Euro-Motive: Der Fuffi kriegt ’nen Vogel

Datum28.07.2026 15:57

Quellewww.zeit.de

TLDRDie EZB startet eine Online-Abstimmung über die neuen Euroscheine, um die Akzeptanz zu erhöhen. Bürger können zwischen Naturmotiven (Vögel) und kulturellen Motiven (historische Persönlichkeiten) wählen. Die EZB hat jedoch bereits entschieden, welche Persönlichkeiten und welcher Vogel erscheinen sollen. Die Abstimmung erlaubt lediglich die Auswahl zwischen diesen bereits getroffenen Entscheidungen, was kritisiert wird.

InhaltDie EZB startet eine Online-Abstimmung über die neuen Motive der Euroscheine. Dabei werden wesentliche Entscheidungen bereits vorweggenommen – mit einer Ausnahme. Cervantes oder Basstölpel? Maria Callas oder Bienenfresser? Je länger man über die Online-Abstimmung nachdenkt, mit der die Europäische Zentralbank (EZB) den Bürgern erlauben will, bei der Motivwahl für die neuen Euroscheine mitzuwirken, desto bizarrer wirkt die Aktion. Die EZB meint, damit die Akzeptanz der europäischen Währung zu erhöhen – aber hat es bisher daran gemangelt? Jedenfalls sind noch keine Versuche bekannt geworden, lieber mit Schafsfellen, Muscheln oder Mandeln statt mit Euro zu bezahlen. Auch ein Rückfall in die Tauschwirtschaft ist bislang selbst bei agrarisch geprägten Neumitgliedern der EU nicht beobachtet worden. Also, was könnte so fragwürdig an einem modernisierten Design des Geldes sein? Bisher waren darauf Fantasiebrücken zu sehen, mit allerlei Architekturzitaten. Jetzt sollen es entweder Vögel oder historische Persönlichkeiten sein, also entweder die Natur oder Kulturgeschichte des Kontinents gefeiert werden. Vielleicht weiß die EZB selbst nicht so genau, was sie jetzt lieber will, oder es hat schrecklichen Streit in Gremien gegeben, ein Abgrund ideologischer Differenzen öffnete sich … oder die Slowakei hat zu allem Nein gesagt und wollte stattdessen lieber den Rubel einführen. Wahrscheinlich ist das nicht. Denn etwas anderes weiß die EZB genau, nämlich welche Vögel es sein sollen, wenn Vögel erwünscht, oder, im anderen Fall, welche Persönlichkeiten als geldscheinwürdig anzusehen wären. Maria Callas soll es für fünf Euro geben, Beethoven für zehn, Marie Curie für zwanzig, Cervantes für fünfzig, Leonardo da Vinci für hundert und Bertha von Suttner für zweihundert. Das scheint doch, auch aus feministischer Sicht, ziemlich ausgewogen. Man könnte höchstens über das Ranking nachdenken: Ist Bertha von Suttner wirklich 40-mal so viel wert wie Maria Callas? Andererseits wird ein Fünf-Euro-Schein öfter in die Hand genommen als ein Zweihunderter, man könnte also tadelnd einwenden, dass auf diese Weise die ohnehin weniger bekannte Pazifistin und Frauenrechtlerin auch währungsmäßig eine Exotin bliebe. Aber alle diese interessanten und heiklen Fragen sind der Abstimmung leider entzogen, genauso wie die Frage nach der ornithologischen Auswahl. Die EZB hat sich schon für den Basstölpel entschieden – und gegen die Rohrdommel etwa. Sie hält den Eisvogel für geeigneter als den Zaunkönig, den Mauerläufer für präsentabler als den Mauersegler. Sie sagt uns nicht warum, und das ist vielleicht besser so, denn um die Vorzüge und Verehrungswürdigkeit von Vögeln kann noch erbitterter gestritten werden als um die Verdienste historischer Persönlichkeiten. Natürlich ließe sich auch fragen, warum Beethoven und nicht Mozart? Aber großzügig betrachtet ist bei Beethoven vieles von Mozart bewahrt, und so muss sich kein Fan aufregen, während beim Eisvogel nichts vom Zaunkönig enthalten ist, weswegen sich fanatische Zaunkönig-Watcher sehr wohl aufregen könnten, weshalb ihr schwer zu sichtender Liebling auch hier wieder übersehen wurde. Es handelt sich, kurzum, schon wieder um eine jener manipulierten Umfragen, bei denen wesentliche Grundsatzentscheidungen bereits vorweggenommen wurden. Mit Ausnahme einer, die vielleicht nicht die brisanteste ist – oder doch? Wenn man es genau bedenkt, geht es nicht um die Wahl zwischen Natur und Kultur, sondern um die Frage, ob nur Tote oder auch noch Lebende auf Geldscheine gehören. Cervantes ist nicht mehr unter uns, während der Eisvogel weiterhin quietschbunt und quietschvergnügt nach seinen Fischchen schnappt. Bei Straßennamen gilt ja die Ehrung Lebender als verpönt; Adolf Hitler war damals eine Ausnahme. Aber wie ist es beim Geld? Wer keins hat, dem wird es egal sein, aber alle anderen werden sich mit Vögeln an ihrem Vermögen mehr freuen als mit toten alten weißen Frauen und Männern.