Meinung: Die Lage am Morgen: Merz treibt die CDU zur Revolte an – gegen sich selbst

Datum28.07.2026 05:46

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie CDU-Basis rebelliert gegen Parteichef Merz wegen seines unüberlegten Personalumbaus. Parallel dazu treffen sich Israels Premier Netanyahu und US-Präsident Trump, wobei ihre Interessen im Nahen Osten auseinandergehen. Zudem zeigt eine Umfrage, dass 39% der Deutschen nicht mehr an die Lohnung von Leistung glauben, ein alarmierender Wert für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

InhaltDer Kanzler verscherzt es sich mit seiner Partei. Israels Premier Netanyahu trifft Präsident Trump. Und: Mehr als jeder dritte Deutsche glaubt nicht, dass Leistung sich lohnt. Das ist die Lage am Dienstagmorgen. Heute geht es um den Frust vieler Christdemokraten mit ihrem Kanzler. Um das Wiedersehen von Israels Premier Netanyahu mit US-Präsident Trump. Und um mögliche Lehren aus dem CSD-Anschlag. Eine besonders eindrucksvolle Szene in Christopher Nolans Verfilmung der "Odyssee" ist jene auf der Insel Thrinakia. Da begehren die erschöpften, frustrierten Gefährten des Odysseus gegen ihren sturen Anführer auf, werfen ihm Kälte und Eigensinn vor, es droht der Bruch. So in etwa stelle ich mir den Verlauf der gestrigen CDU-Vorstandssitzung vor. Friedrich Merz hat in der Schalte Ärger bekommen. Wie mein Kollege Christian Teevs von mehreren Teilnehmern erfuhr, wurde der Kanzler und Parteichef teils heftig für sein rumpeliges Vorgehen beim Personalumbau in der Regierung und in der CDU kritisiert, besonders für seinen unsensiblen Umgang mit Noch-Verkehrsminister Patrick Schnieder. So fuhr der Bremer Landesvorsitzende Heiko Strohmann Merz laut Teilnehmern an: "Sie führen kein Unternehmen, das ist eine Partei." Noch während die Sitzung lief, machte ein Brief der rheinland-pfälzischen Landtagsfraktion die Runde, in dem die Christdemokraten auf Distanz zum Kanzler gehen (mehr hier). Kurz darauf äußerte der ebenfalls überraschend geschasste Parlamentarische Staatssekretär im Gesundheitsministerium Tino Sorge sein Befremden über Merz’ Führungsstil per Mitteilung in sozialen Netzwerken (mehr hier). Christian schreibt: "Dass Teile des Vorstands so deutlich Kritik an Merz äußern, dass die scharfen Zitate sofort nach draußen sickern und Christdemokraten sich auch öffentlich gegen den Kanzler positionieren: All das stellt nicht nur die Autorität des Kanzlers infrage, es gefährdet die Stabilität der Regierung." Es wirkt, als habe es Merz darauf angelegt, so kurz vor drei Landtagswahlen seine Partei gegen sich aufzubringen. Der Kanzler hat sich einen großen, nicht bis ins Letzte durchdachten Personaltausch in den Kopf gesetzt und hält es offensichtlich nicht für nötig, sich darüber mit anderen abzustimmen. Das widerspräche wohl seinem Verständnis von Führung. Heute haben Merz und seine Gefährten erst mal Ruhe voneinander. Der Kanzler reist nach Irland. Vielleicht möchten Sie die "Odyssee" noch sehen (hier  eine Rezension), daher verrate ich über den weiteren Verlauf der Machtprobe auf Thrinakia nur so viel: Die Sache ging für niemanden gut aus. Israels Premierminister Benjamin Netanyahu ist heute zu Besuch bei US-Präsident Donald Trump. Zum achten Mal seit Beginn der zweiten Amtszeit Trumps. Bei den bisherigen Begegnungen ging es Netanyahu vor allem darum, die USA für Schläge gegen Iran und dessen Nuklearanlagen zu gewinnen, sie immer tiefer in die Konfrontation mit der Islamischen Republik hineinzuziehen. Damit war Netanyahu erfolgreich. Inzwischen aber scheint Trump die Lust am Krieg verloren zu haben. Seit Freitag verzichtet das US-Militär auf nächtliche Angriffe gegen Iran. Ein Grund dafür sind wohl die nahenden US-Zwischenwahlen: Selbst enge Verbündete Trumps bei den Republikanern fordern inzwischen offen ein Ende des weithin unbeliebten Krieges. Ein anderer Grund für die ausgesetzten Attacken dürften die gefährlich großen Lücken sein, die der Krieg im US-Arsenal gerissen hat: Den Amerikanern und ihren Verbündeten am Golf gehen die Flugabwehrwaffen aus. Trump selbst begründet die jüngste Zurückhaltung damit, dass er Verhandlungen eine Chance geben wolle. Immer klarer zeigt sich, dass die Interessen Trumps und Netanyahus im Nahen Osten auseinandergehen. Der Israeli will die Angriffe fortsetzen, bis die iranischen Nuklearfähigkeiten vollends vernichtet sind. Der Amerikaner will die Straße von Hormus für Öl- und Gastanker öffnen, am liebsten sofort. Und Teheran versteht es, die Prioritäten des einen gegen die des anderen auszuspielen. Die Waffenbrüder Trump und Netanyahu werden sich gewiss auch heute als Freunde inszenieren, als Buddys. Der Riss, den dieser Krieg in ihr Verhältnis getrieben hat, dürfte trotzdem sichtbar werden. Deutschland hat ein erhebliches Motivationsproblem. Diesen Schluss legt das Ergebnis einer neuen repräsentativen Onlineumfrage nahe, die das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Statista+ im Auftrag des SPIEGEL durchgeführt hat. Demnach sind 39 Prozent der befragten Erwerbstätigen in Deutschland der Ansicht, dass sich Leistung im Job nicht lohne. Mehr als jeder Dritte geht also täglich im Glauben zur Arbeit, dass es eigentlich egal sei, ob er sich anstrengt oder ob sie sich mehr einbringt, als unbedingt nötig. Das ist ein alarmierend hoher Wert. Wenn so viele Menschen bezweifeln, dass sich persönlicher Einsatz auszahlt und es gerecht zugeht, schwindet der gesellschaftliche Zusammenhalt. Dann haben es Politikerinnen und Politiker leicht, die Ausgrenzung predigen und Ängste schüren. Meine Kollegin Maren Hoffmann geht in ihrem Text über diese erhellende Umfrage der Frage nach, was dahintersteckt. Weshalb also der Glaube daran bröckelt, dass individuelle Leistung mit beruflichem Fortkommen belohnt wird. Faulheit, so viel sei hier verraten, ist nicht die Antwort. Noch mehr Rätsel wie Viererkette, Wordle und Paarsuche finden Sie bei SPIEGEL Games. …ist Bundesinnenminister Alexander Dobrindt. Der Kanzler hatte am Montagmittag noch erklärt, für eine Antwort auf die Frage, welche politischen Konsequenzen aus dem Anschlag beim CSD in Berlin zu ziehen sind, sei es "noch zu früh". Da hatte Dobrindt bereits einen "Drei-Punkte-Plan" fertig. Der CSU-Politiker fordert einen härteren Umgang mit sogenannten Gefährdern, also mit Menschen, denen die Polizei politisch motivierte Straftaten bis hin zu Anschlägen zutraut. So soll bei erwachsenen Gefährdern nicht mehr das Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen. Zudem sollen elektronische Fußfesseln verstärkt eingesetzt werden, und die Unterbringung von Gefährdern in Präventivhaft soll bundeseinheitlich geregelt werden. Hätte etwas davon den mutmaßlichen CSD-Attentäter Abdul B. aufgehalten (mehr zu ihm hier )? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Dobrindts Plan ist sicher auch politische Krisen-PR. In der Sache ist er dennoch richtig. Es braucht mehr Konsequenz gegen gewaltbereite Extremisten. Dobrindt skizzierte seine Pläne am Montag in mehreren Interviews. Er tat dies auf eine angemessen ruhige, sachliche Art. Daran könnte sich manch einer in der Union ein Beispiel nehmen. Was Sportuhren, Fitnessarmbänder oder Apps alles messen können, ist verblüffend. Sollte man ihnen mehr vertrauen als dem eigenen Körpergefühl? Ein Wearable-Forscher erklärt die Tücken der vielen Daten . Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Ihre Marina Kormbaki, stellvertretende Leiterin des SPIEGEL-Hauptstadtbüros