Datum31.07.2026 13:20
Quellewww.spiegel.de
TLDRForscher identifizierten im menschlichen Genom Spuren zweier unbekannter, ausgestorbener Vorfahrenlinien. Diese "Geistervorfahren" vermischten sich mit Homo Sapiens vor mindestens 50.000 Jahren. Eine Linie spaltete sich vor 800.000 Jahren ab und hinterließ etwa ein Prozent des heutigen Genoms. Eine noch ältere, "super-archaische" Linie trug ebenfalls zur genetischen Vielfalt bei. Diese Funde deuten auf eine komplexere, verflochtenere menschliche Evolutionsgeschichte hin als bisher angenommen, mit weitreichenden Vermischungen zwischen Populationen.
InhaltNicht einmal der kleinste Knochen ist von ihnen bekannt, aber es muss sie wohl gegeben haben: Forscher haben im menschlichen Genom Hinweise auf zwei bisher unbekannte, ausgestorbene Menschenlinien gefunden. Der Geschlechtsverkehr ist schon lange her, mindestens 50.000 Jahre um genau zu sein, und doch hat er offenbar bis heute Spuren im menschlichen Erbgut hinterlassen: Ein Forschungsteam der renommierten University of California in Berkeley hat DNA-Abschnitte identifiziert, die heute lebende Menschen von zwei bisher unbekannten Vorfahren geerbt haben. Die Wissenschaftler sprechen von "Geistervorfahren", weil so wenig über sie bekannt ist. Der moderne Mensch, Homo sapiens, ist die einzige heute noch lebende Menschenart. Doch in den vergangenen Jahrtausenden bevölkerten den Planeten weitere urzeitliche Homininen, die mittlerweile ausgestorben sind. Schon vorherige Studien haben gezeigt, dass sich moderne Menschen mit ihnen eingelassen und Kinder gezeugt haben, etwa mit Neandertalern und sogenannten Denisova-Menschen – benannt nach einer Höhle in Sibirien, wo Knochenfragmente der Urmenschen gefunden wurden. Bis heute finden sich Spuren von ihnen in unserem Genom. Auch der Verdacht, dass noch mehr Vorfahren im Spiel waren, ist nicht neu. Die aktuelle Studie im Fachblatt "Science" lokalisiert laut den Wissenschaftlern konkret die Bereiche im Genom, die von den "Geistervorfahren" stammen, und rekonstruiert die zeitliche Abfolge. Möglich machte dies eine neue Technik, die das Forschungsteam entwickelt hat: Sie nutzten nicht nur das Genom eines einzelnen heute lebenden Menschen, sondern legten Hunderte Genome praktisch übereinander, um die Genabschnitte zu finden, die wahrscheinlich von uralten Vorfahren stammen. Einer dieser unbekannten Urahnen vermischte sich laut dem Forschungsteam vor mehr als 50.000 Jahren mit modernen Menschen, wahrscheinlich in Afrika – vor der jüngsten Auswanderungswelle des Homo sapiens nach Europa und Asien. Diese Gene machen laut dem Forschungsteam etwa ein Prozent des Erbguts heute lebender Menschen aus. Der Anteil ist in etwa mit dem des Neandertalers zu vergleichen. Wahrscheinlich hatte sich diese Linie von dem modernen Menschen bereits vor etwa 800.000 Jahren abgespalten. "Frühere Studien deuteten darauf hin, dass es ›Geistervorfahren‹ geben könnte – also unbekannte archaische Linien", sagte Berkeley-Doktorandin Yulin Zhang. Unklar sei jedoch gewesen, wann genau diese Vermischung stattgefunden hat und ob sie womöglich nur bei Menschen aus Afrika vorkommt. "Wir konnten zeigen, dass diese Geister-Abstammung in allen modernen Menschen vorkommt – nicht nur bei Menschen aus Afrika." Der andere rätselhafte Ahn ist sogar noch älter, das Forschungsteam spricht von einem "super-archaischen" Vorfahren. Er stammt den Analysen nach aus einer etwa 1,8 Millionen Jahre alten Menschenlinie, die sich in Eurasien mit Denisova-Menschen vermischte. Diese gaben einen Teil dieser super-archaischen DNA an moderne Menschen weiter. Die Ergebnisse zeigen laut dem Forschungsteam, dass die Vermischung menschlicher Populationen weitverbreitet war. "Wir stellen uns die menschliche Evolution oft als einen verzweigten Baum vor", sagte Priya Moorjani, Professorin für Molekular- und Zellbiologie in Berkeley. "Aber die neuen Genomdaten und Analysemethoden zeigen eine viel stärker verflochtene Geschichte – ein komplexes Netzwerk von Populationen, die durch wiederholte Episoden von Migration und Vermischung verbunden sind." Was große Steingräber über Sex in der Steinzeit verraten, lesen Sie hier.