Datum27.07.2026 05:30
Quellewww.zeit.de
TLDRDie über 135 Jahre alte Dampfeisenbahnfähre "Stralsund" in Wolgast, das letzte seiner Art in Europa, steht vor dem Ende des Betriebs durch ihren ehrenamtlichen Förderverein. Da die Mitglieder über 70 Jahre alt sind und über 30.000 Stunden ehrenamtlich investiert haben, sucht die Stadt nun dringend neue Betreiber. Das Schiff ist ein wichtiges technisches Kulturdenkmal, das die maritime und Verkehrsgeschichte der Region prägt. Interessenten können bis Ende September Vorschläge einreichen.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Technisches Denkmal“. Lesen Sie jetzt „Über 135 Jahre alte Eisenbahndampffähre sucht neue Betreiber“. In der vorpommerschen Hafenstadt Wolgast steht ein einzigartiges Schiff derzeit vor einer ungewissen Zukunft: Das Dampfeisenbahnfährschiff "Stralsund" stammt aus dem Jahr 1890 und bietet auf mehr als 30 Metern Gleis drei Personenwagen oder drei bis vier Güterwagen Platz. Es sei das einzige noch existierende Dampfeisenbahnfährschiff in Europa, sagt Wolfgang Mante vom Förderverein des Schiffs. "Viele sagen ja der Welt, aber ich weiß es nicht, was noch auf der Welt irgendwo umherdümpelt." Nach zwölf Jahren, in denen sich sein Verein um das Schiff gekümmert hat, soll Ende des Jahres Schluss sein. "Wir sind tatsächlich alle 70 plus", erklärt Mante. "Jetzt müssen wir irgendwann mal einen Schlussstrich ziehen, damit wir auch noch mal in Ruhe etwas Anderes machen können." Einfach falle ihnen die Entscheidung nicht. "Das tut uns verdammt weh, wenn wir damit aufhören." Das Schiff wurde nach Angaben des Vereins 1890 im heutigen Elblag in Polen (damals das preußische Elbing) gebaut und wurde anschließend als Eisenbahnfähre zwischen Rügen und dem Festland eingesetzt. Später habe es Usedom und Wollin verbunden. Das Schiff war den Angaben zufolge über 100 Jahre als Fähre im Einsatz und habe lange auch in Wolgast Güterwagen übergesetzt. Zum Ende hin habe ein Schlepper den Antrieb geliefert. 2014 habe der Förderverein das Schiff aus seinem "Dornröschenschlaf" erweckt, sagt Mante. Es habe zwar einen Museumsbetrieb gegeben, aber: "Aus den Schienen wuchsen schon kleine Bäume", so der 76-Jährige. Man habe Geld gesammelt und nach 30 Jahren das Schiff erstmals auf eine Werft gebracht. Dort habe die Fähre etwa einen neuen Unterwasseranstrich erhalten. Schließlich sei sie an ihren neuen und auch derzeitigen Liegeplatz im Stadthafen gekommen. Jahrelang hat der Verein laut Mante etwa Musik-Konzerte auf dem Schiff veranstaltet. Vor der Corona-Pandemie hätten etwa 1.000 Menschen das Schiff jährlich besucht. Am vorletzten Juli-Wochenende habe man ein Abschiedskonzert auf dem Schiff veranstaltet. Über 300 Wolgaster und Wolgasterinnen seien an den zwei Tagen an Bord gewesen. "Natürlich müssen wir uns immer den Spruch anhören: "Warum hört ihr auf? Macht doch einfach weiter"", sagt Mante. "Ich habe gesagt, "Ne. Wenn wir jetzt weitermachen, können wir gar nicht aufhören."" Zum 135. Geburtstag des Schiffs im vergangenen Jahr habe seine Frau die ungefähren Arbeitsstunden ausgerechnet, die der Verein investiert habe. "Über 30.000 Ehrenamtsstunden haben wir dort geleistet." Die Stadt sucht nun nach Interessenten, die das Schiff weiter betreiben wollen. Im Rahmen eines entsprechenden Verfahrens haben sich nach Angaben der Stadtverwaltung aber noch keine Kandidaten gemeldet. Dass die "Stralsund" Wolgast gänzlich verlässt, sei nicht vorgesehen. Mante sagt, deshalb habe man einem Schreiben der Stadt, das den Rahmen für mögliche Interessenten absteckt, auch zugestimmt. Die Stadt betont auf Anfrage die Bedeutung der Fähre: "Das Schiff ist ein herausragendes technisches Kulturdenkmal und ein sichtbarer Bestandteil der maritimen Geschichte der Stadt Wolgast sowie der Verkehrsgeschichte des Peenestroms, Usedoms und der südlichen Ostseeregion." Daher habe es sowohl für die Stadt in touristischer Hinsicht als auch für die Wolgasterinnen und Wolgaster große Bedeutung. Zum 31. Dezember will der Verein das Schiff zurück an die Stadt geben. Bis Ende September können Interessenten ihre Vorschläge einreichen. "Sollten bis zur gesetzten Frist keine Interessenbekundungen eingehen, wird zunächst über eine Fristverlängerung entschieden", heißt es von der Stadt. Mante sagt, sollten sich Menschen melden, die die Arbeit des Vereins fortsetzen wollten, werde man sie ein Jahr lang begleiten. © dpa-infocom, dpa:260727-930-443063/1