AfD und linke Parteien: Sie kämpfen mit den falschen Waffen gegen die AfD

Datum31.07.2026 17:16

Quellewww.zeit.de

TLDRLinke Parteien bekämpfen die AfD mit falschen Argumenten. Sie glauben, Wähler durch bessere Sozialpolitik zurückzugewinnen. Aktuelle Daten zeigen jedoch, dass die Ablehnung von Zuwanderung der Hauptgrund für die AfD-Unterstützung ist, nicht wirtschaftliche Sorgen. Diese Erkenntnis wird durch die Moral-Foundations-Theorie erklärt, nach der linke Moral auf Fürsorge und Fairness basiert, während rechte Moral zusätzlich Loyalität, Autorität und Reinheit umfasst.

InhaltLinke Politiker wollen gegen rechte Parteien mit günstigeren Mieten und höheren Löhnen gewinnen. Doch Befragungen zeigen: Das wird nicht gelingen. Martin Schröder ist Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Europa an der Universität des Saarlandes. Die AfD ist nun laut aktuellen Meinungsumfragen die stärkste Partei Deutschlands. Wie konnte eine Kraft derart populär werden, ohne auf reale Probleme wie wirtschaftliche Stagnation oder überbordende Bürokratie überzeugende Antworten zu haben? Viele linke Politiker und auch Wissenschaftler beantworten diese Frage mit der Geschichte von den Modernisierungsverlierern. So meinte die SPD auf ihrem Parteitag 2025, "von sozialer Verunsicherung betroffene Gruppen" hätten sich von ihr abgewandt. Aufgrund dieser Diagnose möchte ihr Fraktionsvorsitzender Matthias Miersch "AfD‑Sympathisierende mit guter, alltagsnaher Politik" zurückgewinnen, beispielsweise durch eine "Verlängerung der Mietpreisbremse". Die damalige Sprecherin der Grünen Jugend, Katharina Stolla, erklärte die Verluste ihrer Partei nach der letzten Europawahl ähnlich, mit dem Argument: "Der soziale Ausgleich ist viel zu oft hinten runtergefallen." Und Heidi Reichinnek, die Linken-Fraktionsvorsitzende, stimmte unlängst ein, gegen die AfD helfe "eine gute Sozialpolitik". Die Argumentation ist immer die gleiche: Die Wähler der AfD kann man zurückgewinnen, wenn man nur etwas fürsorglicher mit ihnen umgeht, sodass sie sich endlich wieder fair behandelt fühlen. Allerdings zeigt unsere aktuelle Analyse von über 100.000 Beobachtungen aus dem Sozio-oekonomischen Panel: Diese Vermutung ist grundfalsch. Unter den vielen Gründen für AfD-Unterstützung, die sich mit den detaillierten Befragungsdaten erfassen lassen, sticht nämlich einer hervor: Die Ablehnung von Zuwanderung erklärt die Wahl der AfD fast zehnmal stärker als ökonomische Not oder auch nur die Angst davor. Wer also wegen der Zuwanderung nach Deutschland besorgt ist, hat eine etwa zehnfach erhöhte Chance, die AfD gut zu finden, unabhängig davon, wie zufrieden, reich, gebildet oder zuversichtlich diese Person ist. Beobachtet man dieselbe Person über einen längeren Zeitraum, zeigt sich ebenso: Wachsen die Sorgen einer Person wegen der Zuwanderung, nimmt auch deren Sympathie für die AfD stark zu. Wird dieselbe Person hingegen ärmer oder befürchtet solch einen Abstieg zunehmend, ändert sich kaum etwas an ihrer Sympathie für die AfD. Diese Daten aus der größten Befragung der deutschen Bevölkerung zeigen somit, dass ökonomische Nöte oder Zukunftsängste – anders als viele Politiker und Kommentatoren in den Medien vermuten – allenfalls ein schwacher Grund für den Erfolg der AfD sind. Da wir die Daten für jedes Jahr getrennt auswerten können, wissen wir auch, dass in jedem Jahr seit Bestehen der AfD Sorge vor Zuwanderung die Zustimmung zur AfD stärker voraussagt als wirtschaftliche Not oder Sorge vor wirtschaftlichem Abstieg. Warum hält sich die Erzählung von den abgehängten Modernisierungsverlierern dann trotzdem so beharrlich – nicht nur bei Politikern, sondern auch unter Wissenschaftlern und Journalisten? Eine Erklärung liefert die Moral-Foundations-Theorie. Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt entwickelte sie durch Experimente, die zeigten, wie moralische Urteile spontan und unterbewusst entstehen. Genau genommen erklären fünf bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich stark vorhandene Emotionen, was wir für moralisch halten. Dagegen schieben wir überlegte moralische Abwägungen erst im Nachhinein hinterher, um längst gefällte Entscheidungen vor uns und anderen zu rechtfertigen. Dabei zeigen sich auch systematisch Unterschiede zwischen Menschen mit linker und rechter politischer Verortung. Die moralischen Urteile Linker speisen sich vor allem aus Fürsorge- und Fairnessgefühlen. Solche Menschen, deren Moral auf Fürsorge beruht, empfinden beispielsweise spontan tiefes Mitleid, wenn sie Kinder in Kriegsgebieten sehen. Und insofern ihre Moral auch auf Fairnessgefühlen beruht, zeigen sie ebenso eine unvermittelte emotionale Reaktion, wenn sie mit der Chancenlosigkeit derer konfrontiert sind, die zufällig im falschen Land geboren wurden. Viele Menschen reagieren also besonders empört, wenn sie das Gefühl haben, dass Menschen vernachlässigt oder unfair behandelt werden. Rechte haben diese Empfindungen zwar auch, doch Meta-Analysen über Länder und Kulturen hinweg haben gezeigt, dass sich ihre Moral neben Fürsorge- und Fairnessgefühlen zusätzlich stark aus drei weiteren Empfindungen speist: Loyalitäts- und Autoritätsgefühlen sowie solchen zu "Sanctity", was sich als Reinheit oder Heiligkeit übersetzen ließe. Gemeint ist damit die moralische Empfindung, dass bestimmte Menschen, Dinge, Praktiken oder Symbole als besonders würdig und unantastbar gelten, während andere als beschmutzend, entwürdigend oder tabu empfunden werden. Diese – neben Fürsorge und Fairness stehenden – Empfindungen von Loyalität, Autorität und Reinheit bestimmen das Fühlen und damit schlussendlich das Denken Rechter, was zu einer anderen Bewertung der Welt führt. Wer die Welt nur unter dem moralischen Blickwinkel von Fürsorge und Fairness beurteilt, muss zu dem Schluss kommen, dass eine restriktive Migrationspolitik unfair gegenüber all jenen ist, die Fürsorge benötigen. Wessen Moralvorstellungen sich jedoch zusätzlich aus Loyalitäts-, Autoritäts- und Reinheitsgefühlen speisen, der sieht in Zuwanderung auch eine Bedrohung für gesellschaftlichen Zusammenhalt, etablierte Institutionen und ihm heilige kulturelle Regeln.