Datum30.07.2026 17:59
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Anschlag auf dem Berliner CSD führt zur Absage einer Technoparade. Die Sicherheitslage und Angstgefühle sind Gründe. Der Iran-Konflikt droht zu eskalieren, Saudi-Arabien und der Irak sind nun involviert. Gleichzeitig sorgen extreme Hitzeperioden, insbesondere in China und Warnungen des Deutschen Wetterdienstes in Deutschland, für Besorgnis. Es wird auch über die Verfilmung von Homers "Odyssee" berichtet.
InhaltNach dem Anschlag auf den CSD wird eine weitere Parade der Toleranz abgesagt. Der Irankrieg droht zum Flächenbrand zu werden. Und: Schon wieder diese Hitze – diesmal aus Sicht eines Bademeisters. Das ist die Lage am Donnerstagabend. Die drei Fragezeichen heute: Ende Juli und Anfang August geht die Lage am Abend auf Weltreise: SPIEGEL-Korrespondentinnen und -Reporter berichten aus den Metropolen und entlegenen Ecken Asiens, Afrikas, Amerikas und Europas. Und natürlich bekommen Sie hier auch weiterhin Ihr Nachrichten-Briefing: News, Meinung, Stories – alles, was am Tag wirklich wichtig ist. Der "Zug der Liebe" in Berlin ist eine Technoparade, die für einen angstfreien, unbeschwerten Protest stehen soll. Doch das scheint nach dem schlimmen Anschlag auf dem CSD vom vergangenen Wochenende unmöglich. Ein islamistischer Attentäter war am Berliner Tiergarten mit einem Van in eine Besuchergruppe gefahren. Der "Zug der Liebe" hätte Ende August stattfinden sollen. Nun sagten die Veranstalter die Parade ab. Die Sicherheitsauflagen seien zu hoch, logistische und bürokratische Hürden gebe es. Aber vor allem ein Wort stach in der Meldung heraus: das Angstgefühl. So laut und so entschieden alle Bekundungen seit dem Anschlag sind, dass wir uns unsere freie Gesellschaft nicht nehmen lassen – die Angst ist jetzt da. (Hier mehr.) Ein Team des SPIEGEL hat in den vergangenen Tagen rekonstruiert, wie es dazu kam, dass der Islamist Abdul Ballout am Samstagabend eine Frau töten und viele schwer verletzen konnte, ein weißer Citroën SpaceTourer als seine Waffe. Abdul Ballout war ein Gefährder aus der Mitte. Er hatte einen deutschen Pass, spielte Fußball im Kiez, ging bis zur zehnten Klasse in die Schule. Warum kann der Staat seine Bürgerinnen und Bürger nicht besser vor Terroristen schützen? Wie kann sich ein Mensch so weit radikalisieren? "Es sieht so aus", schreiben die Kolleginnen und Kollegen, "als wäre allen bewusst gewesen, welche Gefahr von Ballout ausgeht. Viele Instrumente des Rechtsstaats waren im Einsatz, doch keines konnte die Tat verhindern." Ein paar Tage war es still gewesen zwischen den USA und Iran, doch die Kampfpause endete am Dienstag genauso überraschend, wie sie begonnen hatte: Iran startete einen Angriff auf US-Ziele. Erstmals, erklärte mir meine Kollegin Sophie Schneider vorhin, sei außerdem Saudi-Arabien in dieser Woche öffentlich an einem US-Militärschlag beteiligt gewesen. "Das Königreich war lange darum bemüht, sich aus dem Konflikt herauszuhalten", so Sophie. Nun aber griff es gemeinsam mit den USA Ziele im Irak an. Der Krieg ist um eine aktive Partei gewachsen. Und übersichtlicher ist er damit auch nicht geworden. (Hier mehr dazu. ) "Es besteht die reale Gefahr", sagte Sophie, "dass sich dieser Krieg ausweitet." Um besser zu verstehen, warum der Krieg nun auch Saudi-Arabien und den Irak erfasst hat, ist es hilfreich, sich anzuschauen, wer in diesem Konflikt eigentlich gegen wen kämpft. Da sind, auf der einen Seite, Iran mit seinen Verbündeten in der Region, der sogenannten Achse des Widerstands. Ihnen stehen die USA mit ihren Verbündeten am Golf und Israel gegenüber, wobei Israel seit der Waffenruhe vom April kein aktiver Kriegsteilnehmer mehr ist. Wie fragil die Waffenruhe ist, haben die gegenseitigen Angriffe der vergangenen Wochen gezeigt. Je mehr Chaos, desto größer die Gefahr eines Flächenbrandes. Sophie sagt, ein Friedensabkommen wäre die einzige Möglichkeit, um so einen großen regionalen Konflikt einzudämmen. Doch die Bemühungen um eine diplomatische Lösung des Konflikts sind nahezu zum Stillstand gekommen. Das Misstrauen auf allen Seiten ist groß. Hier in Peking, von wo ich heute und morgen diesen Newsletter schreibe, sind stickige 33 bis 37 Grad im Juli und August nicht unüblich. Meine Nachbarin, eine 73-jährige Chinesin, schreibt mir jeden Morgen eine WeChat-Nachricht: "Denke dran, genug abgekochtes Wasser zu trinken und ernähre dich von roter Bohnensuppe. Mache morgens Sport und suche unter großen Bäumen Schatten." Anders als ich hat die alte Lady keine Klimaanlage. Ich habe gehört, in Deutschland wird es auch wieder heiß, bis zu 39 Grad in einigen Regionen. Der Deutsche Wetterdienst warnt vor starker Wärmebelastung. Meine Kollegin Julia Koch hat mit den Leuten vom Hitzetelefon in Freiburg gesprochen. Das Team ruft Seniorinnen und Senioren an, erinnert sie, genug zu trinken, den Ventilator anzuschalten, fragt, wie es den Alten geht. (Lesen Sie hier mehr .) Die Hitzetelefonler erreichen Menschen, für die Hitze lebensbedrohlich sein kann. Ältere Menschen verspüren weniger Durst als junge, können austrocknen, ohne es rechtzeitig zu bemerken. Dazu kommen Wechselwirkungen mit Medikamenten. Angebote wie das Hitzetelefon wird es wohl in Zukunft, wenn die Sommer immer heißer werden, mehr und mehr brauchen. Schön ist der Sommer auch, klar. Vor allem im Freibad. Ich empfehle Ihnen den Text meines Kollegen Frank Thadeusz. Darin erinnert er sich an seine Zeit als Bademeister in Dortmund, mit 19, vor langer Zeit: 1990! Wie er versuchte, den Zehnmeterturm zu räumen, aber niemand daran dachte, auf sein Kommando zu hören. Wie er versuchte, auszusehen wie ein Baywatch-Hasselhoff, aber dafür zu käsig war. Natürlich hätte er gern Mädels abgeschleppt. Stattdessen war er viel im Pipibecken bei den Nichtschwimmern beschäftigt. Haben Sie die "Odyssee" schon im Kino gesehen? Die Kritik an Christopher Nolans Film wird, schreibt mein Kollege Arno Frank, lauter. Gehört so ein Werk, das dem griechischen Dichter Homer zugeschrieben wird, überhaupt ins Kino? Arno schreibt, wie schwer allein die moderne Übersetzung des altgriechischen Texts ist. Wie viel komplizierter ist dann eine Adaption fürs Kino? Jedenfalls, lerne ich in dem Artikel, gibt es zahlreiche Skeptiker. Arno schreibt: "Rechten ist die Besetzung mit Schwarzen oder trans Personen zu "woke", Linke hätten sich eine feministischere Lesart der Vorlage gewünscht. Althistoriker vermissen eine akkurate Darstellung von Helmen und Schiffen der Bronzezeit. Und Hobby-Philologen bemängeln, dass Odysseus mit Penelope nicht in daktylischen Hexametern spricht." Ich bin keine Filmkritikerin, zu antiken Epen im Kino kann ich aber so viel sagen: Als der Film "Troja" des Regisseurs Wolfgang Petersen 2004 in die Kinos kam, kaufte mein Lateinlehrer meiner Klasse damals Tickets. Mich hat der Film so umgehauen, dass ich mir hinterher ein Buch über antike Sagen kaufte, das ich wochenlang nicht aus der Hand legte. So was kann Kino auch. Wollte sich am Strohhalm festhalten: Popstar Katy Perry, 41, performte beim "Isle of MTV Malta"-Festival gerade den Song "I kissed a girl", da ging ihre Bühnenperformance schief. Die Sängerin steckte in einer aufblasbaren XXL-Flasche, in der sie über die Menge ihrer Fans glitt. Die hätten Perry eigentlich zu einem riesigen Strohhalm tragen sollen. Doch die Hände der Fans transportierten die Sängerin erst mal dahin, wo sie es wollten. "Bringt mich zu dem Strohhalm", hörte man Perry rufen, sie war offenbar besorgt, nicht mehr zurückzukommen. Am Ende landete die Flasche inklusive Sängerin dann doch noch beim Strohhalm. Sinn ergibt der Bühnenstunt deswegen noch lange nicht. Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel. Heute und morgen lesen Sie die Lage am Abend aus Peking (wo der Sommer im Moment drückend heiß ist, siehe Abendhimmel auf dem Foto). Dort hat mich eine chinesische Kollegin neulich einen Satz gelehrt, den ich Ihnen auch beibringen will. "Shuǐ duō jiā miàn, miàn duō jiā shuǐ", heißt übersetzt so viel wie "Hast du zu viel Wasser, füge Mehl hinzu. Und hast du zu viel Mehl, füge Wasser hinzu". In dem Sprichwort geht es natürlich kaum ums Backen, sondern viel mehr ums Balancieren des Lebens. Flexibel bleiben. Die Probleme, von denen wir niemals keine haben, mal mit einem Schuss hiervon und mal einem Schuss davon austarieren. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Ihnen das heute gelungen ist. Bis morgen, herzlich aus Peking Ihre Maria Stöhr