Entbürokratisierung: Mit dieser Schere will Boris Palmer den Staat zurechtstutzen

Datum28.07.2026 15:55

Quellewww.zeit.de

TLDRBoris Palmer wird ehrenamtlicher Berater des baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Seine Aufgabe ist es, in den nächsten zwei Jahren die Bürokratie zu reduzieren. Palmer will dabei nicht radikal vorgehen, sondern "behutsame Präzisionsarbeit" leisten, um Regeln zu straffen, ohne das System zu schwächen. Er vergleicht seine Methode mit dem Schnitt eines Obstbaums, um Wachstum und Ertrag zu fördern.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Entbürokratisierung“. Lesen Sie jetzt „Mit dieser Schere will Boris Palmer den Staat zurechtstutzen“. Er ist gekommen, um zu kappen, zu schneiden und zu stutzen: Boris Palmer, hauptamtlich Oberbürgermeister von Tübingen, soll für die nächsten zwei Jahre die Bürokratie bekämpfen in Baden-Württemberg, Regeln, Normen und Standards zurechtstutzen. Als ehrenamtlicher Berater von Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) soll er helfen, den Regel-Dschungel im Südwesten zu lichten. ` "Die Zeit ist reif", sagte der parteilose Politiker nun in Stuttgart. "Die Regeln haben wir selbst gemacht, also können wir sie auch ändern." Er wolle sich Ideen ausdenken und Özdemir und Vize-Regierungschef Manuel Hagel Vorschläge unterbreiten. Bezahlt wird Palmer dafür nicht, seinen neuen Job erledigt er zusätzlich zu seinem Amt im Rathaus. Die Aufgabe will der 54-Jährige aber nicht mit der Kettensäge angehen. Palmer setzt auf Feinarbeit und wählt kleineres Besteck: Bei der Vorstellung seines neuen Amts in Stuttgart bringt er für die Symbolik die Baumschere seines Vaters mit, mit der dieser bis kurz vor dem Tod noch Bäume geschnitten habe. Es sei ein wichtiges Erbstück, sagt Palmer. Sein Vater Helmut Palmer - der vielen als "Remstal-Rebell" in Erinnerung geblieben ist - galt als ausgewiesener Fachmann für den Obstbaumschnitt. Palmers Problem: Über die Jahrzehnte ist auch im Südwesten ein immer dichteres Geflecht aus Regeln, Normen und Standards gewachsen, das nun der Wirtschaft die Luft abschneidet. Ex-Ministerpräsident Winfried Kretschmann beschrieb dieses Dickicht gern als Brombeergestrüpp. "Mit Brombeergestrüpp kenne ich mich nicht aus, aber mit Obstbäumen", sagt Palmer nun - und nutzt die Gelegenheit für einen kleinen Exkurs in die Kunst des Baumschnitts: Wer einen alten, verwilderten Obstbaum einfach radikal zurückschneide, erreiche meist das Gegenteil: Im nächsten Jahr schießen umso mehr neue Triebe hervor. "Das ist wie die Hydra aus der Mythologie - oder wie die Bürokratie: Für eine Regel, die du rausschmeißt, werden zehn neue geschaffen. Du kommst nie weiter", so Palmer.  Sein Rezept lautet deshalb: nicht Kahlschlag, sondern behutsame Präzisionsarbeit. Tragende Äste müssten stehen bleiben, entfernt werde nur, was den Baum störe. Dann beruhige sich der Baum – und trage wieder gute Früchte. Genau so stellt sich Palmer auch den Bürokratieabbau vor: mit einer Schere, die möglichst präzise ansetzt. © dpa-infocom, dpa:260728-930-450990/1