Datum27.07.2026 17:20
Quellewww.spiegel.de
TLDRWaldbrände in Frankreich und Spanien, ausgelöst durch Hitzewellen und Landflucht, wüten. Friedrich Merz entlässt Verkehrsminister Schnieders wegen Unzufriedenheit mit der Bahn-Sanierung. Nach dem CSD-Attentat in Berlin wird die Jugendstrafe des mutmaßlichen Attentäters Abdul B. und dessen Radikalisierung diskutiert. Ein spanischer Mango-Erbe wird des Vatermords verdächtigt. FIFA-Präsident Infantino kritisiert Medien.
InhaltIn Frankreich und Spanien brennen die Wälder, Friedrich Merz baut sein Kabinett um und nach dem Attentat auf den CSD in Berlin wird die Schuldfrage diskutiert. Das ist die Lage am Montagabend. Die drei Fragezeichen heute: Ende Juli und Anfang August geht die Lage am Abend auf Weltreise: SPIEGEL-Korrespondentinnen und -Reporter berichten aus den Metropolen und entlegenen Ecken Asiens, Afrikas, Amerikas und Europas. Und natürlich bekommen Sie hier auch weiterhin Ihr Nachrichten-Briefing: News, Meinung, Storys – alles, was am Tag wirklich wichtig ist. Man bekommt in diesem Sommer einen ziemlich guten (oder schlechten) Eindruck davon, was der Klimawandel für Europa bedeutet. Ich wohne mit meiner Familie in Paris, und er begann in diesem Jahr schon im Juni mit einer Hitzewelle, die mich wehmütig an meine Zeit als US-Korrespondent zurückdenken ließ, als ich der schwülen Washingtoner Sommerhitze trotzte, indem ich die Klimaanlage aufdrehte. In Paris mussten wir uns – wie die meisten unserer Nachbarn – mit Ventilatoren behelfen, um die schwere und heiße Luft in der Wohnung wenigstens etwas in Bewegung zu bringen. Vergangene Woche dann waren wir für ein paar Tage auf Cap Ferret im Südwesten Frankreichs, wo man schon am Mittwochabend am Strand erahnen konnte, welches Feuerinferno sich weiter nördlich entwickelt. Wir sind dann am Donnerstagmorgen etwas früher abgereist, was sich als weise Entscheidung herausstellen sollte: Es dauerte von da an nicht mehr lange, bis die einzige Ausfallstraße von der Halbinsel im Atlantik von einer Feuerwand eingenommen war. Noch sind die Feuer in Frankreich und Spanien nicht unter Kontrolle. Mein Kollege Christoph Seidler beschreibt in einer interessanten Geschichte, wie die Brände auch mit der Landflucht zu tun haben. (Hier mehr. ) Weil es in der spanischen Provinz immer weniger Landwirte und Schäfer gebe, breite sich der Wald aus, der im Sommer Nährboden für die Brände sei. Christoph sprach mit Experten, die sagen, dass durch die Änderungen der Landschaft die Brennstoffmasse oft auf mehr als 30 Tonnen pro Hektar ansteige. Ab dieser Schwelle würden die Brände so heftig, dass sie nur noch aus der Luft bekämpft werden können. Zu den Rätseln der Personalpolitik von Friedrich Merz gehört die Frage: Warum um Himmels willen wollte der Kanzler seinen Verkehrsminister Patrick Schnieder vor die Tür setzen? Der brave Rechtsanwalt aus der Eifel war nicht unbedingt der Star des Bundeskabinetts. Aber er war dann auch nicht viel glanzloser als der Rest der Truppe. Oder können Sie aus dem Kopf heraus sagen, wie der deutsche Landwirtschaftsminister heißt? Oder die Bundesbauministerin? Zu den unglücklichen Umständen des Rauswurfs von Schnieder gesellte sich deshalb auch noch die Frage, warum es bei dem Kabinettsumbau ausgerechnet ihn getroffen hat. Mein Kollege Gerald Traufetter bringt hier ein wenig Licht ins Dunkel. (Hier mehr dazu. ) In seinem Kommentar schreibt er, dass der Kanzler unzufrieden gewesen sei, weil Schnieder es nicht geschafft habe, die Sanierung der Bahn schnell genug voranzubringen und privates Geld für Infrastrukturprojekte zu organisieren. Die Entlassung sei deshalb richtig, schreibt Gerald, auch wenn die Begleitumstände mehr als unschön waren. Nun soll es Steffen Bilger richten, der Parlamentarische Geschäftsführer der Unions-Bundestagsfraktion, der immerhin schon einmal im Verkehrsministerium gedient hat. Es wird, so viel lässt sich jetzt schon sagen, nach dem Chaos der vergangenen Tage keine leichte Aufgabe. Nach dem Tod des mutmaßlichen Attentäters Abdul B. bei einem Polizeieinsatz beginnt die Debatte, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass der Mann einen Transporter in den Christopher Street Day in Berlin steuern konnte. Abdul B. hatte trotz seiner jungen Jahre eine lange Radikalisierungsgeschichte hinter sich. Er saß noch vor Kurzem in Untersuchungshaft, weil er Terrorpläne hegte. Die Generalstaatsanwaltschaft forderte für ihn fast drei Jahre Gefängnis wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Doch das Amtsgericht Tiergarten verurteilte ihn im Mai nur zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, und er kam mit einer sogenannten Vorbewährung auf freien Fuß – eine Entscheidung, die nun heftig diskutiert wird. "Abdul B. hatte eine Gewaltgeschichte, war fest entschlossen, sich in Syrien dem IS anzuschließen, hat das über Monate versucht", sagte der Terrorismusexperte Peter R. Neumann meinem Kollegen Florian Kistler. (Hier mehr.) "Abdul B. hat zudem in den sozialen Medien seine Unterstützung für den IS zum Ausdruck gebracht. Bei dieser ganzen Liste schrillt bei mir jedes Alarmsignal. Trotzdem kam das Gericht offenbar zu dem Schluss, er habe sich glaubwürdig vom IS distanziert. Das kann ich nicht verstehen, auch wenn ich hier keine Justizschelte betreiben will." Am Berg wollte er sich mit dem Sohn aussprechen – dann stürzte er in den Abgrund: Vatermord oder Familientragödie? Die Ermittlungen gegen den Mango-Erben Jonathan Andic sind in Spanien zur nationalen Obsession geworden. Immer neue Details sickern durch. Presse-Pressing: Gianni Infantino, 56, hat sich nach dem Ende der Fußball-Weltmeisterschaft mit einem Rundumschlag gegen die Medien zu Wort gemeldet. Normalerweise halte ich mich mit Kommentaren zum Fußball zurück. Der Sport hat mich noch nie interessiert, und ich verstehe von ihm so viel wie eine Kuh vom Seiltanzen. Als mäßig interessiertem Beobachter erscheint es mir aber eher gewagt, wenn ein Fifa-Präsident, der ganz offenkundig auf Druck von US-Präsident Donald Trump die Sperre wegen einer Roten Karte gegen einen US-Spieler wieder aufheben ließ (oder dies zumindest mit Erfolg anregte), anderen Ratschläge in Sachen Ethik und Aufrichtigkeit gibt. Ich finde: wenn schon korrupt, dann ehrlich. Er schrieb: "An diejenigen, die hinter ihren Stiften und Blättern, hinter ihren Bildschirmen sitzen und Hass und falsche Gerüchte verbreiten, möchte ich sagen: Während ihr euch im Hintergrund versteckt, stehen wir bei der Fifa an vorderster Front, organisieren, arbeiten hart und sorgen dafür, dass die beste Show der Welt stattfindet." Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel. Sommer ist die Zeit, sich Romane vorzunehmen, die einem in hektischeren Zeiten als zu voluminös erscheinen. Ich habe in den vergangenen Wochen Stendhals "Rot und Schwarz" wieder für mich entdeckt, diese wunderbare Aufstiegsgeschichte des Julien Sorel, der es vom Sohn eines Sägemühlenbesitzers im französischen Jura bis in die beste Pariser Gesellschaft schafft. Es ist ein Roman über Klasse und Liebe und Verführung. Und über den Ehrgeiz eines jungen Mannes, der für Napoleon brennt und seine politischen Leidenschaften im Frankreich der Restauration doch verstecken muss. Es ist unmöglich, dieses Buch nicht zu mögen; und wenn Sie im Urlaub Ihre Französischkenntnisse auffrischen wollen, bekommen Sie es in praktisch jeder guten französischen Buchhandlung für weniger als fünf Euro. Einen schönen Abend. Herzlich Ihr René Pfister, Paris