Linke Spitzenkandidatin: Modell Mamdani: Kann New York Blaupause für Berlin sein?

Datum31.07.2026 04:30

Quellewww.zeit.de

TLDRDie linke Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp sieht im Wahlsieg Zohran Mamdanis in New York eine Blaupause für Berlin. Beide Städte kämpfen mit bezahlbarem Wohnraum und hohen Lebenshaltungskosten. Eralp und Mamdani teilen Einwandererhintergründe und setzen auf bürgernahe Themen sowie moderne Wahlkampfmethoden. Während Mamdani bereits Mietpreise einfror und kostenlose Kinderbetreuung fördert, steht Eralp vor komplexeren politischen Hürden in Berlin.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Linke Spitzenkandidatin“. Lesen Sie jetzt „Modell Mamdani: Kann New York Blaupause für Berlin sein?“. Als Zohran Mamdani im November die Wahl zum New Yorker Bürgermeister gewann, wurde die Metropole ein weiteres Mal zum Sehnsuchtsort. Nicht wegen Broadway, Wolkenkratzern und American Dream - sondern wegen eines erfolgreichen Wahlkampfes mit ambitionierten sozialpolitischen Versprechen. "Wenn ein Linker in New York gewinnen kann, dann genauso gut in Berlin", kommentierte die Spitzenkandidatin der Linken in der deutschen Hauptstadt, Elif Eralp, das Ergebnis. New York, eine der teuersten Städte der Welt, soll Vorbild für Berlin sein? Wohnungsnot, steigende Mieten und Lebenshaltungskosten - beide Städte ächzen unter ähnlichen Problemen, wenn auch in einem unterschiedlichen Ausmaß. Mamdani warb für "Eine Stadt, die du dir leisten kannst", die Linke will "Berlin bezahlbar machen", sollte sie ins Rote Rathaus einziehen. Laut den jüngsten Umfragen zur Abgeordnetenhauswahl am 20. September in der Hauptstadt liegt die Partei auf den vorderen Plätzen. Die Chancen auf eine Mehrheit für ein Bündnis mit Grünen und SPD sind durchaus realistisch.  Für Annika Hinze, Professorin für Politikwissenschaften am City College in New York und gebürtige Berlinerin, liegt die Gemeinsamkeit weniger in der Realität der Städte: "Eralp hat sich nicht die Stadt als Vorbild genommen, sondern wirklich den Politiker Mamdani, der gesagt hat: Wir müssen da was tun. Es kann sich keiner mehr leisten, in New York zu leben." Eralp, stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, stand bis zu ihrer Kandidatur für das landespolitische Spitzenamt eher in der zweiten Reihe. Auch Mamdani war weitgehend unbekannt, bis er mit seinem Wahlkampf Aufmerksamkeit erlangte. Beide stammen aus Einwandererfamilien. Eralps Eltern flohen als Sozialisten und Gewerkschafter aus der Türkei, Mamdanis Eltern - die Mutter Filmemacherin, der Vater Professor - kamen auf beruflichen Wegen in die USA. Mamdani ist der erste muslimische Bürgermeister von New York City. Eralp wäre die erste Person mit türkischem Migrationshintergrund in dem Amt in Berlin. Mamdani ging mit konkreten Versprechen in den Wahlkampf, die für die als Inbegriff des Kapitalismus geltende Metropole überraschend waren: bezahlbarer Wohnraum, kostenlose Kinderbetreuung, gebührenfreie Busse und städtische Lebensmittelläden, finanziert durch höhere Steuern für Reiche und Unternehmen. Das Erfolgsrezept lag nicht nur im Programm. Mamdani setzte auf den Haustür-Wahlkampf. Er präsentierte sich als Politiker der Social-Media-Generation mit Memes, kurzen Videos und authentisch wirkenden Einblicken in den Wahlkampf. Als ehemaliger Rapper (Mr. Cardamom) schien er zudem einen natürlichen Zugang zur Musik- und Kulturszene zu haben. Eralp nutzt die Plattformen ebenfalls. Die Videos wirken allerdings häufig klassischer. Der in Uganda geborene Demokrat konnte auf die Unterstützung gut ausgebildeter Großstädter, New Yorker mit Einwanderungsgeschichte und Gewerkschaften zählen. Mit seiner drastischen Israel-Kritik stieß er in Teilen der vielfältigen jüdischen Bevölkerung auf Ablehnung. Mamdani zählt zu den prominentesten propalästinensischen Politikern. Er wirft Israel vor, die Rechte der Palästinenser systematisch zu verletzen, spricht von Apartheid und bezeichnet das Vorgehen im Gazastreifen als "Genozid". Den Angriff der islamistischen Hamas vom 7. Oktober 2023 verurteilte er als "entsetzliches Kriegsverbrechen". Im Wahlkampf hatte der Demokrat angekündigt, Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu auf Basis des Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs festnehmen lassen zu wollen. Kürzlich gestand er ein, als Bürgermeister nicht über die nötige Kompetenz zu verfügen. Eralp steht für eine gemäßigtere Position und tritt oft vermittelnd bei dem Thema auf.  Das Versprechen, Mietpreise von bereits regulierten Wohnungen einzufrieren, konnte Mamdani im Juni zur Überraschung vieler einlösen. Ein städtisches Komitee legt normalerweise fest, um wie viel Prozent die Miete dort erhöht werden darf. Für die kommenden zwei Jahre soll es Nullrunden in den rund eine Million betroffenen Wohnungen geben. Die Bindung gilt in der Regel für Gebäude mit mindestens sechs Wohnungen, die vor 1974 gebaut wurden.  Die Entscheidung fällte ein Gremium, das größtenteils Mamdani untersteht. Um in eine der heiß begehrten Wohnungen zu ziehen, muss man keine gesonderten Voraussetzungen erfüllen. Eine Einzimmerwohnung in New York City kostet laut der Immobilienplattform Zillow derzeit im Schnitt 3.750 Dollar. Die Linke in Berlin spricht sich für die Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen aus und für einen Mietendeckel, für den allerdings der Bund den Weg freimachen müsste. "Es sind beides ganz andere Städte und ganz andere politische Landschaften", sagt Annika Hinze. "Wo ich die Parallelen sehe, ist: Es sind bürgernahe Themen, über die beide sprechen." Punkten konnte der linke Demokrat bei der Kinderbetreuung. Die kostet Familien meist rund 20.000 Dollar im Jahr. Gemeinsam mit der Gouverneurin von New York, Kathy Hochul, bringt er ein kostenloses Angebot für Zweijährige sowie den Ausbau bestehender Programme ab drei Jahren auf den Weg. Sein Ziel, Betreuung ab sechs Wochen anzubieten, steht noch aus. Bei der Reichensteuer stößt der linke Demokrat auf Grenzen: Für seine Steuerpläne braucht er das Parlament des Bundesstaates sowie die Gouverneurin, die das bisher ablehnt. Man einigte sich auf alternative Einnahmequellen, darunter eine neue Steuer auf Luxus-Zweitwohnungen sowie verschobene Pensionszahlungen. Vor wenigen Tagen kündigte Mamdani an, fünf städtische Läden bis 2029 eröffnen zu wollen - den ersten im Jahr 2027. Auf Obst, Gemüse, Fleisch und wichtige Grundnahrungsmittel etwa soll es dort 30 Prozent Rabatt geben. Weil das New Yorker Bürgermeisteramt dem Präsidialsystem folge, sei Mamdani weitaus freier als ein Regierender Bürgermeister oder eine Regierende Bürgermeisterin in Berlin, sagte Hinze. "Wenn es in Berlin wirklich eine linke Bürgermeisterin gibt, würde ein Koalitionsvertrag auch zu gemäßigteren Positionen führen müssen, zwangsläufig. Solche Hindernisse hat Mamdani nicht." Zugleich dämpft sie die Erwartungen an den Shootingstar, der sich als demokratischen Sozialisten bezeichnet: "Er wird New York nicht zu einer total sozialistischen, erschwinglichen Stadt machen. Ich denke, es geht in dieser Hinsicht wirklich mehr um die Rhetorik." © dpa-infocom, dpa:260731-930-463989/1