Datum28.07.2026 17:22
Quellewww.spiegel.de
TLDRSatellitenbilder deuten auf erhebliche Ölverschmutzung in der Straße von Hormus und im Arabischen Meer hin, entgegen offiziellen Berichten. Mindestens zwei im Juli beschossene Öltanker verlieren Öl, was zu Ölteppichen führt, die Küstengebiete und sensible Ökosysteme bedrohen. Eine Studie zeigt eine Vervierfachung der Ölverschmutzung im Persischen Golf im März. Diese Vorfälle verdeutlichen die schwerwiegenden ökologischen Folgen des Konflikts in der Region.
InhaltIn der Straße von Hormus treffen Geschosse auch Öltanker, angeblich ohne ökologische Folgen. Eine SPIEGEL-Auswertung von Satellitenfotos legt das Gegenteil nahe. Mitte Juni entstand an der Makran-Küste im Südwesten Pakistans plötzlich ein 20 Kilometer langer Teppich aus Rohöl. Wellen spülten die schwarze, klebrige Masse an den Strand, sie legte sich auf Felsen und tötete Meeresschildkröten. So beschreiben es lokale Medienberichte. Woher genau der Ölteppich kam, ist bis heute ungeklärt. Behörden und Meeresbiologen vermuten ein Leck an einem vorbeifahrenden Tanker oder Frachter auf den internationalen Schifffahrtsrouten im Arabischen Meer, das Öl sei demnach herangetrieben worden durch Winde und Strömungen. Manche Experten sehen aber auch einen möglichen Zusammenhang mit den Kämpfen rund um die Straße von Hormus. Allein seit Mitte Juni wurden dort mindestens zwölf Schiffe vermutlich mit Drohnen oder Raketen beschossen, rund acht davon waren Öl- oder Erdgastanker. Unabhängige Informationen aus der Krisenregion sind rar, auch die Meldungen der britischen Übersichtsseite zu Vorfällen mit Handelsschiffen auf See, UKMTO (UK Maritime Trade Operations Centre), geben oft nicht den genauen Standort der Schiffe wieder. Bei Meldungen zu beschossenen Öltankern steht zudem meist der Satz: "Es wurde kein Umweltschaden gemeldet." Das Meldesystem nimmt jedoch nur die Treffer an dem jeweiligen Tag ins Visier, eine Langzeitbeobachtung, etwa, ob in der Folge Öl ausläuft, fehlt. Eine SPIEGEL-Auswertung von Satellitenbildern legt nahe, dass mindestens zwei im Juli beschossene Tanker Ölschlieren hinter sich herziehen. Ein weiterer leckgeschlagener Öltanker liegt vor der Südküste Omans im Arabischen Meer. Gefährdet sind Schiffe zudem im Roten Meer, da seit vergangener Woche die mit Iran verbündeten Huthis die Meerenge Bab al-Mandab blockieren. Auch dort könnte es zu Angriffen kommen. Der Öltanker "Kavomaleas" der griechischen Reederei Dynacom war vor einer Woche in der Nähe von Kumzar in Oman von zwei Geschossen getroffen worden. Der Tanker unter der Flagge Maltas ist rund 228 Meter lang und 36 Meter breit und kam aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Laut der Plattform "Marinetraffic" hatte der Tanker zuletzt einen Tiefgang von 8,5 Metern; das deutet darauf hin, dass er nicht ganz leer war, beweist eine Ölladung aber nicht vollständig. Es kam nach dem Angriff laut der Reederei zu einem Brand im Maschinenraum, die Besatzung musste nach erfolglosen Löschversuchen evakuiert werden. Danach trieb der Tanker manövrierunfähig in der Meerenge; eine Bergung sei zu gefährlich, da diese Schlepperschiffe zum Ziel iranischer Angriffe werden könnten. Satellitenaufnahmen vom Dienstag vor einer Woche zeigen, dass die "Kavomaleas" unweit der Insel Larak liegt, immer noch brennt und wahrscheinlich größere Mengen Öl austreten. Das Öl tritt auf einer Seite des Tankers aus und scheint sich nach Osten auszubreiten. Das Problem: Die Küste vor der Insel Larak steht unter Kontrolle der iranischen Revolutionswächter. An eine Eindämmung der Ölpest ist daher nicht zu denken. In der Nähe zeigen die Satellitenbilder einen weiteren Tanker, der wahrscheinlich bereits mehrere Wochen angeschossen an der Küste der iranischen Insel Qeschm treibt und vermutlich eine Ölspur hinter sich her zieht. Wann genau er beschossen wurde, ist nicht so eindeutig wie im Fall der "Kavomaleas". Es gibt keine Stellungnahme einer Reederei, auch sein Name ist nicht bekannt. Der genaue Standort des Schiffes zum Zeitpunkt des Beschusses ist ebenfalls schwer zu bestimmen. Störungen und Manipulationen des automatischen Schiffsidentifikationssystems AIS sorgen dafür, dass die Position oft nicht eindeutig zu bestimmen ist. Die Satellitenbilder legen jedoch nahe, dass der Tanker seit Wochen, also mindestens seit Anfang Juli, vor der Küste treibt und offenbar stetig Öl verliert. Das passt zu Meldungen des UKMTO, wonach es Anfang Juli mehrere Angriffe auf Tanker gegeben hat. "Bei beiden markierten Spuren handelt es sich sicher um ausgetretenes Öl", sagt Nina Noelle, Expertin für Umweltkatastrophen bei Greenpeace, die weltweit Havarien von Öltankern beobachtet. Schwieriger sei jedoch zu beziffern, wie viel Rohöl in die Umwelt gelange. "Die erkennbaren Mengen bewegen sich momentan in einer Größenordnung, die wir seit Beginn des Krieges leider wiederholt beobachtet haben", so Noelle. Es seien bisher eher kleinere Austritte, zumindest verglichen mit Unfällen wie dem zweier russischer Tanker im Schwarzen Meer im Dezember 2024. "Dennoch führen auch diese zu einer Verunreinigung und Belastung der Meeresumwelt, da ein Teil der Ölschlieren wahrscheinlich auch Küstengebiete erreichen und sich negativ auf die dortigen sensiblen Ökosysteme auswirken kann. Dass der Krieg ökologische Folgen hat, legt auch eine Studie der University of South Florida vom Juni nahe. Weil sich vor Ort niemand ein Bild machen kann, werteten die Forscher Nasa-Satellitendaten der vergangenen Monate aus, verglichen diese mit dem Vorjahr – und fanden Erstaunliches: Im März 2026 bedeckten Ölteppiche im Persischen Golf viermal so viel Fläche wie ein Jahr zuvor. Vermutlich lief das Öl aus Tankern aus, die in der gesperrten Straße von Hormus festsitzen, ein Teil könnte demnach auch von beschossenen Ölanlagen an der Küste stammen. "Das ist eine enorme Zunahme der Ölverschmutzung", sagte Brian Barnes , wissenschaftlicher Mitarbeiter am College of Marine Science und Mitautor der Studie. "Wir wussten, dass es Veränderungen geben würde, aber nicht in diesem Ausmaß." Besorgt sind die Wissenschaftler um die Schutzgebiete der Region. So sei aus einem beschädigten Schiff in der Churan-Meerenge kontinuierlich Öl ausgetreten und habe dort dicke Ölteppiche gebildet. Diese würden ein erhebliches Risiko für das benachbarte Hara-Mangroven-Reservat darstellen. Der SPIEGEL hatte über das Unesco-Biosphärenreservat und den Ölteppich bereits im April berichtet. Lesen Sie hier den Beitrag. Die aktuellen Ölschlieren der beiden leckgeschlagenen Tanker befinden sich jedoch auf der südöstlichen Seite von Qeschm, während das Naturschutzgebiet im Nordwesten der Insel liegt. Umweltschäden an Küsten und in Häfen in der Region sind dennoch nicht ausgeschlossen. Das Risiko von Umweltschäden weitet sich derzeit auf das Rote Meer und Schutzgebiete im Arabischen Meer vor der Südküste des Jemen und Omans aus. So liegt seit Juni das Wrack der "Caroline Bezengi" nahe der Insel al-Qibliyya vor der Dhofar-Küste im Süden Omans. Der Tanker gehört zu Russlands Schattenflotte, die mit sanktionierten Schiffen Rohöl transportiert. Die "Caroline Bezengi" wurde laut Angaben von Marinetraffic in Noworossijsk geladen und war auf dem Weg nach Indien, als sie vor Oman havarierte – laut Medienberichten durch eine Explosion an Bord. Der genaue Grund dafür ist nicht bekannt. Seit Juni tritt Öl aus dem nahezu voll beladenen Tanker aus; der Teppich bedeckt eine Fläche von mittlerweile drei Quadratkilometern (das entspricht mehr als 400 Fußballfeldern) bis 20 Quadratkilometern (2800 Fußballfelder), schätzt Greenpeace-Expertin Noelle. Das Wrack liegt in einem Meeresschutzgebiet. Da weiter Öl austritt, droht eine Umweltkatastrophe. Das Gebiet ist seit November 2025 per Dekret des Sultanats Oman als Meeresschutzgebiet ausgewiesen und beherbergt Buckelwale, Delfine, Meeresschildkröten und international bedeutende Seevogelkolonien.