Datum29.07.2026 09:40
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz kritisiert die neue Gesundheitsreform als "Notstandsgesetz". Statt bedarfsorientierter Versorgung drohe eine leistungsorientierte, die zu Leistungskürzungen und Praxisschließungen führen könne. Insbesondere die Versorgung von Pflegeheimen und Kinderärzte seien betroffen. Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung wird als bürokratische Verschlechterung kritisiert.
InhaltMit dem Krankenkassen-Sparpaket ist weniger Geld im Topf. Das spüren nicht nur Ärzte, sondern auch Patienten, sagt die Kassenärztliche Vereinigung. Einige hat sie besonders im Blick. Die beschlossene Gesundheitsreform könnte schmerzhafte Folgen für die Patientinnen und Patienten haben, warnt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Rheinland-Pfalz. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa lässt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Andreas Bartels kaum ein gutes Haar an der Gesundheitspolitik des Bundes. "Für mich ist das ein Notstandsgesetz", sagte Bartels zu dem kürzlich verabschiedeten Gesetz aus dem Bundesgesundheitsministerium. Er sieht einen Paradigmenwechsel. "Bisher haben wir die Gesundheitsversorgung immer danach ausgerichtet, wie hoch der Bedarf ist. Jetzt wird Gesundheitsversorgung angeboten nach dem Motto: Wie viel Geld ist in der Kasse?". Und selbst bei einigen an sich guten Ideen des Gesetzes zur Stabilisierung der Beiträge der gesetzlichen Krankenversicherung sei der eingeschlagene Weg ein falscher, kritisierte Bartels. Das Sparpaket soll die gesetzlichen Krankenkassen 2027 von stark steigenden Ausgaben entlasten, um neue Beitragserhöhungen zu verhindern. Vorgesehen sind Ausgabenbremsen bei Praxen, Kliniken, Apotheken und Pharmabranche – aber etwa auch höhere Zuzahlungen für Medikamente und Einschränkungen der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern. Bartels befürchtet, dass unter den neuen Rahmenbedingungen eigenständige, selbstständige Praxen noch weniger Nachfolger finden werden. "Wir haben Ärzte, die verlieren schon richtig existenziell". Dabei werde die Nachfrage nach medizinischer Versorgung angesichts des demografischen Wandels wachsen, die Leistungen würden weniger: "Sie haben eine Reduktion der Leistungsanbieter, es werden sich viele aus dem System verabschieden", schätzt der KV-Vertreter. "Riesengroße Sorgen" macht sich Bartels um die Versorgung von Alters- und Pflegeheimen. "Hausbesuche und Pflegeheimbesuche waren außerhalb des Budgets, jetzt sind sie plötzlich auch in diesem Budgettopf drin", erklärt das KV-Vorstandsmitglied. Sprich: Früher konnten Mediziner solche Leistungen auch dann noch anbieten, wenn das eigentliche Budget erreicht war, künftig geht das nicht mehr. "Das heißt, viele werden sich überlegen, ob sie das noch weiterhin anbieten. Das wird man merken", warnt Bartels. Bei einigen Leistungen könne es dramatisch werden. "Kinderuntersuchungen sind staatlich angeordnet, mehr oder minder. Die Eltern müssen diesen Termin machen. Wenn sie keinen Kinderarzt mehr finden, wird das echt schwierig." Richtig findet KV-Vize Bartels, dass die Reform bei Krankschreibungen ansetzt. "Die Umsetzung ist aber völlig falsch, wenn man jetzt die telefonische Krankschreibung wegnimmt. Die ist erstens eine bürokratische Wohltat für jede Praxis. Zum Zweiten sind das immer nur ein, zwei, drei Tage, das ist nicht dramatisch." Damit ist er auf einer Linie mit dem rheinland-pfälzischen SPD-Gesundheitsminister Clemens Hoch, der moniert hatte, dass keine Entlastung, sondern zusätzliche Bürokratie geschaffen werde – für Patienten und Praxen.