankensektor schwer treffen, sagte zuletzt etwa Denys Shtilerman, der Chefentwickler des größten ukrainischen Drohnenherstellers Fire Point. Grund dafür seien die Milliardenkredite, die das Unternehmen bei seinem Wachstum aufnahm, sowie die Rolle der zweitgrößten staatlichen Bank VTB. Diese hatte jüngst eine strategische Partnerschaft mit Wildberries angekündigt. Durch einen Einstieg bei dem Unternehmen will sich VTB Zugang zur Kundenbasis des Konzerns erkaufen, an welche die firmeneigene Wildberries Bank Kleinkredite vergibt. Wie es um die Eigentumsverhältnisse bei Wildberries steht, ist derweil schwierig einzuschätzen. Spätestens seit September 2024 kommt es immer wieder zu Spekulationen, die Firma wecke Interessen bis in die Spitze des russischen Regimes. Damals kam es zu einem Streit zwischen der Gründerin Kim und ihrem damaligen Ehemann Wladislaw Bakaltschuk über eine geplante Fusion. Der Streit eskalierte: Mithilfe 30 Bewaffneter verschaffte sich Bakaltschuk Zugang zum Sitz von Wildberries, es fielen Schüsse, zwei Sicherheitsbeamte wurden getötet. Unterstützung erhielt Bakaltschuk dabei von Ramsan Kadyrow, dem autoritären Machthaber Tschetscheniens und engen Weggefährten von Staatschef Wladimir Putin. Um Vertraute Putins finanziell zu treffen, braucht die Ukraine keine Angriffe auf Lagerhallen – schließlich geschieht dies schon seit Jahren mit den Attacken auf die Anlagen der russischen Rohstoffkonzerne, die von Putin-nahen Geschäftsleuten gesteuert werden. Wahrscheinlicher ist daher eine Art Gießkannentaktik: Ebenso wie durch die von den Angriffen auf den russischen Ölsektor provozierte Treibstoffkrise in Russland soll auch so das Leben der Zivilisten immer mehr vom Krieg betroffen werden. Ein strauchelndes Vorzeigeunternehmen, Hunderttausende finanziell bedrohte Kleinverkäufer und Millionen betroffene Kunden sollen den Grad an Unzufriedenheit mit dem Regime weiter steigern. Das geschieht nicht im luftleeren Raum. Wenige Wochen vor der Parlamentswahl im September sind die Umfragewerte Putins auf einem Tiefpunkt. Repressive Maßnahmen wie die Sperre von Messengerdiensten und Abschaltungen des Mobilfunks tragen ebenfalls nicht zum gesellschaftlichen Frieden bei. Mit bislang unbelegten Gerüchten über eine nahende Mobilmachung unmittelbar nach der Wahl, die von der Ukraine aktiv angeheizt werden, wird die Stimmung in Russland weiter getrübt. Ob das fruchten wird, zweifeln Experten wie der Militäranalyst Lewijew an. Die Angriffe Russlands auf das ukrainische Stromnetz hätten ebenfalls das Ziel gehabt, die ukrainische Gesellschaft zu destabilisieren und den Druck auf die Führung in Kyjiw zu erhöhen – vier Winter nacheinander ohne Erfolg. Ebenso werde es sich jetzt in Russland verhalten. Der Preis wiederum könne hoch sein, warnt Lewijew. Nicht ohne Grund: So haben russische Angriffe auf Frachter im Schwarzen Meer, mutmaßlich eine Antwort auf die ukrainischen Attacken gegen die Versorgung der Krim, den ukrainischen Getreideexport in den vergangenen Wochen nahezu lahmgelegt. Energienetze, Tankstellen, zivile Frachter, Postfilialen, Lagerhallen – die Liste möglicher Ziele für die schleichende Ausweitung der Kampfzone auf den mindestens halb zivilen Sektor beider Länder ist nahezu endlos. Nicht endlos, aber im Wachstum begriffen sind die Möglichkeiten der Ukraine, den Krieg auch auf russisches Gebiet zu verlagern. Stand Mitte Juni hat die Ukraine nach einer Zählung unabhängiger russischer Medien seit Jahresbeginn mindestens 37.756 Drohnen gegen Ziele in Russland eingesetzt. Es sind mehr als in den Jahren 2023, 2024 und 2025 zusammengenommen. In diesem Juli hat Russland die Ukraine neben Tausenden Drohnen und zahlreichen Marschflugkörpern auch mit 128 ballistischen Raketen attackiert. Nur ein Bruchteil davon konnte abgeschossen werden. Der Grund: Ballistische Raketen kann die Ukraine nur mit Patriot-Abwehrsystemen zuverlässig abwehren. Doch deren Bestände sind knapp. Weltweit werden jährlich weniger als 800 Abfangraketen für die Systeme produziert, bislang nur in den USA. US-Präsident Donald Trump sagte dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj zuletzt zu, Lizenzen freizugeben, damit die Raketen künftig auch in der Ukraine produziert werden können. Nach einem Treffen mit Selenskyj im Weißen Haus schien Trump an den Plänen festhalten zu wollen – doch ließ wenige Tage später überraschend Zweifel an der eigenen Zusage erkennen. So sagte der US-Präsident der Financial Times, er sei noch "nicht sicher", ob er zu diesem Schritt bereit wäre: Bei der Produktion von Abfangraketen in der Ukraine handelt es sich ohnehin um ein langfristiges Projekt, dessen Umsetzung Jahre dauern könnte. Die Ukraine blickt derzeit jedoch dem Herbst und Winter entgegen, in denen Russland seine Angriffe auf das Stromnetz des Landes erneut ausweiten dürfte. Selenskyj bat Trump daher nach eigenen Angaben um 300 Abfangraketen für den Winter – und verdeutlichte die Dringlichkeit seiner Anfrage: Drohnen: Rumänische Kampfjets haben am vergangenen Wochenende an drei Tagen hintereinander russische Drohnen im Luftraum des EU- und Nato-Landes abgeschossen. Nato-Ostgrenze: In Polen ist während russischer Luftangriffe auf die Westukraine ein Flugobjekt abgestürzt. Die polnische Regierung bestätigte Angaben aus Kyjiw, wonach es sich um einen russischen Marschflugkörper handelt. Regierungschef Donald Tusk geht nicht von einem absichtlichen Angriff aus. Unklar ist bislang, warum der Marschflugkörper fast 90 Kilometer weit hinter die ukrainisch-russische Grenze geflogen ist. Asyl: Die EU hat Einschränkungen bei der Aufnahme wehrfähiger Männer aus der Ukraine angekündigt. Dabei werden die vereinfachten Aufnahmeregeln für Flüchtlinge aus der Ukraine für Männer zwischen 23 und 60 Jahren aufgehoben. Sie müssen künftig individuelle Asylanträge stellen. Männer, die bereits einen Schutzstatus haben, verlieren ihn dabei nicht. Die Regierung in Kyjiw hatte die EU zu den Verschärfungen aufgefordert. Die vergangene Folge des Wochenrückblicks finden Sie hier. Verfolgen Sie alle aktuellen Entwicklungen im russischen Krieg gegen die Ukraine in unserem Liveblog.