»Die Odyssee«: Kritik am Kinohit? Völlig unangemessen, findet Joyce Carol Oates

Datum31.07.2026 15:13

Quellewww.spiegel.de

TLDRJoyce Carol Oates kritisiert die scharfzüngige Rezension von Emily Wilsons Film "Odyssee" in der "London Review of Books". Oates wirft der Altphilologin eine unangemessen herablassende und "vulgäre" Sprache vor, ähnlich der MAGA-Bewegung. Kritik an Nolans Film, der als anspruchsvolles Epos beworben wird, kommt auch von anderen Seiten, z.B. bezüglich der Besetzung und historischen Genauigkeit. Der Artikel beleuchtet die politische Aufladung kultureller Debatten.

InhaltUm den Blockbuster tobt ein Kulturkampf: Der furioseste Verriss von "Odyssee" stammt von einer Altphilologin. Darüber regt sich nun die Schriftstellerin Joyce Carol Oates auf – und stellt die Kritikerin in die MAGA-Ecke. Lange schon wurde nicht mehr so leidenschaftlich und so breitenwirksam über einen Film gestritten wie über "Odyssee". Den vollmundigsten Verriss lieferte aber nicht etwa eine Filmkritikerin, sondern eine Altphilogin. "Ich würde mich dafür schämen, wenn ich davon auch nur einen kleinen Teil geschrieben hätte." Das Urteil von Emily Wilson könnte nicht harscher sein. In einer Besprechung für die "London Review of Books"  zerlegt die britischen Wissenschaftlerin und Übersetzerin Christopher Nolans 250-Millonen-Dollar-Epos so lustvoll wie vernichtend. Der Film entbehre jeglicher "psychologischer, emotionaler, politischer und ethischer Tiefe". Zudem fände Nolan keine überzeugende Erzählung zu den Themen Zeit, Erinnerung und Geschichte. Wilsons zum Teil polemisch überspitzte Aburteilung hat Gewicht. Schließlich lieferte sie 2017 mit ihrer Übersetzung nicht nur eine gefeierte, moderne Version der "Odyssee" – Nolan berief sich bei der Entwicklung seines Filmstoffs auch immer wieder begeistert auf diese Übersetzung und Deutung . Gut möglich, dass der Regisseur schwer geknickt ist über die Watsche aus berufenem Munde. Trost für den gedemütigten Nolan versucht nun eine Frau zu spenden, die wie Wilson ebenfalls vom geschriebenen Wort kommt: Auf X wirft die US-amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates der britischen Altphilologin vor, dass sie ihre Meinung mit einer unangemessen herablassenden Haltung vortrage. Statt dass Emily Wilson ihren Widerspruch in einer kollegialen Art formuliere, spreche sie "die vulgäre Sprache der MAGA-Leute" . Längst tobt eine Deutungsschlacht um den starbesetzten Blockbuster . Rechten ist die Besetzung mit Schwarzen oder trans Personen zu "woke", Linke hätten sich eine feministischere Lesart der Vorlage gewünscht. Althistoriker vermissen eine akkurate Darstellung von Helmen und Schiffen der Bronzezeit. In diesen Tumult fällt jetzt eben auch Joyce Carol Oates ein. Dadurch, dass sie die eigentlich werkimmanente "Odyssee"-Kritik von Wilson in die Nähe von Donald Trumps Make-America-Great-Again-Bewegung rückt, verleiht sie dem Diskurs unter Frauen des Wortes eine kulturkämpferische Dimension. Die hatte auch schon Elon Musk aufgegriffen. Der fühlte sich persönlich davon angegriffen, dass Nolan die Rolle der Helena von Troja mit der schwarzen Schauspielerin Lupita Nyong'o besetzt hatte. Der Techunternehmer kündigte in seinem Furor denn auch gleich an, eine "historisch korrekte" Version des Verswerks mithilfe seiner eigenen KI zu erstellen. Ob Joyce Carol Oates, die impulsiv und viel twittert, Emily Wilson für ihr vollmundiges Verdikt bewusst in die MAGA-Ecke stellt? Auf jeden Fall zeigt der Vorgang, dass selbst die Auseinandersetzung mit klassischem Popcorn-Kino in nervösen Zeiten wie diesen schnell zu einer brisanten politischen Eskalation führen kann.